SWR-Dokumentation
"Die Seelenfänger"Mit Haut
und Haar vereinnahmt
Filmemacherin Mona Botros im Interview
- Quelle:
- http://www.swr.de/kultur/film/interview-mona-botros-die-seelenfaenger/-/id=3240/nid=3240/did=6162788/1v7ef94/index.html
Sie schafften den Ausstieg aus Scientology, ihre Familienangehörigen
nicht: Was Heiner von Rönn und Markus S. heute noch belastet,
zeigt die SWR-Dokumentation "Die Seelenfänger - Wie
Scientology Menschenleben zerstört" von Mona Botros
und Egmont R. Koch. Wir haben mit Mona Botros über ihren
Film gesprochen.
- Die Journalistin und Filmemacherin Mona Botros
SWR.de: Frau Botros, Sie berichten nicht zum ersten Mal über
Scientology. Gemeinsam mit Egmont R. Koch haben Sie auch die
Dokumentation "Die dunkle Seite von Scientology" gemacht,
die 1997 in der ARD ausgestrahlt wurde. Können Sie nachvollziehen,
was Menschen an Scientology fasziniert?
Mona Botros: Das hat mich bei den Dreharbeiten auch immer
wieder beschäftigt: Was reizt Menschen, was zieht sie rein
in diese Organisation? Denn man lernt die Aussteiger kennen
und denkt: Das sind ja eigentlich ganz stabile Persönlichkeiten.
Viele erzählten mir, dass sie etwas erlebt haben, wofür
man im Englischen den Begriff "love bombing" verwendet.
Das heißt: Am Anfang wird den Menschen sehr viel Zuwendung
und Aufmerksamkeit entgegen gebracht, und so werden sie hineingezogen.
Erst nach und nach wandelt sich dann diese sehr positive Erfahrung,
hin zu einem Verhältnis des Nehmens - mehr oder weniger
stark, je nachdem, welche Rolle man in der Organisation einnimmt,
ob man eher draußen bleibt und einfach Kurse macht, oder
ob man tatsächlich angestellt wird. So berichten mir andere
darüber, wie sie da reingerutscht sind.
Ihre aktuelle Dokumentation heißt "Die Seelenfänger".
Was wollen Sie damit ausdrücken ?
Der Titel drückt aus, dass die Menschen nicht nur in
einer äußerlichen Art und Weise da reingeraten und
sozusagen gefangen werden. Wenn man die Personen in dem Film
kennenlernt und sieht, wie tief das in ihr Leben eindringt,
wie sehr sie vereinnahmt werden - dann geht es wirklich um die
Seele der Menschen, die da mitgenommen wird.
Und Fänger bezieht sich auch auf die Strukturen, darauf,
wie Scientology arbeitet. Wenn eine Person in die Organisation
reinkommt, dann wird auch sondiert: 'Wer ist im Umkreis, den
wir vielleicht noch mit reinziehen können?' - seien es
Familienmitglieder oder Freunde. Oft geht es dann über
diese persönliche Ebene: Jemand hat das Vertrauen von einem
anderen, und der sagt, 'Mensch, komm doch mal mit und guck Dir
das mal an'. Und es scheint wirklich so, dass Menschen dann
oft noch bevor sie es wissen schon in einer Art und Weise gefangen
sind, wo sie nicht so leicht wieder wegkommen.
Sie haben nun mit zwei Männern gesprochen, die aus Scientology
ausgestiegen sind. Warum ist dieser Ausstieg so schwierig ?
-
- Markus S. (re.) mit dem US-Anwalt Graham Berry
Die zwei Fälle sind recht unterschiedlich. Beide kamen
über ihre Familien herein. Der eine Protagonist, Markus
S., ist schon als Kind durch seine Eltern in die Organisation
geraten. Mit 17 hat er den Ausstieg geschafft.
Der andere Protagonist, Heiner von Rönn, ist über
seine damalige Freundin zu Scientology gekommen, also als Erwachsener.
Zusammen hatten sie schon ein Kind, und weil Heiner von Rönn
den Kontakt zu seinem Sohn nicht verlieren wollte, war er zwangsläufig
- durch das tägliche Abholen von der Scientology-Kindertagesstätte
- dem Einfluss der Organisation ausgesetzt.
Warum ist der Ausstieg so schwierig? Der Grund ist, dass
die Organisation schon über den allerersten Persönlichkeitstest
und durch das so genannte Auditing - was Scientology als eine
Art von "Therapie" begreift - sehr intime Dinge über
die Menschen erfahren hat. Mit diesen intimen Geheimnissen oder
dem Wissen um die Persönlichkeit und den Charakter haben
sie einen Hebel, mit dem sie Macht und Kontrolle ausüben
können. Sobald jemand aussteigen will, wird dieser Hebel
eingesetzt.
