Medizinisches Gutachten der Therapie der Scientologykirche
 
Prof. Dr. med. Hans Kind
Alt Direktor der Psychiatrischen Poliklinik im Universitätsspital Zürich
Prof. Dr. med. Hans Kind
Grütstrasse 10
8704 Herrliberg

 

 

Herrn Dr. U. Eschmann
Rechtsanwalt
Ankerstrasse 61
Postfach 127
8026 Zürich
 
Herrliberg, 3.3.1989
 
Sehr geehrter Herr Dr. Eschmann
 
Nach diversen vorbereitenden Kontakten haben Sie mit mich Brief vom 15.11.1988 gebeten, ein Gutachten über folgende Fragen zu erstatten :
 
1. Was ist aus medizinisch-psychiatrischer Sicht über den Gesundheitszustand von Frau L.B. zur Zeit der Begutachtung und im Zeitpunkt des Austrittes aus der Scientology-Sekte (ca. Oktober 1987) zu sagen ?
 
2. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Befunden, welche Frau Dr.med. H.H. bei Frau L.B. im Oktober 1987 erhoben hat und welche sie mit jenen bei "psychotischen Dekompensationen" vergleicht einerseits, und den Ihnen von Frau L.B. geschilderten Praktiken der Scientology-Sekte ?
 
3. Was ist aufgrund der heutigen Erkenntnisse der Psychotherapie (Psychiatrie) zum Modell von Dianetik (Scientology) über die psychischen und körperlichen Krankheiten (Ursache, Entstehung, Heilung etc.) zu sagen ?
 
4. Entspricht die Argumentation und die "Beweisführung" in den Schriften von Dianetik/Scientology den Anforderunqen eines allgemein anerkannten Wissenschaftsbegriffes ?
 
5. Wie sind die Auditing-Methoden der Scientologen aus psychotherapeutischer/psychiatrischer Sicht zu beurteilen ?
 
6. Sind parallelen zu anderen psychotechnischen Methoden erkennbar, welche man gemeinhin unter dem Begriff "Gehirnwäsche" zusammenfasst und worin bestehen sie ?
 
Mein Gutachten stützt sich auf diese Unterlagen :
 
1. Diverse Originalpublikationen über Dianetik und Scientology, die weiter unten speziell bezeichnet werden.
 
2. Weitere beigezogene Literatur zur Frage der möglichen Schädigung durch Psychotherapie oder verwandte Methoden.
 
3. Ausführliche Exploration von Betroffenen über ihre Eriebnisse mit Dianetik und Scientology.
 
Mein Gutachten gliedert sich in foigende Abschnitte :
 
1. Beschreibung der Theorie der Dianetik anhand des Lehrbuches von L. Ron Hubbard, dem Begründer der Dianetik.
 
2. Beschreibung der Dianetik als Therapie von neurotischen, psychosomatischen und anderen Störungen.
 
3. Die grundsätzlichen Risiken dieser Therapie im Licht der Psychotherapieforschung.
 
4. Auswirkungen der dianetischen Therapie auf die von mir explorierten Betroffenen.
 
5. Zusammenfassende Beantwortung Ihrer Fragen.
 
Soweit nicht anderes vermerkt, stammen die folgenden Angaben und Zitate aus dem Buch "Dianetik, die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit. Das Handbuch der dianetischen Verfahren", verfasst von L.Ron Hubbard, New Era Publications, Kopenhagen, 7. deutsche Auflage Taschenbuchausgabe 1984. Die Seitenverweise beziehen sich auf dieses Werk, sofern nicht eine andere Quelle genannt ist. Nachdem Ihnen die Organisation der Scientology Church gut bekannt ist, brauche ich auf diesen Aspekt nicht genauer einzugehen. Immerhin bemerke ich hiezu, dass Scientology heute eine weltweite Organisation ist, die sich Church, Kirche, nennt, die ihren Teilnehmern einerseits Wege zur mensehlichen Vollkommenheit anbietet. Dies gesehieht in Kursen und weiteren Veranstaltungen, die schrittweise immer höhere Stufen erreiehen sollen.
 
Andererseits behauptet Scientology, in der Dianetik eine Therapie neurotischer, psychosomatischer und anderer Störungen zu besitzen, die von ihren Mitarbeitern ausgeübt wird. Ich befasse mieh im folgenden in erster Linie mit Dianetik und ihren Risiken für den Patienten.
 
Es wird sich am Beispiel der befragten Betroffenen zeigen, dass aber meist auch Kurse im zuerst genannten Sinn im Spiele sind. Scientology als Organisation hat eine eigene Fachsprache entwiekelt, deren Kenntnis dem Teilnehmer das Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt.
 
Diese Fachspraehe ist in speziellen Wörterbüchern (z.B. Dianetics and Scientology. Technical Dictionary) erklärt, wobei allerdings zentrale Begriffe oft mehrere Bedeutungen haben.
 
 
1. Die der Dianetik zugrundeliegende Theorie über den Aufbau und das Funktionieren der menschlichen Psyche
 
Die menschliehe Psyche wird von L.R. Hubbard in Analogie zu einem enorm grossen Computer gesehen, der im Gehirn lokalisiert ist. Ein zentraler Begriff ist der menschliche Mind (Geist, Verstand, S. 56). Er ist in drei Teilfunktionen gegliedert, den analytischen Mind, "der Erfahrungsdaten wahrnimmt und behält, um Probleme aufzustellen und zu lösen" (S. 57), den reaktiven Mind, "der körperlichen Schmerz und schmerzliche Emotion einordnet und speichert und den Organismus einzig und allein nach dem Reiz-Reaktionsprinzip zu lenken sucht" (S. 57), und schliesslich den somatischen Mind, der Lösungen auf körperlicher Ebene verwirklicht.
 
