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Psychiatrisches Gutachten entlarvt die Scientology-Therapie

Tages Anzeiger, 5. April 1989 von Hugo Stamm

Die Therapie der Scientology-Kirche ist eine völlig unpersönliche, ja «unmenschliche» Prozedur, der Patient befindet sich in einem hypnoseähnlichen Zustand, für seelisch Leidende birgt sie erhebliche Gefahren, von der Depression bis zu psychotischen Zusammenbrüchen. Zu diesem Urteil kommt Professor Hans Kind, ehemaliger Direktor der Psychiatrischen Poliklinik Zürich in einem Gutachten. Damit wird in der Schweiz erstmals von einer ausgewiesenen Persönlichkeit bestätigt, was Journalisten schon früher aufgedeckt haben.

Den Auftrag zum Gutachten erteilte der Rechtsanwall Urs Eschmann, der wiederholt ehemalige Scientologen vertreten bat. Professor Kind analysierte anhand von Originalliteratur der Scientology-Kirche die therapeutischen Konzepte und untersuchte die psychischen Reaktionen, die ehemalige Scientologen zeigten. Er kommt in seinem Gutachten zum Schluss, dass besonders für labile und selbstunsichere Menschen erhebliche psychische Gefahren drohen.

Der Psychiater beschreibt anhand des Lehrbuches von Scientology-Gründer Hubbard ausführlich die Therapietechnik (Auditing) und erklärt, dass die Klienten in einen hypnoseähnlichen Zustand versetzt werden, was die Scientologen bisher vehement bestritten haben. Das einleitende suggestive Prozedere macht die Klienten für die Manipulation des Auditors (Therapeut) zugänglich und schwächt ihre Realitätskontrolle, schreibt Professor Kind. Auf diese Weise lasse sich der Klient zum Glauben bekehren, und sei deshalb überzeugt, er könne sich an vorgeburtliche Erlebnisse oder gar an solche aus früheren Leben erinnern. Ausserdem fühle er sich mit zunehmender Abhängigkeit ais Auserwählter, der über sonst unerreichbare seelische Fähigkeiten verfügen könne und im Extremfall einen Atomkrieg überleben werde.

Den Anhängern wird laut Gutachten also in den Schriften von Hubbard weisgemacht und suggeriert, «sie könnten menschliche Vollkommenheit erreichen» und als «ein geistiges Wesen» unabhängig von den physikalischen Gesetzen des Universums wirken und handeln, wenn sie nur scientologische Kurse absolvierten. Wenn es wahr wäre, würden die Erfolge von Scientology für sich sprechen. Sie wäre nicht gezwungen, «zu so fragwürdigen und ausbeuterischen Methoden zu greifen», wie sie von befragten Betroffenen dokumentiert werden, heisst es im Gutachten.

Wundergerät ist lediglich ein unbewährter Lügendetektor

Der Psychiater zerstört auch die überhöhten Vorstellungen, die sich Scientologen vom Elektrometer machen, einem technischen Hilfsgerät, das Auditoren verwenden. Scientology-Gründer Hubbard misst dem E-Meter magische Kräfte zu : «Wenn Sie sich klarntachen, dass ein Grossteil der Schwierigkeiten der römisch- katholischen Kirche dadurch entstand, dass sie keinen E-Meter hatte, um die Vollständigkeit von Bekenntnissen nachzuprüfen ...» Demgegenüber schreibt Kind : «Früher wurden solche Geräte ... als sogenannte Lügendelektoren verwendet. Sie haben sich nicht bewährt, gaben Anlass zu falschen Anklagen und sind heute wohl für diesen Zweck vollständig unbrauchbar geworden.»