Sie haben es schon gesagt: Heiner von Rönn hat auch
Kinder, die gemeinsam mit ihrer Mutter bei Scientology blieben.
Weiß man, was mit diesen Kindern passiert, wie sie aufgewachsen
sind ?
Die Kinder werden in der Regel an Internats-Schulen von Scientology
abgegeben. So ist es auch mit den Kindern von Heiner von Rönn
geschehen.
Das heißt, sie sind von ihren Eltern getrennt
?
Recht früh, ja. Seine Kinder waren sechs, sieben. Der
Ältere kam zuerst auf ein Internat in England, später
waren beide in einem Internat in Dänemark. Heiner von Rönn
erzählte uns, dass dort den Kindern die Hubbard-Lehre beigebracht
wird. Sie werden also in diesem System groß gezogen und
wachsen quasi als Scientologen auf. Oft greift die Organisation
auf diese Schulen zurück, um Mitglieder für ihre Elite-Organisation,
die "SeaOrg", zu rekrutieren, weil diese Leute dann
schon gewissermaßen als Scientologen gepolt sind.
Der Abschluss der Internats-Schule in Dänemark wird
in Deutschland aber nicht anerkannt, so unsere Informa- tionen.
Die Kinder, die dort fertig sind, finden dann in der Regel Arbeit
bei Firmen, die zum Scientology-Netzwerk gehören. Oder
sie werden direkt bei Scientology angestellt. Sie haben zum
Beispiel nicht die Möglichkeit zu studieren oder die freie
Wahl, ein Leben unabhängig von Scientology zu führen.
Das ist die Realität.
Der zweite Protagonist Ihrer Dokumentation, Markus S., hat
seinen Bruder Uwe verloren, der als Scientology- Anhänger
in den USA lebte und einige Jahre lang Sicherheitschef des internationalen
Scientology-Hauptquartiers bei Los Angeles war. Er war krank
und es besteht der Verdacht, dass er starb, weil er keine angemessene
medizinische Behandlung bekam. Was ist in solchen Fällen
die Argumentation von Scientology ?
Die Hubbard-Lehre gibt vor, dass man keine Medikamente braucht
und keine nehmen sollte - schon gar keine, die in Richtung Psychopharmaka
gehen.
Wir haben in der ersten Dokumentation über einen Deutschen
berichtet, der in Florida starb. Er litt unter Epilepsie-Anfällen.
Weil er nach "Flag" ging - so heißt die Zentrale
in Florida -, um Auditing zu machen, musste er seine Medikamente
absetzen. Das ist die Scientology-Lehre: Wenn man Auditing macht,
darf man keine Medikamente nehmen. Die Lehre von L. Ron Hubbard,
dem Gründer von Scientology, gibt vor, dass man mit ihren
Techniken gesundheitliche Beschwerden beheben kann. Viele der
uns bekannten Fälle zeigen aber, dass das leider nicht
zutrifft.
Zu Markus S. Bruder hat uns Scientology leider kein Interview
gegeben. Nach den Dreharbeiten haben uns Anwälte im Auftrag
von Scientology geschrieben, Uwe hätte die nötige
Medikation bekommen. Wir haben aber über einen Informanten
medizinische Unterlagen bekommen können, aus denen hervorgeht,
dass er über Jahre hinweg trotz seiner sehr schweren Krankheit,
nämlich Multiple Sklerose, nicht von einem neurologischen
Facharzt betreut wurde.
Wie hat Scientology diesmal darauf reagiert, dass Sie eine
Dokumentation drehen ?
Sehr überraschend für mich. Ich habe es ja bei
dem ersten Film erlebt, wie aggressiv sie sein können gegenüber
Journalisten, die kritisch hinterfragen.
- Dreharbeiten vor dem Hauptquartier
Diesmal sind wir auch sehr vorsichtig gewesen. Wir haben
versucht, unsere hochrangigen Aussteiger in einem geschützten
Rahmen zu interviewen. Und obwohl wir uns erst nach und nach
dem Zentrum der Macht näherten, dem internationalen Hauptquartier
außerhalb von Los Angeles, ist gar nichts passiert. Sie
haben uns beobachtet und die ganze Zeit mit ihren Überwachungskameras
im Auge behalten, aber es sind keine Sicherheitsleute auf uns
zugekommen und haben uns aggressiv befragt. Es gab auch keine
wilden Verfolgungsjagden wie beim ersten Film. Wir wurden zwar
auch diesmal verfolgt, aber wir hatten nicht den Eindruck, dass
wir rund um die Uhr beschattet wurden.