Der bewusste Teil des analytischen Mind, seine Kontrollinstanz, die als Monitor bezeichnet wird, ist das Ich oder die Person im üblichen Sprachgebrauch (S. 63). Alle Wahrnehmungen der Sinnesorgane und sie begleitende Gedanken und Verknüpfungen werden vollständig in sog. Standard-Gedächtnisbanken gespeichert. Sie stehen dem analytischen Mind für seine Aufgabe im Dienst des Überlebens des Organismus zur Verfügung. Überleben ist das Grundprinzip des Lebens, dem alle Aktivitäten am Ende dienen.
 
Nun gibt es in den Standard-Gedächtnisbanken Lücken, d.h. Augenblicke, wo nichts gespeichert wurde. Das sind Lücken, die in Augenblicken von "Bewusstlosigkeit" zustandekamen, also in dem Zustand, der durch Betäubung, Drogen, Verletzung oder Schock verursacht wird (S. 74).
 
Die Wahrnehmungen solcher Momente werden, um eine Überlastung des Systems der Standardbanken zu verhindern, nicht gespeichert, weil der analytische Mind ausgeschaltet ist. Sobald dies geschieht, schaltet sich der reaktive Mind ein. Er springt für den analytischen Mind in Momenten der "Bewusstlosigkeit" ein, die gegen das Überleben gerichtet sind, um den Organismus auf einer tieferen Stufe zu retten. Er speichert nicht Erinnerungen, sondern Engramme. Das sind "vollständige bis ins kleinste Detail gehende Aufzeichnungen von allen Wahrnehmungen, die während der Zeit einer teilweisen oder vollständigen ' Bewusstlosigkeit' vorhanden waren" (S.82). Diese Engramme werden in speziellen, von den Standardbanken getrennten Engrammbanken gespeichert.
 
"Ein Engramm kann in jeden beliebigen Körperschaltkreis bleibend eingebaut sein und führt sich wie ein eigenständiges Wesen auf" (S. 83), körperlicher Schmerz und schmerzliche Emotion sind mit dem Engramm verbunden, dies der Unterschied zur blossen Erinnerung.
 
Engramme sind nun die Ursache für Aberrationen (S. 84), d.h. für gestörtes oder irrationales Verhalten (S.58). Der reaktive Mind denkt nur in Gleichsetzungen, Identitäten, was zu verzerrten Reaktionen führt. Engramme sind deshalb die Ursache von allen nicht unmittelbar somatisch bewirkten Unzulänglichkeiten des Menschen, besonders für alle psychosomatischen Krankheiten, Neurosen und Psychosen.
 
Der optimal gesunde Mensch, Clear genannt, hat weder aktiv noch potentiell vorhandene psychosomatische Krankheiten oder Aberrationen. Seine reaktiven Engrammbanken wurden durch die dianetische Therapie geklärt, d.h. ausgeräumt, gelöscht (S. 215 f.). Der Clear hat dann bisher ungeahnte Fähigkeiten. Sein IQ ist wesentlich grösser, er ist in hohem Mass vernunftbegabt und "völlig unfähig, sich zu irren" (S. 30). Sollte er trotzdem irren, so wäre das nicht die Folge eines Denkfehlers, sondern "der bewusst empfindende, vernunftbegabte Teil des Geistes, der die Lösung von Problemen wie ein Computer errechnet, indem er denkt, und der den Menschen zum Menschen macht" (S. 30), wäre unrichtigen Daten zum Opfer gefallen.
 
Der optimale Mensch hat auch die Fähigkeit zum Rückruf früherer Ereignisse und zwar in all ihren verschiedenen Sinnesqualitäten. Nachdem Wahrnehmungen schon im vorgeburtlichen Leben in den Zellen des Embryos gespeichert wurden, ist deren Rückruf später jederzeit möglich, d.h. der Patient kann z.B. die worte wiedergeben, die seine Mutter und sein Vater im Streit oder beim Geschlechtsverkehr gesprochen haben, als seine Mutter mit ihm schwanger war (Beispiel eines solchen Rückrufs auf S. 273 f.). An vielen Stellen des Lehrbuchs wird auf wissenschaftliche Beweise für diese Behauptungen hingewiesen, aber es fehlen alle konkreten Angaben über Untersuchungen oder Experimente, die irgendwie nachprüfbar waren.
 
 
2. Beschreibung der Dianetik als Therapie seelischer Störungen
 
Für die Therapie ist die Fähigkeit zum Rückruf, zur Wiedererinnerung früherer Ereignisse ein zentrales Erfordernis. Die diesbezüglichen Vorstellungen bewegen sich ganz auf der Ebene der Computerwissenschaft. So sagt L.R. Hubbard auch wörtlich, Dianetik sei eine Ingenieur-Wissenschaft (S. 281). Das menschliche Gedächtnis ist in dieser Theorie wie ein Computer organisiert. Alle Wahrnehmungen, zugehörige Gedanken etc. sind wie in Datenbanken chronologisch gespeichert, die analog den Magnetplatten eines Computers gesehen werden. Auf der chronologischen Zeitspur kann vom "Computer", Archivar genannt, jede Stelle, die zurückgerufen werden soll, aufgefunden werden. Blockierungen können das verhindern. Sie müssen in der Therapie beseitigt werden, weil für die Heilung alle Engramme, die aus schmerzlichen Ereignissen stammen, gelöscht werden müssen. Solche Engramme sind, wie bereits erwähnt, die Ursache von fehlerhaftem Denken und Verhalten und damit von Krankheiten, insbesondere psychosomatischen.
 
