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Sechs Monate im Mekka der Scientologen
 
ZO-EXPRESS
Dienstag, Zürich 29. Januar 1991
 
[vollständigerText]
Jean-Luc Barbier
Ein «Bekehrter» packt aus
 
«Du bist in einem goldenen Käfig eingesperrt und ständig bedroht. Das WC ist verstopft, die Matratzen sind verpisst, und man lässt um drei Uhr morgens die Baumaschinen laufen, um dich nervlich fertigzumachen.»
 
Dieses Zeugnis des Schweizers Jean-Luc Barbier ist um so wichtiger, weil er in der Scientology Church die Stufe eines «Confidential Members» erreicht hat. Der von seinem sechsmonatigen Aufenthalt im Mekka der Scientologen in den Vereinigten Staaten bitter enttäuschte ehemalige Grossmeister klagt an.
 
Der neununddreissigjährige Genfer brauchte über ein Jahr, um den Schock über seinen Aufenthalt in Flag (Florida) zu überwinden. Der Alptraum endete im Juni 1989, als er endlich aus dem von der Scientology Church gekauften und zum Weltsitz ausgebauten Hotel herauskam. Jean-Luc Barbier, der mit achtundzwanzig über Freunde zu den Scientologen kam, hatte der Sekte über 30'000 Franken abgeliefert, bevor ihm vorgeschlagen wurde, in diesem Mekka der Bewegung einen höheren Scientologen­Grad zu erwerben. Nach beinahe zehnjäriger Treue ist er reif für weitere Offenbarungen, als man ihm verspricht, dass er «das endliche Geheimnis des Universums kennenlernen» werde. Da zählen die Kosten dieses letzten, sechsmonatigen Kurses, immerhin 100'000 Franken, wenig : Er ist das krönende Ziel jedes überzeugten Scientologen.
 
Unter Verschluss
 
ln Sachen Offenbarungen wird Jean-Luc Barbier allerdings bedient. «Zuerst war ich irgendwie misstrauisch, dann begann ich zu zweifeln. Doch nach und nach war ich sicher, dass es sich um eine Gaunerei handelte.» Bei der Ankunft in Flag wird der Neuling sofort unter Aufsicht gestellt : «Es ist verboten, ohne Bewilligung ausser Haus zu gehen. Wir durften nur gerade samstags in einen Waschsalon, um unsere Wasche zu besorgen. Die Zimmer, die 200 Franken pro Tag kosten, sind schmutzig, die Klimaanlage kaputt.»
 
Die Kurse, für .die monatlich bezahlt werden muss, werden in Zimmern ohne Licht erteilt, die voneinander getrennt sind. «Man lässt dich keine Sekunde aus den Augen. Die Tage sind erschöpfend. Manchmal weckt man dich mitten in der Nacht, um dir neue Kurse aufzudrängen. Einmal haben sie sogar um Mitternacht meine Frau angerufen und ihr befohlen, einen Bankkredit aufzunehmen, um meine Kurse zu finanzieren. Ein anderer Schweizer wurde zur Scheidung gezwungen, weil seine Frau sich weigerte, zu zahlen.»
 
«Ein Polizeistaat»
 
Widerspruch schätzen die Scientologen nicht und unterdrücken ihn sofort. «Die Drohung war ständig präsent», fährt Jean-Luc Barbier fort. «Beim geringsten Aufmucken oder einem Rückstand beim Kurs wird man vom Ethikkomitee vorgeladen.» Dieses Komitee führt mit dem «Angeklagten» ein regelrechtes Verhör durch. Man erniedrigt und demütigt ihn, bevor ihm erklärt wird, dass alle Grade, die er in der Kirche erlangt hat (und für die er bezahlen musste), nicht ausreichen. Er wird «degradiert» und zurückgestuft. Um wieder seinen früheren Status zu erlangen, muss er erneut zahlen, indem er beispielsweise neue Kurse bucht oder eine Spende macht. «Mit diesen Verhören machen sie die Leute willenlos, bringen sie an den Rand des Wahnsinns. Du wirst bespitzelt und überwacht, die Kirche verfügt ja auch über persönliche Akten, die sowohl Straftaten wie Einzelheiten über das Sexualleben enthalten. Das ist ein regelrechter Polizeistaat.»
 
Das Geheimnis des Universums
 
Doch was ist mit dem Schlüssel zum Universum, der endlichen Offenbarung, welche die. Scientologen Jean-Luc Barbier zu verschaffen versprachen ? ln sechs Monaten Kursbetrieb gab man ihm Stapel von Dokumenten, die von Ron Hubbard, dem Begründer der Scientology Church, stammten. Diese Schriften musste er bei Kursende abgeben und unterschreiben, «das endliche Geheimnis des Universums» niemandem zu enthüllen; bei Zuwiderhandlung wurde eine Strafe von 14'000 Dollar angedroht.
 
Das sogenannte Geheimnis - ein ausgemachter Schwachsinn, der bereits von einer ebenfalls abgesprungenen französischen Soziologin verraten wurde - lautet wie folgt : «Xenu, der Herr der vor 75 Millionen Jahren gegründeten Galaktischen Konföderation», hat die Geister der Menschen auf die Erde gesandt und «eine Atombombe in die Vulkane legen» lassen. Seit dieser Zeit soll jeder von uns von bösen Geistern verfolgt werden, die am Körper kleben Einzig die Scientologie kann sie endgültig vertreiben.
 
Der Kurs hatte Jean-Luc Barbier endlich die Augen geöffnet : Er gab seiner Austritt. Doch die Scientologen geben ihre Opfer nicht so leicht preis : Die Lausanner Mission hatte sogar gegen ihr Klage erhoben, mit der Begründung durch die Enthüllung ihrer Geheimnisse schade er der Scientology Church. Doch am 1. Oktober 1990 stellte der Richter das Verfahren ein. Barbier : «Ich bin überzeugt, dass es den Scientologen nicht nur ums Geld geht, sondern das sie mit diesem Geld die Welt beherrschen wollen
 
BRRI / Jean-Philippe Ceppi