- Hochverschuldeter
Scientologe spurlo verschwunden
-
- Vater
von fünf Kindern wurde durch pseudoreligiöse
Kirche in den Ruin getrieben
-
- Tages
Anzeiger, 23 Oktober 1990
- [ungekürzter
Text]
- Seit
vier Wochen ist ein 47jähriger Zürcher
Scientologe, Vater von fünf Kindern, spurlos
versch- wunden. Einmal mehr hat die pseudoreligiose
Scientology-Kirche eines ihrer Mitglieder in den
finanziellen und persönlichen Ruin getrieben.
Das letzte Lebenszeichen des Mannes ist ein Abschiedsbrief.
Zum Verhängnis wurde ihm ein letzter Kredit
in der Höhe von 150'000 Franken, dessen Zinsen
sich in einer Laufzeit von fünf Jahren auf
über 65'000 Franken belaufen. Mit dem Geld
bezahlte der Ingenieur vor allem ScientologyKurse.
-
- Von
Hugo Stamm
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- «Liebes
Mami, bitte entschuldige mein Verschwinden. Es hat
nichts mit Dir Zu tun, ich schaffe es nicht mehr,
meine Probleme zu lösen.» Mit dies en
Sätzen beginnt der Brief, mit dem sich Werner
T. (Name von der Redaktion geandert) von seiner
Mutter verabschiedete. Die psychische Last erdrückte
den Ingenieur seit Monaten, er wurde arbeitsunfahig
und tauchte zunächst bei seiner Mutter unter.
Hilfe suchte er auch bei einem Arzt, der ihm starke
Medikamente verschrieb.
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- «Ich
spürte, dass er grosse Probleme wegen Scientology
hatte, doch er wagte nicht, darüber zu sprechen»,
erzählt die verzweifelte Mutter. So erfuhr
sie auch nicht, dass er sich bei seinem Arbeitgeber
nicht abgemeldet und dieser ihn mehrere Wochen lang
krampfhaft gesucht hatte. Seine Mutter will ihn
nicht polizeilich suchen lassen, weil er dies im
Abschiedsbrief gewünscht hat. «Er wird
mir ganz sicher ein Zeichen geben», macht
sie sich im Verlauf unseres langen Gesprächs
immer wieder Mut.
- Ausbeutung
mit System
-
- Am
Fall von Werner T. zeigen sich die dramatischen
Folgen der Ausbeutung durch Scientology in aller
Deutlichkeit. Der Ingenieur, der dank einem lukrativen
Nebenerwerb monatlich ca. 11'000 Franken verdient
hatte, war nach nur drei Jahren Scientology-Mitgliedschaft
finanziell ruiniert und psychisch erledigt. Trotz
seines hohen Einkommens nahm er am 24. September
1987 den ersten Kredit in der Höhe von 35'000
Franken beim umstrittenen Finanzinstitut Pro Leasing
und Finanz AG in Wohlen AG auf, das eng mit Scientology
zusammenarbeitet. Die gesamte Zinslast allein betrug
1'810 Franken. Am 12. Januar 1989 erhielt er von
der Finalba in Lausanne einen weiteren Kredit über
60'000 Franken. (Ein Vermittler oder Mitarbeiter
der Bank war Scientologe. ln der Zwischenzeit hat
Finalba diesem Vermittler untersagt, Scientologen
Kredite zu gewähren.)
-
- lm
Juli des gleichen Jahres nahm er bei der SKA einen
Kredit über 35'000 Franken auf. Da er bereits
verschuldet war, gab er die Lebensversicherung als
Sicherheit an. Zwei Monate später klopfte er
wieder bei der Finalba an und erhielt einen Kredit
von 84'500 Franken, wobei er den ersten Finalba-Kredit
ablöste. Bei 12 Prozent belief sich der Zins
in der mehrjährigen Laufzeit auf über
25'000 Franken. Zwei Monate später erhielt
er von der Pro Leasing AG ein Darlehen in der Höhe
von 150'000 Franken, mit dem er gleichzeitig den
Kredit bei der Finalba ablöste.
Der Zins beträgt happige 15,4 Prozent.
Hinzu kommen 2,1 Prozent Verwaltungs- gebühren.