Wie geht diese Therapie vor sich ? "Zweck und einziges Ziel der Therapie ist die Beseitigung der reaktiven Engrammbank" (S. 220), weil Engramme, wie bereits erwähnt, die Ursache von fehlerhaftem Denken und Verhalten und damit von seelischen Störungen sind. Durch den Therapieprozess soll die Engrammbank entleert und der Inhalt umgespeichert werden, so dass er in den Standardbanken als Erfahrung verfügbar wird (S. 220).
 
Zielscheibe der Therapie ist die Engrammbank (S. 223). Weil der Patient seine eigenen Aberrationen nicht sehen kann, braucht er die Hilfe des Therapeuten, Auditor genannt, dessen spezielle Technik heisst Auditieren. Die Routinetechnik beginnt damit, dass der Patient in "Reverie" versetzt wird, d.h. in einen Zustand eingeengten und leicht gesenkten Bewusstseins. lm Technical Dictionary (Church of Scientolosy of California, Publications Organization US, Los Angeles, Third Printing 1978, Edited by P. Brice, A.C.Taylor) S. 351 heisst es zu Reverie : "The mind ... will be found to be to some degree detachable from his surroundings and directed interiorly."
 
Das entspricht der üblichen Definition eines hypnoiden Zustandes. Hubbard behauptet allerdings, seine Reverie habe nichts mit Hypnose zu tun. Eingeleitet wird die Reverie beispielsweise durch monotones Zählen. Zahlreiche weitere Techniken als Einleitung des Auditing werden erwähnt, u.a. in von L.R. Hubbard publizierten Modellsitzungen (1985).
 
Der Patient wird z.B. aufgefordert, Bewegungen des Auditors stereotyp genau nachzuahmen, deren Sinn er nicht versteht und wobei er auf diesbezügliche Fragen keine Antwort, sondern nur immer wieder die gleiche Aufforderung erhält. Er soll sich ohne Abwehr und Kritik der Führung des Auditors überlassen. Obwohl L.R. Hubbard immer wieder behauptet, Dianetik habe nichts mit Suggestion und Hypnose zu tun, benutzt er doch die gleichen Techniken der Einleitung und auch der Beendigung, indem ausdrücklich aIle möglichen Suggestionen des Auditors wieder gelöscht werden sollen (S. 250 f.).
 
lm Zustand der Reverie wird nun nach früheren Erlebnissen gefragt. Arbeitsinstrument ist der Rückruf. Der Patient wird veranlasst, zu früheren Perioden seines Lebens zurückzukehren, die wiedererlebt werden. "Der Auditor lässt den Patienten das Engramm wiedererzählen, bis es erleichtert oder verschwunden ist" (S. 258). Das Engramm ist allerdings nur in der Engrammbank verschwunden, aber kann nun in den Standardbanken gefunden werden (S. 258). Wenn das früheste traumatische Erlebnis (Basik-Basik genannt) auf diese Weise gelöscht ist, verschwinden alle Engramme (S. 258).
 
Kontrolliert wird das Löschen mit dem E-Meter, einem Apparat zur Messung des elektrischen Hautwiderstandes bzw. des Stromdurchflusses. Dieser Widerstand wird vor allem durch die Tätigkeit der Schweissdrüsen beeinflusst und diese wiederum durch das sympathische Nervensystem. Emotionen gehen mit sympathischen Erregungen einher und verändern den Hautwiderstand, bewirken also einen Nadelausschlag am E-Meter. Die Art der Emotion spielt dabei keine Rolle, immer nur ihre Stärke. Die dianetische Theorie geht von der Vorstellung aus, ein Engramm sei gelöscht, wenn die wiederholte Erzählung seines Inhalts keine Reaktion am E­Meter mehr auslöst. Früher wurden sol che Geräte, die meist noch weitere physiologische Reaktionenmessen konnten wie Puls, Blutdruck, Atmungsfrequenz u.a. als sog. Lügendetektoren verwendet. Sie haben sich nicht bewährt, gaben Anlass zu falschen Anklagen und sind heute wohl für diesen Zweck vollständig verlassen.
 
Die dianetische Therapie, die davon ausgeht, dass das Wiedererleben frühester schmerzhafter Ereignisse ihre pathogene Wirkung aufhebe, hat Entsprechungen in der frühen Psychoanalyse von Sigmund Freud und in neuerer Zeit in der Primärtherapie von Arthur Janov und anderen ähnlichen Verfahren. Freud war anfänglich der Meinung, die Bewusstmachung verdrängter Inhalte, die bis weit zurück in die Kleinkindzeit reichen, beseitige damit verknüpfte neurotische Symptome. Besonders zwischen der Neurosentheorie von Arthur Janov und Dianetik bestehen auffallende Analogien. Janov unterscheidet das wahre Selbst des Menschen, das er ist, bevor er entdeckt, dass es für seine Eltern nicht akzeptabel ist. Deshalb baut das Kind ein Abwehrsystem auf, eine Schale, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen. Das ist das irreale Selbst. Beim Neurotiker ist das reale Selbst zusammen mit dem Schmerz verschüttet. Er muss, um sich zu befreien, den Schmerz wieder spüren.
 
