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Scientologen wieder auf Seelenfang
- Von
Hugo Stamm
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- Tages-Anzeiger; 23.05.2007
- [Texte
intégral]
Viele Passanten ärgern sich, dass Scientologen regelmässig an bester
Lage in
Zürich Informationsstände aufstellen dürfen. Eine Missionstätigkeit mit
dem
Segen der Behörden.
Die Menschenfischer der Scientology-Sekte nähern sich den
Passanten auf Samtpfoten. Sie nennen sich ehrenamtliche Geistliche und
sprechen die Leute mit einem gewinnenden Lächeln an. Die gewitzten
Missionare laden die Leute manchmal zu einer Art Massage ins gelbe
Zelt, um
sie angeblich von Stress zu befreien. Dass die Passanten auf dem
Schragen
der Scientologen gelandet sind, erfahren sie frühestens beim Gespräch
mit
ihrem «Masseur». Den Schriftzug Scientology sucht man vergeblich.
Manche Passanten reagieren verärgert, wie Mails und Anrufe von
genervten
Zürchern zeigen. «Es ist ein Skandal, dass die Scientologen an bester
Lage
neue Mitglieder ködern können», sagt ein TA-Leser. Tatsächlich haben es
die
Standplätze in sich: Paradeplatz, Pestalozziwiese, Bahnhofstrasse,
Hirschenplatz, Albisriederplatz.
Werbung mit Wunderheilung
Das Motto der ehrenamtlichen Geistlichen: «Wenn Sie besorgt, traurig
oder
verängstigt sind oder Ihre Fassung verloren haben oder wenn Sie ganz
einfach
mit jemandem sprechen möchten: Wir sind jederzeit da, um Ihnen
zuzuhören,
Sie zu verstehen und Ihnen praktische, seelsorgerische Hilfe zu geben.»
Die
ehrenamtlichen Geistlichen sind überzeugt, besondere Heilkräfte zu
besitzen.
Auf ihrer Homepage preisen sie eine Wunderheilung, die sich in den USA
ereignete: Ein 13-jähriger Knabe lag nach einem Unfall im Koma, die
Ärzte
waren machtlos. Die Mutter alarmierte eine Scientologin, welche die
gleiche
Massage («Touch Assists») wie ihre Kollegen an der Zürcher
Bahnhofstrasse
applizierte. Zwei Tage später habe der Knabe die Intensivstation
verlassen
können, erklären die Scientologen.
Ursprünglich hatte die Stadtzürcher Verwaltungspolizei den Scientologen
verboten, auf öffentlichen Plätzen Werbeschriften zu verteilen. Das
Verwaltungsgericht hat vor Jahren die Verfügung aufgehoben, das
Bundesgericht den Entscheid gestützt. Seither muss die Polizei
Standgesuche
bewilligen. Die Religionsfreiheit erlaubt auch Sekten, in der
Öffentlichkeit
für ihre Heilslehre zu werben und neue Mitglieder zu missionieren.
Scientology wird lediglich verboten, Kurse, Geräte oder Bücher zu
verkaufen.
Den Persönlichkeitstests, den Scientologen früher tausendfach in Zürich
gestreut hatten, dürfen sie nicht mehr verteilen, weil dieser keinen
religiösen Inhalt vermittelt.
48 Standaktionen pro Jahr
Wer allerdings Ideologie und Praxis der Scientologen kennt, empfindet
das
Urteil des Bundesgerichts als praxisfremde und formaljuristische
Wortklauberei. Denn jeder Kontakt mit den Passanten dient den
Scientologen
letztlich dazu, sie ins Zentrum zu locken und ihnen überteuerte
Dienstleistungen zu verkaufen. Eine Kursstunde auf den höchsten Stufen
kann
1000 Franken und mehr kosten. Der Zürcher Regierungsrat schreibt, es
wäre
unzulässig, «ein Einzelfallgesetz gegen Scientologen und deren
Anwerbemethoden zu erlassen». Heikel wäre seiner Ansicht nach auch eine
Strafnorm, «die alle täuschenden und unlauteren Anwerbemethoden unter
Strafe
stellt». Die Scientologen freuts, wie ihre häufige Präsenz auf den
Zürcher
Strassen und Plätzen beweist.
Immerhin bekommen sie jedes Jahr für 48 Tage eine Standbewilligung.
24-mal
dürfen sie im Kreis 1 auf Kundenfang gehen, 24-mal in den übrigen
Stadtkreisen. Auch in Winterthur und anderen Städten sind sie
regelmässig
anzutreffen. Manchmal ködern sie Passanten, indem sie ihnen das
Hubbard-Elektrometer demonstrieren. Das ist ein elektrisches Messgerät
mit
zwei Dosen, das angeblich seelische Ladung misst. In Wirklichkeit
funktioniert es wie ein Lügendetektor.
KOMMENTAR
Jagd nach Geld statt Geist
Von Hugo Stamm
Viele Zürcher fühlen sich von den Scientologen belästigt, die mit dem
Segen
der Behörden ihre Missionsfeldzüge an bester Lage durchführen dürfen.
Doch den Zürcher Behörden sind die Hände gebunden. Sie müssen sich an
den
Entscheid des Bundesgerichts halten. Da sich Scientology Kirche nennt,
darf
sie wie andere Glaubensgemeinschaften den öffentlichen Grund benutzen,
um zu
missionieren.
Die häufige Präsenz der Scientologen in der Stadt zeigt, dass der
Entscheid
des Bundesgerichts fatal ist. Die höchsten Richter sind auf den
Etikettenschwindel der Scientologen hereingefallen. Die Sekte
beschäftigt
zwar «ehrenamtliche Geistliche» und führt gelegentlich so etwas wie
einen
Gottesdienst durch, doch eine Glaubensgemeinschaft ist sie deshalb noch
lange nicht. Scientology-Gründer Ron Hubbard sagte denn auch klipp und
klar:
Scientology befasst sich nicht mit Gott.
In Wirklichkeit ist Scientology ein wirtschaftliches Unternehmen, das
mit
allen Tricks Kurse verkauft. Das bestätigt Hubbard selbst: «Der einzige
Grund» für die Existenz von Scientology-Organisationen bestehe darin,
«Materialien und Dienstleistungen an die Öffentlichkeit zu verkaufen (.
. .)
und Leute aus der Öffentlichkeit hereinzuholen, an die man verkaufen
und
liefern kann».
Das gilt auch für die Missionare auf den Zürcher Strassen. Sie dürfen
zwar
an ihren Ständen keine Kurse verkaufen, aber «Leute hereinholen». In
ihre
Zentren. Und dort können sie ihre Opfer beliebig bearbeiten und ihnen
ungehindert Kurse andrehen, die exorbitant teuer sind. Damit machen
sich die
Zürcher Behörden zu Helfershelfern einer Wirtschaftssekte. Auf Geheiss
des
Bundesgerichts. Und zum Ärger der Zürcher. Es wäre angezeigt, dass
Stadt und
Kanton Zürich noch einmal alle politischen und juristischen
Möglichkeiten
prüfen, um Scientology von den Strassen zu verbannen.
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