Kind kritisiert in seinem Gutachten auch, dass die Therapie laut Hubbard nach mechanischen Regeln abläuft und die Therapeuten keine spezielle Vorbildung brauchen. «Der Auditor ist gar nicht daran interessiert was der Patient tut und was er getan hat. Die Therapie beschäftigt sich ausschliesslich mit dem, was der Person angetan wurde ... Mit dieser Einstellung wird diese Therapie nun besonders proble- matisch, weil sie vor allem den Müttern einen wesentlichen Teil der Schuld ... zuweist», schreibt Kind. Er sieht darin erhebliche Risiken für den Patienten. «Besonders bedenklich ist aber die offen verfolgte Tendenz, den Patienten von seinen Eltern und seiner Familie zu isolieren mit der völlig einseitigen, ja absurden Schuldzuweisung an diese für jedes frühere Fehlverhalten des Patienten», heisst es im Gutachten weiter. Damit würden Scientologen ganz an die Organisation gebunden.

Therapie kann zu Zusammenbrüchen führen

Kind entlarvt die scientologische Therapie als «völlig unpersönliche, ja ‹unmenschliche> Prozedur», weil der Therapeut laut Lehrbuch nicht auf die persönlichen Probleme und Anliegen des Patienten eingehen soll, schreibt Kind. Die scientologische Therapie lasse bewusst alle bekannten und wissenschaftlich belegten Erkenntnisse der Psychotherapie ausser acht und beschränke sich darauf, die Patienten die Gefühle und Probleme abreagieren zu lassen. Besonders bedenklich sei, dass der Auditor laut Hubbard ruhig sitzen bleiben und ein Liedchen pfeifen soll, selbst wenn der Patient Krisen und Zusammenbrüche erlebe. Dieses Verfahren sei höchstens für sehr robuste, widerstandsfähige Personen ohne Risiko. Für labile, selbstunsichere Patienten bringe es erhebliche Gefahren wie Angstzustände, Depressionen und Krisen bis zu psychotischen Zusammenbrüchen.

Professer Kind kritisiert auch die unrealistischen Versprechen, mit denen Scientologen neue Anhänger ködern und Eingeweihte bei der Stange halten. Hubbard schreibt im Standardwerk «Dianetik», dass mit Hilfe der Dianetiktherapie «Arthritis verschwinden wird, Kurzsichtigkeit sich verbessert, Herzkrankheiten zurückgehen, Asthma verschwindet, der Magen richtig arbeitet - all diese Leiden verschwinden und bleiben verschwunden ... Das sind wissenschaftliche Tatsachen.»

Hubbards Theorie ist völlig unhaltbar

Für Kind widerspricht dies vollständig dem, was sonst über die Wirksamkeit der Psychotherapie aus der seriösen Forschung bekannt ist. Hubbard bleibe die nachprüfbaren Beweise für die wundersamen Wirkungen schuldig. Kind hält die Vorstellung, dass Neurosen und psychosomatische Erkrankungen ausschliesslich durch frühe oder vorgeburtliche Ereignisse verursacht würden «im Lichte der heutigen psychologischen und psychiatrischen Forschungsergebnisse für völlig unhaltbar.»

Die theoretischen Erkenntnisse erhärtet Kind anhand verschiedener Fälle. Am Beispiel einer jungen Frau beschreibt er die enormen Druckversuche, denen Scientologen ausgesetzt sind : «Mit massiver Überredung wurde sie dazu gebracht, zwei Bankkredite von 32'000 Fr. (20'000 euros) zugunsten der Scientology aufzunehmen. Zins und Amortisation beliefen sich auf 723 Fr. (500 euros) monatlich, was rund einem Drittel ihres monatlichen Nettoeinkommens entsprach.» Die gleiche Frau wurde zum Reinigungskurs (Purifications- Rundown) gedrängt, obwohl ihr der Hausarzt sowie der von Scientology zugezogene Arzt wegen Kreislauf- problemen abrieten. In diesem Kurs verbringen Scientologen bis zu fünf Stunden täglich in der Sauna und schlucken bis zu 5000 Milligramm eines Vitaminpräparates, eine nicht unbedenkliche Megadosis.