Der Patient muss den Schmerz und die zugehörigen frühen Erlebnisse nochmals durchmachen, den Schmerz herausschreien, um sich davon zu befreien. (Belege zur Janovschen Theorie siehe H. Kind "Psychotherapie und Psychotherapeuten", Thieme stuttgart 1982, S. 201 f.).
 
Sigmund Freud hat bald realisiert, dass die blosse Bewusstmachung keine Heilung garantiert. Notwendig ist das Durcharbeiten der Widerstände, die sich im Patienten gegen die Therapie, gegen den Therapeuten, gegen das Aufgeben früh erworbener Fehlhaltungen und gegen das Ergreifen reiferer Verhaltensweisen richten. Das ist bekanntlich ein langwieriger Prozess, der vom Analytiker ein hohes Mass von Fachkenntnis, Einfühlungsvermogen und konstanter Zuwendung verlangt.
 
ln der Dianetik sind ein solcher psychologischer Fachverstand und Einfühlungsvermögen nicht notwendig. Die Therapie verläuft nach unpersönlichen, sozusagen mechanischen Regeln ab. L.R. Hubbard sagt ausdrücklich, Dianetik brauche keine spezielle Vorbildung. Besonders Ingenieure seien hervorragend geeignet, ausgezeichnete Auditoren zu werden (5. 212). Zu den Grundregeln der Therapie gehört, dass man es dem Patienten nicht bequem machen und ihm jedenfalls kein Mitgefühl zeigen darf (5. 224). Auch Informationen an den Patienten sind nur schädlich. Wie heftig auch immer der Patient klagt und jammert, der Auditor muss fest im Auge behalten, dass jedes Klagen, jedes Aufbäumen ein Schritt näher zum Ziel ist (5. 225).
 
"Die Aufgabe des Auditors erinnert sehr an die eines Schäfers, der die Lämmer - die Engramme - zum Schlachten in die Hürde treibt" (5. 226). "Stösst der Auditor auf Abwehr, Feindseligkeit gegenüber der Dianetik, persönliche Kritik usw., so hört er keine analytische Daten" (das bedeutet in diesem Zusammenhang keine vernünftigen Argumente des Patienten) "sondern reaktive Engramminhalte. Er sollte gelassen fortfahren, in dem sicheren Wissen, dass die Dynamiken des Patienten ihm mit allem, was zur Verfügung steht, helfen werden - solange der Auditor ein Verbündeter gegen den reaktiven Mind des Patienten ist, nicht Kritiker oder Angreifer des analytischen Minds." (5.232). Optimale Arbeit wird der Auditor leisten, wenn er sich geistig während der Therapie so einstellt, dass er ruhig sitzenbleiben und ein Liedchen pfeifen könnte, während der Raum vor ihm abbrennt (5. 226).
 
Der Auditor ist gar nicht daran interessiert, was der Patient tut und was er getan hat. Die Therapie beschäftigt sich ausschliesslich mit dem, was der Person angetan wurde. Was eine Person getan hat, ist belanglos. Der Auditor, der sich mit letzterem abgibt, verstösst gegen die Regeln der Dianetik (S. 383). Mit dieser Einstellung wird diese Therapie nun besonders problematisch, weil sie vor allem den Müttern einen wesentlichen Teil der Schuld an den Aberrationen des Patienten zuweist. Als selbstverständlich wird unterstellt, dass sehr viele Mütter Abtreibungsversuche unternommen und dabei dem Embryo schädliche Engramme gesetzt haben. Wenn ein Patient sagt, er habe ein schlechtes Gedächtnis für frühe Erlebnisse, so ist meist die Mutter daran schuld, die dem Kleinkind dauernd gesagt habe, es könne sich an nichts mehr erinnern, als es noch ganz klein war.
 
"Sie möchte nicht, dass es sich zurückruft, wie geschickt - wenn auch erfolglos - sie mit verschiedenen Instrumenten zu Werke ging. Vielleicht wäre das vorgeburtliche Gedächtnis eine Selbstverständlichkeit, wie unser ganz normales Gedächtnis und stünde der gesamten Menschheit für den Rückruf voll zur Verfügung, wenn sich nicht dieses Schuldbewusstsein so vieler Mütter durch all die Jahrtausende hin fortgepflanzt hatte. Der Auditor muss daher immer auf den heftigen Widerstand von Müttern gefasst sein, die sich - aus Angst vor dem, was ihr Kind entdecken könnte - mit Händen und Füssen dagegen wehren, dass ihre erwachsenen Söhne oder Töchter die Therapie beginnen" (S. 246).
 
"So mancher Audi tor hat schon erlebt, dass eine Mutter bei dem Gedanken, ihr Kind könne vorgeburtliche Geschehnisse zurückrufen, einen Nervenzusammenbruch erlitt. Übrigens liegt das nicht immer daran, dass sie abzutreiben versuchte. Oft gab es neben dem Vater noch ein paar andere Männer, von denen der Vater nie etwas wusste und sehr häufig wird die Mutter in einem solchen Fall ihr Kind lieber Krankheiten, geistigen Störungen oder auch nur dem Unglücklichsein überlassen, als es den Weg des preclears verfolgen zu lassen, obwohl sie behauptet, keinerlei Erinnerung an irgendein dem Kind jemals zugestossenes Übel zu haben. Wenn sie selbst dianetisch behandelt wird, gibt sie die Wahrheit gewöhnlich preis. Hier haben wir die Ursache, warum in unserer Gesellschaft ein gutes Gedächtnis unerwünscht ist und kleinkindliche und vorgeburtliche Erinnerung nicht zur Kenntnis genommen werden - ganz zu schweigen von der Fähigkeit der Rückkehr und des Wiederdurchlebens" (S. 246/47).
 
