Frank Nordhausen
BERLIN, im Oktober. Was er erzählt, will einfach nicht zu dem Mann passen.
Wilfried Handl, 51 Jahre alt, ist ein angenehmer Mensch, offen und zugewandt. Er
lächelt gern. "Ein Wiener gehört ins Caféhaus", hat er gesagt und ein Treffen in
einem Café in Berlin-Charlottenburg vorgeschlagen. Nur manchmal spürt man eine
gewisse Härte aufblitzen. Doch man sieht ihm nicht an, dass er, wie er sagt,
"aus der tiefsten Kälte" kommt.
Achtundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Ein halbes Leben. So lange war
Wilfried Handl bei der Psychosekte Scientology. Handl war nicht irgendein
Handlanger. Er war der Chef von Scientology in Österreich, und als er den Posten
nicht mehr bekleidete, blieb er "die graue Eminenz" der Sekte in Wien. Er wusste
alles, was wichtig war. Er hat Menschen abhängig gemacht und dann "ausgequetscht
wie eine Zitrone". So sagt er das. Er ist der höchstrangige europäische
Scientologe, der jemals ausgestiegen ist und darüber redet. Und der die eigene
Schuld schonungslos eingesteht. "Ich war ein Täter", sagt Handl. "Ich habe
Menschen weh getan. Ich war ein Parteisoldat in einem faschistischen
System."
Vor fünf Jahren habe die Zentrale in Amerika eine neue Linie für Europa
ausgegeben, erzählt Handl. Weil das Image am Nullpunkt war, nachdem Scientology
in Frankreich als gefährliche Sekte eingestuft und in Deutschland vom
Verfassungsschutz beobachtet wurde. "Wir bekamen Order, ab sofort werden
Kritiker nicht mehr verklagt und bedroht. Nun wurde auf Lobbying gesetzt. Auf
ein positives Image. Auf Scientology, den Hollywood-Star-Club."
Es hat funktioniert. Die Berichte in der Presse wurden positiver, vor allem
dank der Schauspieler und Vorzeige-Scientologen Tom Cruise und John Travolta.
"Cruise wurde sogar vom französischen Innenminister Sarkozy empfangen", sagt
Handl. "Das ist reine Public Relation - der Wolf hat Kreide gefressen."
Vor vier Jahren fiel Wilfried Handl um. "Einfach so, aus heiterem Himmel",
sagt er. Er hustete Blut, legte sich ins Bett und glaubte an eine Grippe. Er
wurde schwächer und schwächer, das Blut ignorierte er. Nach vierzehn Tagen
besuchte ihn eine alte Freundin, Angelika, die ihn von früher her kannte. Sie
erschrak, als sie ihn sah und rief sofort den Notarzt. Die Ärzte
diagnostizierten Krebs. Die Metastasen wucherten in seiner Lunge, im Bauch, im
Kopf. "Sie sagten, meine Überlebenschance sei eins zu neunundneunzig -
optimistisch gesehen."
Als er nach der ersten Chemotherapie "wie aus einer Betäubung" aufwachte,
drangen Gedanken in sein Bewusstsein, die er früher nie zugelassen hatte. "Ich
hatte ja erstmals Zeit, in Ruhe über mein Leben nachzudenken", sagt Handl. Wie
kann es nur sein, dachte er da, dass ich krank bin? Er glaubte ja, als
Scientologe "clear" zu sein - unbesiegbar und unsterblich. Doch jetzt ließ es
sich nicht mehr ignorieren. Der Krebs war da, überall. Er konnte ihn sehen auf
den Röntgenbildern. Er konnte ihn spüren in seinem Körper, der fast bis aufs
Skelett abgemagert war. Handl begann zu grübeln. Er grübelte besonders über den
Scientology-Lehrsatz: "Hinter jeder Krankheit steckt das eigene böse Tun, sonst
wäre man nicht krank." Plötzlich spürte er so deutlich wie nie zuvor, dass etwas
nicht stimmte in seinem Leben. "Und mein Leben, das war halt Scientology." So
dachte Wilfried Handl. Auf einmal wusste er, was zu tun war. "Da bin ich
ausgestiegen."
