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"Ausgepresst wie eine Zitrone"

Die Sekte betreibt in Deutschland mehr als 30 Nachhilfe-Institute. Immer wieder fallen Eltern und Jugendliche auf deren getarnte Angebote herein. Eine Schülerin und eine Scientology-Aussteigerin berichten über ihre Erlebnisse

FOCUS-SCHULE
Nr. 5 September/Oktober 2006

[Links:]
In den Fängen der Sekte: Anna*, 20, geriet mit 17 durch Nachhilfestunden unter den Einfluss von Scientology. Ein Jahr lang lernte sie in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen ahnungslos nach Büchern von L. Ron Hubbard

[Rote Schrift:]
Mein Vater entdeckte den Zettel in einem Supermarkt. Für eine alternative Schule wurde da geworben, in der Lernen auch noch Spaß macht. Wie praktisch, dachte er sich und riss die Telefonnummer für mich ab. Ich hatte damals gerade meine Ausbildung zur Krankenschwester abgebrochen. Konnte das Leid, das Sterben, einfach nicht ertragen. Ich verbrachte viel Zeit in meinem Zimmer. War oft krank und niedergeschlagen. ,Lern doch mal wieder ein bisschen', hat meine Mutter gesagt. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass ich keine neue Ausbildungsstelle mehr finde, wenn ich zu viel vergesse. 20 Euro sollte eine Unterrichtsstunde kosten, sagte die Lehrerin am Telefon. Ich fand es nett bei Frau R.*, einer kleinen, rundlichen Person, die immer ein Strahlen auf dem Gesicht hatte. Sie war so unglaublich freundlich zu mir, wie eine Mutter, hat immer gefragt, ob ich etwas trinken, etwas essen möchte. Ich habe es nach den Enttäuschungen meiner abgebrochenen Ausbildung so genossen, dass mir jemand zuhört und sich für mich interessiert."

*Name der Redaktion bekannt

[Schwarze Schrift:]
So erlebte Anna* vor drei Jahren die Nachhilfestunden. "In der Scientologen-Sprache nennt man das ,Love Bombing'", erklärt die ehemalige Scientologin und jetzige Ausstiegsberaterin Jeanette Schweitzer (Foto rechts). "Wir wurden in speziellen Kursen darauf gedrillt, offen auf Menschen zuzugehen. Erst später wird dann der Druck erhöht, um neue Mitglieder einzufangen." 31 Adressen von Nachhilfeschulen und privaten Anbietern listet allein die Internet-Seite der Scientology-nahen Organisation "Applied Scholastics" auf - noch vor einem Jahr waren es lediglich zehn. Besonders aktiv ist die Psychosekte in Großstädten wie Hamburg, München oder Berlin, aber auch kleinere Orte sind nicht mehr sicher.

*Name von der Redaktion geändert

[Rote Schrift:]
Abitur habe sie gemacht und in den USA spezielle Lehrgänge besucht, erzählte mir Frau R., als ich sie nach ihrer Ausbildung fragte. An ihrer Wand hing sogar ein Diplom. Gleich in einer der ersten Stunden musste ich ziemlich teure Bücher bestellen. Es waren die gleichen, die zu Dutzenden in Frau R.s RegaIen standen. ,Die Lernfibel. Lernen macht Freude' stand zum Beispiel auf dem Einband, und sie waren immer von dem gleichen Autor geschrieben: L. Ron Hubbard. Das muss ja ein wirklich bedeutender Pädagogikprofessor sein, dachte ich damals. Obwohl wir eigentlich Deutsch- und Lateinnachhilfe vereinbart hatten, haben wir fast nie richtigen Stoff durchgenommen. Ich musste immer so furchtbar unsinnige Dinge tun - Wörter aus Knetmasse formen oder Wörter im Duden nachschlagen. Und das mit 17!"

[Schwarze Schrift:]
Wörter kneten und mittels eines scientologischen Wörterbuchs definieren sind typische Methoden der "Study Technology" - einer angeblich besonders effektiven Studiertechnologie, um "Lernen zu lernen". Sie wurde von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard entwickelt, einem amerikanischen ehemaligen Science-Fiction-Autor. "Dabei wird die Sprache von Kindern - und somit auch ihre Wahrnehmung der Realität - ganz gezielt scientologisch verformt", warnt Ex-Scientologin Jeanette Schweitzer.