Nicht nur der Abtreibungsversuch selbst schädigt den Fötus, sondern auch die gleichzeitigen Selbstgespräche der Mutter werden vom Fötus, der dabei irgendwie "verletzt" wird, aufgezeichnet und können Geisteskrankheit und Neurose erzeugen (S. 390). Das gleiche gilt für Gespräche der schwangeren Mutter mit dem Vater oder einem Liebhaber während des Geschlechtsverkehrs, bei dem der Fötus gedrückt und gestossen, d.h. ihm Schmerz erzeugt wird. Der Patient, der eine dianetische Therapie beginnt, soll auf keinen Fall seine Eltern und Verwandten um Informationen über seine frühe Vorgeschichte bitten. Sie würden ihn nur auf eine falsche Spur setzen, weil sie nur wünschen, dass er alles vergässe, was sie ihm angetan haben. "Diese Leute sind die Bösewichte in unserem Drama : Die Leute, die dem preclear die Dinge angetan haben, die ihn zum Aberrierten machten. Erwartete man von ihnen genaue Daten, sa könnte man ebensogut erwarten, dass der Mond aus grünem Käse besteht." (S. 474) .
 
Der vorzeitige Abbruch einer dianetischen Therapie geschieht in der Theorie von L.R. Hubbard immer aus einem Widerstand heraus. Die Manifestationen dieses Widerstandes seien aber Versuche des Mind, die Wiederaufnahrne der Therapie zu erreichen (S. 477). So ist dafür gesorgt, dass ein Abbruch der Therapie, was auch irnmer die Motive sind, als unverantwortlicher Schritt des Patienten deklariert werden kann.
 
 
3. Risiken der Dianetik im Licht des Psychotherapieforschung
 
Die aufmerksame Lektüre des Lehrbuchs der Dianetik von L.R. Hubbard macht klar, dass diese sog. Therapie eine völlig unpersönliche, ja "unmenschliche" Prozedur ist, in dem Sinn, dass der Therapeut gar nicht darauf bedacht ist, auf die persönlichen Probleme und Anliegen des Patienten einzugehen, sondern nur stur darauf ausgeht, ihn zu sog. Rückrufen anzuhalten und frühe Ereignisse solange erzählen zu lassen, bis das E-Meter keine emotionale Reaktion mehr anzeigt. Weil der Patient keine Informationen erhält, weiss er in der Regel nicht, was gespielt wird. Er befindet sich in einem leicht hypnoiden Zustand und lässt mit sich geschehen. Anfänglich wird er allenfalls eine deutliche Abreaktion emotionaler Spannungen erleben, die er als befreiend empfinden kann. Die Wiederholung bringt aber häufig keinen Gewinn, weil Konflikte nicht bearbeitet werden, und der Patient auch keine Hinweise erhalt, wie er sich in seinem Leben besser orientieren konnte.
 
Diese Therapie lässt ganz bewusst die bekannten und vielfach wissenschaftlich belegten Wirkungswege psychotherapeutischer Verfahren ausser acht und beschränkt sich auf die blosse Abreaktion. Die Beziehung zum Therapeuten, die heute anerkanntermassen der wichtigste therapeutische Faktor ist, wird vollständig ausgeklammert. Wie au ch immer der Patient reagiert, welche Krisen und Zusammenbrüche er auch zeigt, der Auditor sollte ruhig dabei sitzen, ein Liedlein pfeifen (S. 226) und auf der immer neuen Wiederholung anhand des E-Meter-Ausschlages angeblich noch nicht gelöschter Engramme bestehen. Die Annahme liegt nahe, dass es auf diese Weise zu einer Konditionierung des Patienten kommt, der gleichgültig wird, weil er den Sinn der Prozedur nicht versteht. Die Fragen lassen ihn allmählich kalt, so dass auch keine Emotion mehr mitschwingt, das E-Meter also kaum mehr reagiert. Das bedeutet aber keineswegs, dass das frühere Trauma nun überwunden ist, sondern nur, dass die Abwehr auf der emotionalen Ebene sich verfestigt hat. Das hat schon Freud erfahren, als er feststellen musste, dass die blosse Bewusstmachung eines Ereignisses seine pathogene Wirkung nicht beseitigt.
 
Erhebliche Risiken für den Patienten bedeutet jene Einstyllung des Auditors, der sich an die Weisung L.R. Hubbards hält, die Eltern und Verwandten seien die Bösewichter, die ausschliesslich die Schuld an den Störungen und Beschwerden des Patienten hätten. Jeder Widerstand von Eltern gegen diese besitzergreifende Therapie wird als Ausdruck ihrer Schuldgefühle und Angst vor der Aufdeckung von "Misshandlungen" des Patienten in seiner Jugend oder gar der vorgeburtlichen Zeit interpretiert. Das scheint z.T. zur Strategie der Organisation zu gehören, weil auf diese Weise die Patienten von ihren Familien getrennt und ganz an die Organisation gebunden werden. Wenn dann noch finanzielle Abhängigkeiten dazukommen, ist der Weg zurück zur Selbständigkeit enorm erschwert und nur mit vielen Einbussen möglich.
 