Dies ergibt einen Zins von 65'640 Franken und eine
monatliche Belastung von 3574 Franken über
fünf Jahre. Kurz vorher schloss Werner T. eine
temporäre Todesfallversicherung über exakt
150'000 Franken ab, die wie das Darlehen über
fünf Jahre läuft. Die Versicherung diente
als Sicherheit für die Pro Finanz AG.
- Für
Scientôlogy gearbeitet
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- Hätte
Werner T. im bisherigen Stil weitergearbeitet, wäre
die grosse Belastung trotz der Alimente an seine
Ex-Frau und die Kinder verkraftbar gewesen. Doch
die führenden Scientologen im Zürcher
Zentrum an der Badeperstrasse verlangten einen noch
höheren Einsatz. Sie brächten ihn dazu,
teilzeitlich für die Pseudo- kirche zu arbeiten.
Täglich verrichtete er mindestens fünf
Stunden Büroarbeit und hütete manchmal
die Kinder der ebenfalls im Scientology-Zentrum
arbeitenden Mitglieder. Daneben absolvierte er sündhaft
teure Kurse, die das Vermögen rasch schmelzen
liessen.
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- Die
zeitliche Belastung war nun total. Täglich
arbeitete er bis um Mitternacht oder ein Uhr im
Zentrum. Bald musste er seinen lukrativen Nebenerwerb
abbauen und die reguläre Arbeit reduzieren
oder vernachlässigen. Das Einkommen schwand,
die hohen Fixkosten (Alimente, teure
Wohnung, Scientology-Kurse und Kreditraten) überstiegen
die Einnahmen.
-
- Allein
für eine Ausbildung im Hauptquartier in Florida
im Januar zahlte er Zehntausende von Franken. Ein
Beispiel : 25 Stunden des sogenannten L-11-Auditings
kosteten ihn 30'000 Franken Somit zahlte er für
eine einzige Kursstunde 1200 Franken. Höhepunkt
seiner Scientology-Karriere war ein Seminar auf
dem, Luxus- Kreuzfahrtschiff «Freewinds»
im August 1989, das Scientology gehört. Laut
seiner Schwester hat ihn dieses Abenteuer ebenfalls
mehrere zehntausend franken gekostet. Ausserdem
hat sie Quittungen, die beweisen, dass ihr Bruder
für weitere Kurse und Spenden über 40'000
Franken einzahlte. Werner T. liess sich auch wiederholt
überreden, Scientology-Aktionen zu sponsern.
Zwei urkunnen zeichnen ihn als «Double Sponsor»
aus.
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- Anfang
1989, als es ihm finanziell noch gut ging, trat
Werner T. selbst als Geldgeber auf. Er gewährte
mindestens drei Scientologen Kredite, in einem Fall
satte 35'000 Franken, Getreu der obersten Devise
von Scientology-Gründer Ron Hubbard versuchte
Werner T. auch, in seinem Bekanntenkreis Scientology-Mitglieder
anzuwerben. Seiner Tochter wollte er zur Konfirmation
Scientology-Kurse im Wert von rund 5000 Franken
schenken, doch legte ihre Mutter das Veto ein. Auch
seiner Mutter schenkte Werner T. Kurse. Das zweite
Seminar brach sie allerdings ab, weil sie mit der
Materie nichts anfangen konnte. Und für seine
fünf Kinder zahlte Werner T. den Scientology-Jahresbeitrag
von je 445 Franken, obwohl diese nichts mit der
sekten- ähnlichen Organisation zu tun haben.
Auch nahm er gelegentlich seine beiden jüngsten
Kinder im Alter von etwa fünf und acht Jahren
zu Kinderkursen ins Scientology-Zentrum mit, wie
seine Mutter ausführt.
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- «Die
Scientologen haben ihm das Gehirn 'vertrüllet'»,
sagt die Schwester von Werner T., nachdem sie die
Wohnung ihres verschwundenen Bruders, geräumt
und anhand der Kreditverträge und Einzahlungen
die Verstrickungen in Scientology realisiert hat.
«Was die Scientologen mit Werner gemacht haben,
ist für mich kriminell», ergänzt
sie.