Eingestiegen ist Wilfried Handl im Jahr 1974. Damals war der gelernte
Industriekaufmann zwanzig Jahre alt, er suchte nach einem Sinn im Leben. Eine
Freundin nahm ihn mit in die Wiener Scientology-Mission, wo der Maler Gottfried
Helnwein mitmachte und auch viele Künstler Kurse belegten. Dort starrte man sich
stundenlang in die Augen. "Ich habe dabei viele hübsche Frauen kennen gelernt,
das gefiel mir", sagt Handl. Er schildert die Scientologen als intelligente
Menschen, die immer freundlich waren. "Dass wir innerlich immer kälter wurden,
das habe ich damals nicht bemerkt." Man rutschte da so rein. Erst mussten
Aschenbecher angebrüllt werden, dann Menschen.
Bald hatte Handl seine Freunde entweder zu Scientology gebracht oder sich von
ihnen getrennt. Er erwies sich als äußerst Scientology-kompatibel, er war hart
und durchsetzungsfähig. 1979 wurde er Leitender Direktor in Wien. "Ich genoss
die Macht, die ich hatte", sagt er. "Dieses Gefühl, dass ich mit den anderen
alles machen konnte." Später wurde er geschasst, als Verräter verdächtigt,
wieder rehabilitiert, er musste Strafarbeiten verrichten und ist immer
zurückgekehrt. Warum? Weil Scientology ähnlich wie eine Droge funktioniert, sagt
Handl. "Schlimmer noch, denn der Heroinabhängige weiß wenigstens, dass er
abhängig ist."
Es gibt Fragen, die zu stellen, ist es wohl noch zu früh. Handl weiß nicht,
wie er 28 Jahre an die Übermenschen-Lehre des amerikanischen
Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard glauben konnte. Warum er all den "Irrsinn"
mitgemacht hat. "Ich muss akzeptieren, dass es so gewesen ist", sagt er. Er
steckt sich eine Zigarette an. Er raucht viel, trotz der kaputten Lunge.
Handl hat ein Buch geschrieben über "Wahn und Wirklichkeit" bei Scientology,
darin erzählt er seine Geschichte und versucht, Antworten zu finden auf diese
Frage: Warum? "Wir wurden zu Robotern gemacht", sagt er. "Man hat uns die
Gefühle, die Empfindungen, die Moral geraubt. Unsere Persönlichkeit wurde total
verändert." Handl erzählt von Nötigung, von psychischer Gewalt, von Erpressung.
Von Suchtrupps, die er rausschickte, wenn ein Scientologe es wagte, die Sekte zu
verlassen. Von Verhören mit oder ohne das E-Meter, eine Art Lügendetektor. "Ich
selbst führte oft fünf Verhöre am Tag", sagt er. Die Mitglieder wurden
gezwungen, alles zu erzählen, Sünden, unkeusche Gedanken, Homosexualität.
"Scientology ist wie ein Pfarrer, der Ihnen die Beichte abnimmt, um sie dann
gegen Sie zu verwenden", sagt Handl. "Wir haben den gläsernen Menschen
geschaffen." Und worum ging es dabei? "Geld. Es ging immer um Geld. Denn am Geld
wurde der Erfolg gemessen."
Handl bestätigt das, was Sektenexperten und Verfassungsschützer seit Jahren
vermuten. "Es war wirklich so schlimm", sagt er. Einmal, in den Neunzigern,
wurde er selbst eine ganze Nacht lang bearbeitet, 40 000 Dollar zu spenden. "Am
Ende gab ich nach. Sie haben sogar ungedeckte Schecks akzeptiert." Handl selbst
hat es genauso gemacht, hat Mitarbeiter mit eiserner Faust zum Spenden genötigt.
Er hat Veranstaltungen geleitet, bei denen 200 Scientologen in einem Raum saßen,
dessen Türen verschlossen waren. "Raus kam nur, wer zahlte", sagt er. Mal ging
es um 2000 Dollar, mal um 20 000. Über die Jahre gesehen ging es um Millionen.
Skrupel hatte Handl nie. Er arbeitete ja für das höhere Ziel: die "Klärung des
Planeten".
Handl weiß vieles, was ein normaler Scientologe nie erfährt. "Viele, die
länger dabei sind, sind entweder drogensüchtig oder psychisch krank", sagt er.