Nachdem der Prozess des Auditierens den Patienten bezüglich seiner Konflikte und Ängste allein lässt, weil er keine Interpretationen, kein Mitgefühl oder emotionale Stützung erhalten soll, ist dieses Verfahren höchstens für sehr robuste, selbstsichere, innerlich widerstandsfähige Personen ohne Risiko. Für seelisch Leidende, Selbstunsichere, Labile, an inneren und äusseren Konflikten Leidende bringt es erhebliche Gefahren wie Angstzustände, Depressionen, Krisen bis zu psychotischen Zusammenbrüchen. H. Lang zitiert ein solches Beispiel :
 
"Suggestiver Methoden befleissigt sich auch die Scientolgy Church. Beispielsweise sitzen sich hier, wie eine Patientin berichtete, zwei Mitglieder regelmässig für mindestens ein halbe Stunde gegenüber, starren sich dabei wechselseitig in die Augen, ohne ein Wort zu sprechen oder nur das Gesicht verziehen zu dürfen. Als diese Patientin, die zuvor nie nervenärztlich behandelt worden war, bei diesem Arrangement nun statt des Gesichts des gegenübersitzenden Partners ein Portrait wahrnahm, das an eine Gestalt aus dem 16. Jahrhundert erinnerte, und sich zugleich ein Erstickungsgefühl einstellte, erklärte ihr anschliessend der Kursleiter, dass sich jetzt etwas an ihr wiederhole, was im 16. Jahrhundert realiter vorgefallen sei. Denn der Mann, den sie zuvor im Portrait wahrgenommen habe, sei durch Strangulation zu Tope gekommen. Der 'Thetan', der unsterbliche Geist, der damals seinen Körper bewohnt habe, sei jetzt in ihr lebendig geworden. Glaubt der Betreffende an eine solche Interpretation, die ja an das Konzept des 'time track' der Science-Fiction­Literatur erinnert, und unsere Patientin war von deren Richtigkeit felsenfest überzeugt, dann verschieben sich hier die Grenzen von Raum und Zeit, offnen sich dem Blick schwindelnde Perspektiven, löst sich die eigene Identitat in der Verschmelzung mit historischen Gestalten auf. Was Wunder, dass die Patientin wenige Tage später hochpsychotisch in der Klinik aufgenommen werden musste. Sowohl diese entgrenzende Reinkarnationslehre als auch die eine sehr hohe Intimität schaffenden Übungen teilt die Scientology mit der Bhagwan-Bewegung."
(H.Lang: "Können Jugendsekten krank machen ?" in Destruktive Kulte herausgegeben von K.G. Karde und M. Müller-Küppers, Verlag für medizinische Psychologie, Göttingen 1983, S. 83/84.)
 
Besonders bedenklich ist zudem die Anweisung von Hubbard, der Auditor dürfe sich gar nicht um diese Krisen der Patienten kümmern, sondern müsse ruhig dabei sitzen bleiben und ein Liedlein pfeifen können (S. 226).
 
Der Anspruch der Dianetik, aIle Neurosen, psychosoma­tischen Krankheiten und auch die funktionellen Psychosen heilen zu können, widerspricht vollständig dem, was sonst über die Wirksamkeit der Psychotherapie aus seriösen Forschungen bekannt ist. Bezeichnenderweise gibt es im Lehrbuch von L.R. Hubbard auch keinerlei nachprüfbare Beschreibungen von Therapieversuchen mit Erfolgskontrollen, sondern blosse Behauptungen, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Dianetik alle diese wunderbaren Wirkungen habe. Dabei wäre es ein leichtes, z.B. Dianetik mit klientzentrierter Gesprächstherapie zu vergleichen bei randomisierter Zuweisung der Klientele einer psychotherapeutischen Institution an eine der beiden Methoden. Man hat nie gehört, dass L.R. Hubbard seine Methode einem solchen wissenschaftlichen Test unterstellt hätte. Solange das nicht geschieht, wird der Anspruch auf wissenschaftliche Überlegenheit zu Unrecht erhoben.
 
Vermutlich realisiert der Patient in vielen Fällen nicht, was eigentlich der Zweck der Therapie ist, nämlich nur die Befreiung von angeblich aberrierenden Engrammen bzw. Erinnerungen und nicht etwa Hilfe zur Überwindung seiner Schwierigkeiten und Konflikte. Das einleitende suggestive Prozedere macht ihn für die Manipulationen des Auditors zugänglich und schwacht seine Realitatskontrolle. So lasst er sich allenfalls zum Glauben bekehren, er erinnere vorgeburtliche Ereignisse oder gar solche aus früheren Inkarnationen und wird auf diese Weise zum Anhanger des Systems, er gehöre zu jenen Auserwählten, die über sonst unerreichbare seelische Potenzen verfügten und im Extremfall zu jenen, die einen Atomkrieg überleben würden.
 
L.R. Hubbard gab sich aber mit Dianetik nicht zufrieden, mit deren Hilfe sich der Mensch von seinen Aberrationen befreien und "clear" werden kann.
 
"Er entdeckte und entwickelte die erstaunlichen Materialien oberhalb von clear, die jetzt als die fortgeschrittenen Kurse bekannt sind. Diese sind die acht OT-Abschnitte (OT= operierender Thetan: Ein Clear, der mit seiner Umgebung so vertraut gemacht worden ist, dass er den Punkt erreicht hat, völlig Ursache über Materie, Energie, Raum, Zeit und Denken zu sein, und der nicht in einem Körper ist). Sie ermöglichen jemandem, der den Zustand clear erreicht hat, Fähigkeiten wiederzu­gewinnen, die dem menschlichen Geist nie zuvor exakt zugeschrieben wurden, und zwar als OT, als ein geistiges Wesen, das unabhängig von den Gesetzen des physikalischen Universums wirkt und handelt." (so S. 170/171 in : "Alles über radioaktive Strahlung von einem Kernphysiker und einem Arzt", Scientology Publications Organisation, Kopenhagen, 1. deutsche Auflage 1980).
 