Nach einem langen Auditing erlitt sie einen Kreislaulkollaps. Als sie daraufhin zur Erholung in die Ferien fahren wollte, telefonierten ihr Angehörige von Scientology täglich und drängten sie, die Ferien aufzugeben oder sie in der Scientology-Organisation zu verbringen. Als sie sich später von Scientology distanzieren wollte, sei sie täglich und oft zu später Stunde mit Telefonanrufen bombardiert worden, steht im Gutachten. Eine andere junge Frau wurde gedrängt, vollzeitlich für Scientology zu arbeiten. Sie reduzierte ihre bisherige Arbeitsstelle auf 50 Prozent und verpflichtete sich vertraglich für fünf Jahre, neben ihrer Lohnarbeit täglich 10½ Stunden für Scientology zu arbeiten. Mit der Zeit hielt sie die Doppelbelastung nicht aus, ihre Mutter schickte sie zur Hausärztin. «Die Untersuchung ergab laut schriftlichem Bericht der Ärztin einen psychophysischen Erschöp- fungszustand und eine leichte Blutarmut. Sie war so reduziert, dass die Ärztin sie für zwei Wochen arbeit- sunfähig schreiben musste», erklärt Kind.

Verfolgungswahn und Todesängste

Die junge Frau unternahm aber nichts. «Erst neun Monate später meldete sie sich in heller Panik erneut bei der Hausärztin. Bei der Konsultation befand sie sich in einem schweren psychischen Ausnahmezustand mit Verfolgungs- und Todesängsten.» Auf jeden vorhergegangenen Versuch, ihr Engagement bei Scientology zu reduzieren, reagierten die vorgesetzten Scientologen mit moralischem Druck. Wenn sie in diesem Leben gerettet werden wolle, müsse sie weitermachen. Sie musste eine Schrift von Hubbard lesen, in der beschrieben wurde, wie schlecht es Menschen gehe, die sich von Scientology abwendeten. Erst mit psycho- therapeutischen Sitzungen klang laut Kind der akute Angstzustand, der ein psychotisches Ausmass hatte, im Laufe einiger Wochen langsam ab.

Parallelen zur Gehirnwäsche

Für Professor Kind war die junge Frau in einen schweren psychischen Ausnahmezustand geraten, in dem sie vorübergehend die Realitätskontrolle verloren hat. Dies zeige, dass sie weitgehend in eine seelische Abhängigkeit geraten sei. Diesbezüglich aufschlussreich sei die Ethik von Scientology, «wo jede Kritik an Scientology und selbständiges Denken als Vergehen oder gar Verbrechen gegen die Organisation bezeichnet werden können».

Weiter geht Kind der Frage nach, ob die Methoden von Scientology, speziell die Auditing-Therapie, mit Gehirnwäsche vergleichbar seien. Da der Begriff vor allem für die politische Umerziehung von Kriegsge- fangenen benützt werde, dürfe Scientology nicht mit Gehirnwäsche gleichgesetzt werden. Bezüglich des psychologischen Vorgehens seien aber gewisse Parallelen nicht zu übersehen. Autoritäre Struktur, die Tendenz zur Isolierung und den Gruppenzwang seien offensichtlich. Auf jeden Fall bedeuten laut Professor Kind die Parallelen zur Gehirnwäsche erhebliche Risiken fur Scientologen.

Kind ergänzt seine Arbeit mit einem Hinweis auf den Persönlichkeitstest, mit dem Scientologen viele Anhänger anwerben. Er zitiert ein Gutachten der psychiatrischen Universitätsklinik München. Entgegen den Behauptung von Scientologen sei der Test unzuverlässig, wissenschaftlich nicht überprüft und erlaube keine Diagnose. Der Test sei ungeeignet, um psychische Störungen festzustellen. Offensichtlich werden aufgrund falscher Testergebnisse Personen zum Kauf von Kursen oder dianetischer Therapie überredet, die unter Umständen weder hilfsbedürftig noch psychisch angeschlagen sind.

«Wie schon weiter vorn gesagt, ist Dianetik und Scientology wohl nur für sehr stabile, selbstsichere, eher oberflächliche Naturen ohne Risiko, weil diese sich leicht anpassen und dem Gruppendruck genügend widerstehen konnen oder dann sich ganz mit der Organisation identifizieren und darin neue narzisstische Bestätigung finden»

 Medizinisches Gutachten der Therapie der Scientologykirche

 

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