- Von
den Belastungen erdrückt
-
lm
Mai verliert der Ingenieur den Überblick über
seine Schuldenberge, das Krisenkarussell beginnt
sich zu drehen, wie die ersten Mahnungen zeigen.
Die Belastungen erdrücken ihn zunehmend, weshalb
er sich bald darauf in ärztliche Behandlung
begibt. Da er schon früher im Scientology-Zentrum
Ethik-Verfahren (Strafpro- zedere) über sich
hatte ergehen lassen müssen, getraut er sich
offenbar nicht mehr, den Scientologen unter die
Augen zu kommen. So taucht er Anfang August bei
seiner Mutter in der Ferienwohnung unter.
Am
8. August flattert die erste Betreibung ins Haus.
Werner T. bleibt auch unentschuldigt der Arbeit
fern,wie mehrere eingeschriebene Briefe des Arbeitgebers
belegen. Am 5. September erhält er die Kündigung.
Am 17. September schreibt er dem Finanzinstitut
Pro Leasing einen Brief : «Momentan bin ich
in einer finanziellen Krise und daran, dies so schnell
wie möglich wieder in Ordnung zu bringen. Ich
bitte Sie, etwas Geduld mit mir zu haben.»
Einen ähnlichen Brief setzt er für die
Liegenschaftsverwaltung auf, die ihm am 13. September
die Kündigung angedroht hatte. Doch beide Briefe
schickt er nicht ab. Offenbar scheinen ihm diese
Rettungs- massnahmen des unüberblickbaren Schuldenberges
sinnlos, er sieht keinen Ausweg mehr. Einen Tag
danach listet er die bis zu diesem Zeitpunkt aufgelaufenen
Zahlungsforderungen säuberlich auf : 24'060,30
Franken, darunter auch 4300 Franken für Alimente.
Eine Woche später schreibt er den Abschiedsbrief
und verschwindet mit dem Geschäftsauto. Der
Arbeitgeber lässt den Wagen sofort polizeilich
suchen, bis jetzt allerdings ohne Erfolg.
- «Unsterblichkeit»
zn verkaufen
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- Die
finanzielle Ausbeutung in Scientology
hat System. Es gibt mehrere Finanzinstitute,
die eng mit dem neureligiösen Kult.zusammenarbeiten
oder gearbeitet haben. Eines dieser
umstrittenen Institute wird nachweisbar
von einem Scientologen geleitet. Es
gibt Dutzende von Scientologen, die
sich mit solchen Krediten hoch verschuldet
haben. Der Grund liegt vor allem darin,
dass der Scientology Gründer L.
Ron Hubbard seine Anhänger mitungeheurem
Nachdruck anstiftet, Bücher, Kurse
und Dienstleistungen zu verkaufen. ln
der Broschüre mit dem Titel «HardSell»
(etwa : auf harte Art, verkaufen) schreibt
er : «Hard-Sell bedeutet, darauf
bestehen, dass die Leute kaufen».
An anderer Stelle heisst es bezüglich
Werbung : «Sie sagen der Person,
dass sie sich jetzt sofort einschreiben
wird und dass sie das Produkt oder die
Dienstleistung jetzt sofort nehmen wird
... Man beschreibt nicht etwas, man
befiehlt etwas.»
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- Die
hohen Prise der Scientology-Beratungen
und Kurse rechtfertigt Hubbard mit folgenden
Argumenten: «Die Preise, die wir
verlangen, sind Preise für unbezahlbare
Güter : Persönliche Fähigkeit,
Gesundheit und Unsterblichkeit. Das
Wohlergehen einer Gruppe. Ein geretteter
Planet. Noch vor 21 Jahren hätte
man nicht einmal mit 100 Milliarden
Dollar eine einzige weitere Stunde Leben
kaufen können. Für ein paar
hundert oder tausend Dollar kann man
jetzt ein längeres Leben und persönliche
Unsterblichkeit erwerben ...
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- Wieviel
ist einem an die Finsternis dieser Erde
gefesselten Wesen die Unsterblichkeit
wert ? Genau. Sie ist unbezahlbar. Es
gibt gar nicht so viel Geld.»
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- (sta.)
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