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»Dieses Machtgefühl hat mir einfach gefallen«

Quelle : http://www.sw-online.de - aktualisiert am 17.10.2007 11:28

Wilfried Handl erzählte von seiner Zeit bei Scientology.

Nagold - Wilfried Handl war 28 Jahre seines Lebens Scientologe. Der 53-jährige Österreicher führte Familie und Freunde in die Sekte und knüpfte als so genannter Registrat unzähligen Opfern Tausende von Euro für Scientology ab. Doch am Montag, im Gespräch mit Volkshochschul-Chefin Angela Anding, präsentierte sich Handl den 130 Gästen im Nagolder Kubus nicht als Sektenmitglied.

Jeder Scientologe sieht unheimlich viele Dinge, die nicht stimmen

2002 wurde er zum Aussteiger. Zuvor hatten Ärzte bei ihm Krebs diagnostiziert und seine Überlebenschancen auf zehn Prozent beziffert – der Wendepunkt in Handls Leben. »Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ohne meine Krankheit nicht ausgestiegen wäre.« Hatte er denn keine Zweifel ? Doch, »jeder Scientologe sieht unheimlich viele Dinge, die nicht stimmen«, sagt Handl.

Doch das Problem sei die gesellschaftliche Einbettung in das »Zwangssystem« Scientology. Handl : »Wer aussteigt, verliert über Nacht nicht nur sein komplettes soziales Umfeld, sondern auch seine Familienbande.« Seine Krankheit habe die Situation für ihn relativiert; Überleben war für ihn unwahrscheinlich. Doch heute sieht er, was Scientology ihm genommen hat. Seine Ex-Frau ist in die USA gezogen und mit sich hat sie die drei Söhne genommen.

Jeden Kontakt zur Frau und den Söhnen verloren

Handl hat jeden Kontakt zu ihnen verloren. Wahrscheinlich ist dieser schmerzhafte Verlust einer der Gründe, die Handl in die Offensive treiben, ihn in Gesprächen und Vorträgen vor der Sekte warnen lassen. Denn es sei so einfach, in ihre Fänge zu geraten. »Scientologen sind absolut nicht unsympathisch, oft sogar freundlicher als der Durchschnittsmensch«, warnt Handl. Die Menschen seien darauf gedrillt ein Vertrauensverhältnis, ein warmes Gefühl des Willkommen-Seins zu schaffen.

Doch dies sei alles nur der erste, der falsche Schein, der Menschen in die Anfänger- Kurse für noch relativ billige 20 Euro schleusen soll, so Handl. Schon bald ließe die vorgetäuschte menschliche Wärme nach und Gefühlskälte mache sich breit. Der Aussteiger weiß : »Liebe kommt in Scientology nicht vor.« Stattdessen aber finanzielle Raffgier. Die Kurskosten steigen exponentiell.

In zehn Jahren 150 000 Euro an Scientology gezahlt

Ist man anfänglich bei 100 Euro Kursgebühr, kosten zwei Stunden »professionelles« Beratungsgespräch (so genanntes Auditing) bereits 3000 Euro. Und zwei Stunden reichten natürlich noch lange nicht. »40'000 bis 50'000 Euro sind schnell weg«, berichtet der Aussteiger. Und spenden soll man ja auch noch. Insgesamt hat Handl in zehn Jahren rund 150'000 Euro in Scientology investiert. Und das sei verglichen mit anderen eher wenig.

Als Handl beginnt, Kurssituationen zu schildern, erahnt man die Abgründe, in die Einsteiger fallen können : In einer dieser Übungen säßen sich zwei Menschen gegenüber, der eine darf sich nicht rühren, dem anderen ist alles erlaubt, den Gegenüber aus der Fassung zu bringen. Handl : »Das geht bis zum Entkleiden.« In anderen Situa- tionen sei man dazu aufgefordert worden, einen Aschenbecher anzuschreien, ihn zu befehligen. Stundenlang.

Totale Kontrollfähigkeit

Zweck der Übungen : Totale Kontrollfähigkeit einüben. Schnell habe Handl gegenüber anderen Menschen gemerkt, dass er sie beeinflussen und kontrollieren könne. Er gibt zu : »Dieses Machtgefühl hat mir einfach gefallen.« Und es ist ihm zum Verhängnis geworden. Wie kann man sich gegen die Fänge der Sekte wappnen?

»Man muss lernen, alles zu hinterfragen, auch auf sein Gefühl und seinen Bauch zu hören«, rät Handl. Interessanterweise sei Scientology vor allem für intellektuelle, verkopfte Menschen gefährlich, weniger für den einfach Gestrickten. Handl : »Ein kerniger, natürlicher Mensch erkennt diesen Schwachsinn schon auf hundert Meter.«

Von Michael Klitzsch 

 

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