Sein jüngerer Bruder zum Beispiel, auch Scientologe, ist seit Jahrzehnten
Alkoholiker. Um geheilt zu werden, besuchte er vor Jahren einen 17 000 Euro
teuren Scientology-Kurs. Danach trank er mehr als zuvor, verlor seine Arbeit und
seine Frau. Vor einem Jahr wies er sich selbst in eine Heilanstalt ein. "Als ich
ihn vor kurzem dort besuchte", sagt Handl, "sah ich am Schalter einen
Scientologen stehen, der Operierender Thetan der Stufe V ist, eine Art Superman.
Er war kokainabhängig."
Wilfried Handl hat an die Überlegenheit der Scientologen geglaubt. An die
Wirksamkeit ihrer "Technologie". Daran, dass Kinder "Erwachsene in kleinen
Körpern" sind. Wenn einer seiner drei Söhne stürzte, hat er ihm nicht
aufgeholfen. Wenn einer sich verletzte, haben weder er noch seine Frau, die auch
Scientologin war, ihn getröstet. "Hatten sie Angst, haben wir ihnen gesagt, sie
sollen still sein. Liebe ist bei Scientology nicht vorgesehen." Heute macht er
sich Vorwürfe. Er redet nicht gern darüber.
Nach außen ging es all die Jahre um die Sicherung der Sekte. In den neunziger
Jahren half Handl, den Scientology-Vormarsch nach Osteuropa zu organisieren. Er
spricht vom Verkauf der Scientology-Seminare als "effektive Managementtechnik".
Wenn er davon redet, fällt er fast in den alten Größenwahn-Slang. "Das Interesse
war riesig. Die Wirtschaft griff gierig danach", sagt Handl, der damals eine
Werbefirma leitete. Er hat gut verdient dabei. Und hat dazu beigetragen, dass
viele Menschen in Ungarn und der Slowakei Scientologen wurden.
Handl würde gern seine geschiedene Frau aus der Sekte holen, die er vor mehr
als zwanzig Jahren selbst rekrutierte. Aber sie lebt jetzt in Amerika mit den
zwei jüngeren Söhnen, und ihr neuer Mann ist ein Scientologe, der den Kindern
den Kontakt zum Vater untersagt. Wilfried Handl, der von Sozialhilfe lebt, hat
nicht einmal das Geld für ein Flugticket. Und er arbeitet immer noch an seinem
eigenen Entzug. "Es ist noch so viel Scientology in mir", sagt er. Immerhin sei
er jetzt schon wieder "zu etwa sechzig Prozent Mensch und nur noch zu vierzig
Prozent Scientologe".
Handl lacht, dann wird er wieder ernst. Den Ausstieg schaffte er nur, weil
ihm seine alte Freundin Angelika, eine Nicht-Scientologin, dabei half. Drei
Jahre waren die beiden ein Paar. Ohne ihre Liebe wäre er wohl verzweifelt. Ohne
sie hätte er den doppelten Kampf nicht führen können: gegen die Sekte, die sein
Gehirn, und gegen den Krebs, der seinen Körper zerfressen hatte. Er hat
Therapien überstanden, die ihn fast umbrachten. Er sagt, er liebe jeden Tag, der
ihm geschenkt werde.
Wilfried Handl geht jetzt nicht mehr ins Krankenhaus. Er sagt, so sei es
besser. "Ich sollte eigentlich seit vier Jahren tot sein, aber ich lebe immer
noch!" Er glaubt, die Heilung habe mit der Ablösung, dem schmerzhaften und
langwierigen Ausstieg aus dem Wahnsystem zu tun, in dem er gefangen war. Er hat
sich einer Selbsthilfegruppe von Krebskranken angeschlossen. Er liest alles über
Psychologie, was er in die Hände bekommt, denn das war bei Scientology streng
verboten. Die innere Befreiung von Scientology wird auch die Befreiung vom Krebs
sein, glaubt er.
Und er glaubt, dass er eine Verantwortung hat. Deshalb geht er mit seinem
Buch in Schulen und redet mit Kindern über sein Leben und was Scientology daraus
gemacht hat. Sein ältester Sohn, der 21-jährige Victor, hat das Buch gelesen.
Anschließend haben Vater und Sohn das erste Mal richtig geredet. Als Scientology
Victor vor die Wahl stellte, "dein Vater oder Scientology", entschied er sich
für den Vater. Wilfried Handl sagt, er glaube, dass Victor es noch schaffen
kann, ihm zu verzeihen. Irgendwann.