"Eltern sollten konkret nachfragen, ob die Studiertechnologie von L. Ron  Hubbard verwendet wird, bevor sie ihr Kind bei einem Nachhilfeinstitut anmelden, weil der Begriff Scientology nie fällt", rät der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands Heinz-Peter Meidinger. Die Alarmglocken sollten schrillen, wenn nicht nur versprochen wird, eine Matheschwäche zu beseitigen, sondern auch aus einem schlechten Schüler ein glückliches, erfolgreiches Kind zu machen. Meidinger warnt jedoch vor Hysterie : "In Deutschland gibt es 4000 seriöse Nachhilfeanbieter, die sich verpflichten, nichts mit Scientology zu tun zu haben."

[Rote Schrift:]
"Es dauerte nicht lange, da begann Frau R. mich über meine Eltern und meinen Freund auszufragen. Ob ich zu Hause Streit habe, ob meine Eltern nett zu mir sind und ob ich mit meinem Freund glücklich bin ... Als ich eines Tages Kopfschmerzen hatte, bot Frau R. mir an, einen ,Beistand' zu machen. ,Was ist das denn ?', dachte ich. Ich musste mich auf den Rücken legen. Dann strich Frau R. mit ihren Händen an meinem Körper entlang - von unten nach oben, an den Seiten entlang. Sie erklärte mir, dass das gut sei, damit ich meinen Schmerz und meinen Körper bewusster wahrnehme. Anfangs fand ich es seltsam, mich so von einer fremden Frau anfassen zu lassen. Doch mit der Zeit gehörte der ,Beistand' zu den Nachhilfestunden dazu."

[Schwarze Schrift:]
70 Prozent ,aller Krankheiten (z. B. Kopfschmerzen) sind psychosomatisch bedingt, glauben Scientologen. Durch den sogenannten Beistand bringen die Sektenmitglieder angeblich Körper und Seele wieder in Einklang erst dann werde der Betroffene wieder lernbereit.

[Rote Schrift:]
"Irgendwann bekam ich raus, dass Frau R. hinter meinem Rücken die Telefonnummer von meinem Freund ausspioniert hatte. Mann, war ich sauer ! Auch bei meinem Eltern klingelte immer öfter das Telefon. Ob sie nicht auch mal zu Nachhilfestunden oder Gesprächssitzungen vorbeikommen wollten: Ist nicht teuer, hilft Ihnen bei vielen Problemen ... Zum Glück lehnten sie immer ab. Und dann fing sie bei mir an: Ob ich nicht Lust hätte, bei ihr zu arbeiten und selbst zu unterrichten. Ich hab', nein !' gesagt, weil ich statt Geld nur weitere kostenlose Nachhilfestunden bekommen sollte."

[Schwarze Schrift:]
"Kinder sind meist nur der Köder für die Scientologen. Die eigentliche Beute sind ihre Eltern oder Freunde", erklärt Insiderin Schweitzer. Der Familie werde suggeriert, dass die schulischen Probleme des Kindes familiäre Ursachen hätten und dass den Eltern hierbei ein Kommunikationsseminar helfen könne. "Haben sie erst einmal angebissen, werden sie ausgepresst wie eine Zitrone", weiß Jeanette Schweitzer aus eigener Erfahrung als Sektenmitglied.

[Rote Schrift:]
"Richtig schrecklich wurde es nach einem halben Jahr Nachhilfe: Mein Freund, mit dem ich zusammenwohnte, hatte gerade Schluss gemacht. Ich war am Boden zerstört, und natürlich bemerkte das auch Frau R. Da erzählte sie, dass sie eine Methode kennt, die meine Traurigkeit lindem und mir sogar bei der Entscheidung helfen würde, eine passende Ausbildung zu finden. Sie überredete mich zu etwas, das ,Auditing' hieß. Ihr Freund sollte das bei mir machen. Heute weiß ich: Das ist eine Art Gehirnwäsche, auf die Scientology schwört. Ich dachte, ihr Freund sei Psychologe. Aber er ist ein einfacher Handwerker -- und Scientologe. Zuerst wollte ich nicht, aber Frau R. redete so lange auf mich ein, bis ich doch , ja' sagte. Ich saß dem Mann gegenüber. Vor ihm lagen ein aufgeschlagenes Buch und ein Zettel, auf dem er alles notierte. ,Erzähl mir vom schlimmsten Erlebnis deiner Kindheit !', sagte er. Immer und immer wieder musste ich die Geschichte wiederholen. Dutzende Male. Bis ich nicht mehr konnte. Das war unglaublich schlimm für mich, so schlimm, dass ich in Tränen ausbrach. Danach habe ich mich geweigert, jemals wieder zum Auditing zu gehen - die Nachhilfe habe ich aber weiterhin gemacht.'