Den Anhängern wird also suggeriert, sie könnten menschliche Vollkommenheit erreichen mit bisher ungeahnten geistigen und intellektuellen Fähigkeiten als "ein geistiges Wesen", das unabhängig von den Gesetzen des physikalischen Universums wirkt und handelt, wenn sie nur die Kurse absolvierten. Seit 1966 seien L.R. Hubbard diese Einsichten gelungen, die diesen höheren Kursen zugrunde liegen. Freilich bleibt er den Beweis schuldig, dass diese Kurse den vollkommenen Menschen bilden. Wenn es wahr wäre, würden die Erfolge der Scientology für sich selbst sprechen und sie wäre nicht gezwungen, zu so fragwürdigen und ausbeuterischen Methoden zu greifen, wie sie die folgenden Beispiele belegen.
 
 
4. Der Fall von Frau S.B.
 
Diese junge Frau fand eines Tages in ihrem Briefkasten einen Prospekt mit Buchanzeigen der Scientology. Weil sie immer unter einer gewissen Selbstunsicherheit litt, fühlte sie sich yom Hinweis auf Dianetik, einer modernen Wissenschaft der geistigen Gesundheit, wie es hiess, angesprochen und bestellte das Buch per Post.
 
Schon am folgenden Tag erhielt sie einen Telefonanruf des Buchladens der Scientology, sie solle doch persönlich kommen, öonne sich dann genauer über ihre Bedürfnisse informieren und einen Test machen, um besser zu erkennen, welche Hilfen sie brauche. Sie liess sich überreden, ging am folgenden Samstag hin, erhielt ein Testblatt mit Fragen zu ihrem Befinden und ihren Eigenschaften, das nach dem Ausfüllen gleich ausgewertet wurde. Man sagte ihr, sie sei sehr intelligent, sie habe die Fähigkeit zum Umgang mit Menschen und sollte das unbedingt verbessern. Ohne lange nach ihrer Zustimmung zu fragen, wurde Frau S.B. in Begleitung ins Zentraum der Scientology-Organisation geschickt, wo sie angehalten wurde, gleich einen weiteren, jetzt umfangreicheren Testbogen auszufüllen. Sie liess sich unter dem Druck der freundlich lächelnden jungen Leute, die sich mit ihr befassten und die sie sofort duzten, zu einem ersten Kurs überreden und gleich zu einem Auditing, das sich über etwa vier Stunden hinzog, wobei immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden. Hinterher sei sie vollkommen fertig gewesen, fühlte sich erschöpft, in gewisser Hinsicht aber auch erleichtert, was sie im schriftlichen Erfolgsbericht, der jetzt von ihr verlangt wurde, auch bestätigte. Darauf wurde sie gedrängt, gleich eine neue Abmachung für den folgenden Tag zu treffen. ln den folgenden Wochen besuchte sie drei Mal wöchentlich eine Auditing-Sitzung von zwei bis vier Stunden Dauer, was ihre Krafte enorm beanspruchte. Mit massiver Überredung wurde sie dazu gebracht, zwei Bankkredite von Fr.32'000.-- (20'500 euros) zu Gunsten der Scientology aufzunehmen. Zins, und Amortisation beliefen sich auf Fr.723.-- (500 euros) monatlich, was rund einem Drittel ihres monatlichen Nettoeinkommens entsprach.
 
Obwohl ihr Hausarzt wie auch der von Scientology zugezogene Arzt wegen labilem Kreislauf von der Purification-Sauna abrieten, habe man doch versucht, sie dazu zu drängen und verlangt, dass sie sog. Vitamintabletten einnehme. Schliesslich erlitt Frau S.B. nach einem langen Auditing einen eigentlichen Kreislaufkollaps. Sie wollte deshalb nicht mehr weitermachen und zunächst in die schon lange geplanten Ferien gehen. Darauf hatten ihr Angehörige der Scientology täglich telefoniert, sie zu bestimmen versucht, die Ferien aufzugeben oder doch die Ferien in der Scientology­Organisation zu verbringen. Frau S.B. blieb nun aberdabei und realisierte auch, als sie in den Ferien Abstand bekam, in welche schwierige finanzielle Lage sie sich mit den Ratenzahlungen gebracht hatte. Nach den Ferien klagte sie einer Vorgesetzten ihr Leid, die ihr einen Artikel des "Beobachters" zur Lektüre gab, worin die Praktiken der Scientology geschildert wurden. Frau S.B. telefonierte nun der Scientology­Organisation, sie wolle nicht mehr kommen, worauf sie taglich und oft zu später Abendstunde mit Telefohanrufen bombardiert wurde. Sie solle die Kurse weiterbesuchen, könne viel profitieren, werde rasch dank diesen Fortschritten eine besser bezahlte Stelle fin­den, so dass sie finanziell entlastet sei. Mit diesen Telefonanrufen und dem hartnäckigen Insistieren habe man sie richtig fertiggemacht.
 