Das war bei den Dreharbeiten vor dreizehn Jahren ganz anders.
Damals sind wir von mehreren Sicherheitsleuten von Scientology
in vier Wagen rund um die Uhr verfolgt worden. Sie parkten sogar
die ganze Nacht vor unserem Motel und eines der Autos – so der
ehemalige Scientology-Mitarbeiter in unserer Begleitung – war
mit Abhörtechnik ausgestattet. Wir mussten schließlich
selber Personenschutz engagieren.
Was glauben Sie, warum es diesmal anders war
?
Da kann ich nur spekulieren. Ich denke, es hängt einmal
damit zusammen, dass sie vielleicht gemerkt haben, dass es wohl
imageschädigend ist, wenn sie gegenüber Journalisten
so auftreten - dass es dann in der Öffentlichkeit eher
schlecht für sie aussieht.
Ich glaube, der andere Grund, warum wir keine Interviews
bekommen haben, ist, dass sie bei der ersten Dokumentation ziemliche
Probleme bekommen haben durch das Interview, das wir damals
gemacht haben. Sie haben ja eine Art Geheimdienst, und der Chef
des Geheimdienstes und ein Anwalt von Scientology hatten uns
gegenüber im Interview unfreiwillig eingeräumt, dass
die Scientologin Lisa McPherson tatsächlich in der Obhut
von Scientology verstarb. Die junge Frau hätte dringend
medizinische Hilfe benötigt, hat diese aber nicht bekommen.
Unsere Aufzeichnung wurde später im Rahmen eines spektakulären
Gerichtsverfahrens in Florida den Ermittlern vorgelegt.
Ich glaube, bei der Organisation haben sie gedacht, sie sind
diesmal lieber vorsichtig und geben überhaupt keine Stellungnahme
ab. Aber darüber kann ich wirklich nur spekulieren.
Die Fragen stellte Bettina Fächer
SWR Documentary "The Soul-Catchers"
Completely Caught up
Interview with film producer Mona Botros
This is an unofficial translation and there is no guarantee
as to its complete accuracy. The best of efforts went into it,
improvements or corrections are certainly possible. The original
appeared on the station's website Südwestrundfunk | SWR.de
They managed to leave Scientology, their family members didn't:
The SWR documentary "The Soul-Catchers: How Scientology
destroys people's lives" by Mona Botros and Egmont R. Koch
shows that which burdens Heiner von Rönn and Markus S.
to this day. We spoke with Mona Botros about her film.
SWR.de: Ms. Botros, this isn't the first time you reported
on Scientology. Together with Egmont R. Koch you produced the
documentary "The Dark Side of Scientology" ["Die
dunkle Seite von Scientology"], which was broadcast on
ARD in 1997. Can you comprehend what people find fascinating
about Scientology ?
Mona Botros: I also repeatedly wondered during the shooting
of the film: What teases people, what pulls them in into the
organization? Because you get to know the ex-members and you
think: Well, these are actually fairly stable personalities.
Many told me that they have experienced something which is
called "love bombing" in english. It means: At the
beginning people receive a lot of care and attention and that
is how they are being pulled in. Only slowly this very positive
experience changes, towards a relation [characterized by the
action of taking] - the extent of this varies depending on whether
you rather stay on the outside and just do courses or whether
you are actually employed as staff. That's how others are telling
me they got into this.
Your current documentary is called "The Soul-Catchers".
What do you want to express by that title ?
The title is meant to express that people don't just get
into this in a [mere formal, rather superficial] way and that
they are caught, figuratively speaking. When you get to know
the people in the film and when you see how deeply this intrudes
into their lives, how they are being taken by it - then it is
really about the soul of the person, which is taken along there.
And the term "catcher" also applies with regards
to the structures, with regards to how Scientology operates.
When a person enters the organization there are also inquiries
made: "Who is in this persons' surroundings that we might
also pull in?" - whether that's family or friends. Often
this happens on a personal level: Somebody trusts someone else
and he says: 'Please come with me and have a look at this'.
And so it really appears that people are often, before they
know it, trapped in such a way, that it doesn't allow it for
them to leave all that easily.
You have talked now with two men who have left Scientology.
Why is it so difficult to leave ?
The two cases are pretty different from each other. Both
entered via their families. One of the protagonists, Markus
S., got already into the organization when he was a child. When
he was 17 he managed to leave.