[Schwarze Schrift:]
Scientologen behaupten, dass das Auditing den Menschen von schlimmen Erlebnissen befreien und ihn zu seinem eigenen Gott machen könne. Durch ständiges Wiederholen der Fragen und Erzählen des Erlebnisses sollen negative Emotionen gelöscht werden. Die Scientologen benutzen hierzu ein so genanntes "E-Meter" - einen primitiven Lügendetektor. Sabine Riede von der Sekten-Info Essen, zuständig für ganz Nordrhein-Westfalen, erklärt : "Dieser Vorgang kann aus Sicht der Psychologie natürlich nicht funktionieren. Dass sich die Nadel eines Lügendetektors irgendwann ruhig verhält, hat mit Abstumpfung, nichts mit Heilung zu tun."

[Rote Schrift:]
"Die Augen wurden mir schließlich von einem Freund geöffnet. Eines Abends erzählte ich ihm auf der Bowlingbahn, dass ich nach den Büchern von L. Ron Hubbard lerne. Er starrte mich an, der Mund blieb ihm offen stehen. Ob ich denn nicht wisse, wer das sei und noch nie etwas von der Sekte Scientology gehört hätte, fragte er mich. Ich konnte es nicht fassen : Die freundliche Frau R. eine Scientologen ? Ich hatte monatelang nach den Methoden einer Sekte gelernt? War sogar schon bis zum Auditing, einer Art Gehirnwäsche, getrieben worden?

Mein Vater rief sofort bei der Landesberatungsstelle Sekten-Info Essen an - und tatsächlich: Frau R. und ihr Freund waren langjährige Mitglieder bei Scientology, die Bücher berüchtigte Sekten-Lehrwerke. Ich habe sofort alle Stunden abgesagt, bin nie wieder hingegangen. Danach hat uns Frau R. am Telefon terrorisiert. Mindestens dreimal am Tag rief sie an. Doch irgendwann wurden die Anrufe weniger, hörten schließlich auf. Heute arbeitet Frau R. immer noch als Nachhilfelehrerin. Ihre armen Schüler tun mir echt Leid! Aber ich bin wenigstens dort raus. Unglaublich geholfen haben mir die Gespräche in der Sekten-Info Essen. Wenn mir Frau R: heute begegnet, wechselt sie die Straßenseite und tut so, als würde sie mich nicht kennen."

AUFGEZEICHNET VON ANNE KATHRIN REITER

INTERNET
Worauf man bei Nachhilfeangeboten achten sollte sowie Adressen von Sektenberatungsstellen, finden Sie unter www.focus-schule.de/scientotogy

[Rechts:]
Scientology-Aussteigerin Jeanette Schweitzer wurde von der Sekte 1989 über ein Managementseminar geködert. Sie arbeitete daraufhin für eine Stuttgarter Stahlbaufirma, deren Chef Scientologe war: In der Sekte stieg sie bis zum "Operierenden Thetan" auf, so heißt der "oberste Zustand der Selbsterlösung", in dem man angeblich über Materie, Zeit, Raum oder Energie gebieten kann und sich seiner Unsterblichkeit bewusst wird. Als Schweitzer 1990 die kriminellen Machenschaften der scientologisch geführten Firma nicht mehr mittragen wollte, wurde sie in ein Scientology-Straflager in England geschickt. Doch trotz Psychoterror schaffte sie den Ausstieg. Ihr Glück : 1991 wurde sie vom Dienst suspendiert. Seitdem berät sie mit ihrem Verein "Vitem" Sektenopfer.