The other protagonist, Heiner von Rönn, came to Scientology
via his girlfriend at the time, which means as a grownup. They
already had a common child at the time and because Heiner von
Rönn didn't want to loose contact with his son, it was
unavoidable that he - due to the daily picking up of his son
from the Scientology day care center - was subject to the organization's
influence.
Why is it so difficult to leave? The reason for that is that
the organization finds out very intimate details about that
person, beginning with the very first personality test and the
so-called auditing, which is considered a kind of therapy in
Scientology. With these intimate secrets or with the knowledge
about the personality and the character they have a lever which
they can pull in order to exert power and control. As soon as
somebody intents to leave, they use that lever.
You already mentioned it: Heiner von Rönn also has children,
which remained with their mother in Scien- tology. Is it known
what happens to these children, how they grew up ?
Usually the children are given to boarding schools operated
by Scientology. The same happened to Heiner von Rönn's
children.
This means they are being seperated from their parents
?
Pretty early, yes. His children were six, seven years old.
The older one went to a boarding school in England at first,
later both of them were at a boarding school in Denmark. Heiner
von Rönn told us that the children were taught the teachings
of Hubbard there. So they are raised in this system and grow
up to be Scientologists so to speak. The organization often
uses these schools in order to recruit members for their elite
"SeaOrg" organization, because these people are in
a way already adjusted as Scientologists.
The final degree of the boarding school in Denmark is not
recognized in Germany according to our information. The children
who are done there usually find work in companies that are part
of the Scientology network. Or they are employed directly with
Scientology. For example they don't have the opportunity to
go to university or to live a life independent of Scientology.
This is reality.
The second protagonist of your documentary, Markus S., lost
his brother Uwe, who lived in the USA as an adherent of Scientology
and who was for some years head of security at the international
Scientology headquarters near Los Angeles. He was ill and there
is the suspicion that he died because he didn't receive adequate
medical treatment. What is the Scientology argumentation in
such cases?
The teachings by Hubbard prescribe that you don't need any
medication and that you should take no medication - most of
all none that have anything to do with psychiatric drugs.
In our first documentary we reported on a German who died
in Florida. He suffered from epileptic seizures. Because he
went to "Flag" - that's the name of the central in
Florida - for auditing he had to stop taking his medication.
This is the teaching of Scientology: While you're doing auditing
you must not take any medication. The teachings by L. Ron Hubbard,
the founder of Scientology, say that you can get rid of problems
concerning your health by using their techniques. Unfortunately,
many of the cases that we know of demonstrate that this is not
the case.
Unfortunately Scientology didn't grant us an interview about
Markus S.'s brother. After we were done with the shooting of
the film lawyers employed by Scientology wrote to us that Uwe
had received the necessary medication. But via an informant
we received medical files which say that throughout the years,
in spite of his very severe illness, he wasn't treated by a
neurological specialist.
What was Scientology's reaction this time to your production
of the documentary like ?
It was very surprising. I experienced during the first film
how aggressive they can be towards journalists that are asking
critical questions.
We also were very careful this time. We tried to do the interviews
with our high-ranking ex-members in a protected environment.
And even though we only approached the center of power, the
international headquarters outside of Los Angeles, step by step,
nothing happened. They observed us with their surveillance cameras
the entire time, but no security personel approached us and
questioned us aggressively. There also were no wild car chases
as was the case during the first film. We were followed this
time as well, but we were not under the impression that we were
followed around the clock.
This was entirely different from when we shot the film 13
years ago. Back then, several security people from Scientology
followed us around the clock in four cars. They even parked
the whole night in front of our motel and -according to a former
Scientologist who accompanied us- one of the cars was equipped
for technical surveillance. In the end we had to organize for
our own bodyguards.
Why do you think it was different this time
?
I can only speculate on that. One reason is probably that
they may have realized that it damages their image when they
approach journalists like that - that this causes a rather bad
image in the perception of the general public.
I believe the other reason as to why we got no interviews
was that they got into some pretty severe trouble by the interview
that we did back then. You know they got a kind of intelligence
agency and the head of the intelligence agency and a Scientology
lawyer inadvertently admitted to us in the interview that the
Scientologist Lisa McPherson actually had died while in their
care. This young woman had been in urgent need of medical assistence,
but did not receive it. Our recordings were later presented
to the investigators during spectacular court proceedings in
Florida.
I think the people in the organization thought that they
better be careful this time and rather make no statements at
all. But I really can only speculate on this.
The questions were asked by Bettina Fächer
|