 
5. Der Fall von L.B.
 
Diese junge Frau wurde durch ihren Freund in die Scientology-Organisation eingeführt. Sie besuchte ihn einmal dort und wurde gleich aufgefordert, einen persönlichkeitstest zu absolvieren. Der Testauswertung folgte ein langes Interview mit dem Ziel, Frau L.B. zu einem Kurs zu überreden. Sie weigerte sich zunächst noch, bei einem späteren Besuch wurde sie vom "Chef" ihres Freundes empfangen, der ihr auseinandersetzte, wie wichtig für ihre Beziehung zum Freund es sei, wenn sie selbst auch bei Scientology mitmache. So verpflichtete sie sich für einen ersten niederen Kurs. Jedermann in der Organisation sei freundlich zu ihr gewesen, alle hatten sie beim Namen genannt. Frau L.B. war überrascht über die wohlwollende Atmosphäre. Nach Abschluss des ersten Kurses wurde sie massiv unter Druck gesetzt, jetzt für weitere Kurse einen Kredit von Fr. 6'000.-- aufzunehmen. (4'000 euros)
 
Als nächstes erhielt Frau L.B. einen Purification­Rundown verordnet, d.h. eine mehrtägige Kur mit täglich mehrstündigem Saunabesuch und Einnahme von Vitamintabletten. Nach dieser Kur, wahrend welcher sich Frau L.B. nicht unwohl fühlte, wurde sie überredet, einen zweiten Kredit aufzunehmen, jetzt von Fr.27'000.-- (21'000 euros) und zwar zu Gunsten ihres Freundes, der wegen Schulden keinen neuen Kredit mehr erhalte. Bald darauf kündigte ihr der Freund die Beziehung, worauf Frau L.B. sich betrogen und "am Doden zerstört" fühlte. Sie erhielt nun Auditing, empfand das Prozedere aber als unangenehm. Es sei nur auf immer den gleichen Sachen herumgehackt worden, was sie zum Weinen brachte.
 
Etwa ein Vierteljahr nach ihrem ersten Kontakt mit Scientology wurde Frau L.B. aufgefordert, Mitarbeitein der Organisation zu werden. Sie fühlte sich geehrt, reduzierte ihre bisherige Arbeitsstelle in einem grosseren Unternehmen auf 50 % und verpflichtete sich für fünf Jahre daneben je 10 1/2 Stunden täglich für Scientology zu arbeiten. Als Mitarbeiterin bekam sie Einblick in die skrupellosen Methoden, potentielle Klienten zu grossen fihanziellen Verpflichtungen zu überreden. lnfolge ihrer Doppelbelastung wurde sie übermüdet, isolierte sich zunehmend von ihren bisherigen Freunden und Bekannten und war der regulären Berufsarbeit kaum mehr gewachsen. Zwar war sie zunachst stolz auf ihre Mitarbeit in der Organisation, musste aber realisieren, dass sie kräftemässig der Doppelbelastung nicht gewachsen sei.
 
Schliesslich geriet sie in einen Erschöpfungszustand und wurde von ihrer Mutter zur Hausärztin geschickt. Die Untersuchung ergab laut schriftlichem Bericht der Ärztin einen psychophysischen Ersch¨0pfungszustand und eine leichte Blutarmut. Frau L.B. war so reduziert, dass die Ärztin sie für zwei Wochen arbeitsunfähig schreiben rnusste. Trotz Mahnungen der Ärztin wollte Frau L.B. ihre Situation nicht neu ordnen.
 
Erst neun Monate später meldete sie sich in heller panik erneut bei der Hausärztin. Bei der Konsultation befand sie sich in einem schweren psychischen Ausnahmezustand mit Verfolgungs- und Todesängsten. Was war geschehen ? ln den vergangenen Monaten hatte Frau L.B. wiederholt versucht, ihr Engagement als Mitarbeiterin der Organisation zu reduzieren, weil sie der Doppelbelastung nicht gewachsen sei. Jedesmal sei sie überredet und moralisch unter Druck gesetzt worden, weiterzumachen. Wenn sie in diesem Leben gerettet werden wolle, müsse sie dabeibleiben. Sie erhielt eine Schrift von L.R. Hubbard zur Lektüre, in der beschrieben wurde, wie schlecht es jenen Menschen gehen werde, die sich von Scientology abwendeten.
 
Frau L.B. war sehr beeindruckt davon, blieb aber jetzt bei ihrem Verlangen, mit Scientology aufzuhören. Sie entschloss sich, ihr restliches Guthaben aus den Krediten zurückzufordern, liess sich aber zunächst überreden, das Geld vorläufig stehenzulassen. Frau L.B. war nun sehr verunsichert, fühlte sich einerseits den Anforderungen rein physisch nicht gewachsen, hatte andererseits aber auch Zweifel an der ganzen Organisation, realisierte die Diskrepanz zwischen den hohen Idealen, die verkündet werden und der schamlosen Geldmacherei, indem Leute zu finanziellen Verpflichtungen gedrängt wurden, die ihre Möglichkeiten offensichtlich überstiegen und sie in Schulden brachten. Die Zugehörigkeit zur Organisation hob aber auch ihr Selbstgefühl, sie sah sich als Teil einer Gruppe, die hohe ethische Werte propagierte. Sie hatte deshalb auch Schuldgefühle, als sie sich zum Ausstieg entschloss.
 
In dieser Situation besuchte sie einen Kinofilm, in welchem. u.a. dargestellt wurde, wie jemand für Taten, die er in einem früheren Leben begangen haben sollte, yom Teufel bestraft wurde. Diese Geschichte weckte die Erinnerung an die in der Schrift von L.R. Hubbard gelesene Drohung gegen Abtrünnige der Scientology und löste einen akuten Angstzustand aus, der laut Auskunft der behandelnden Ärztin psychotisches Ausmass hatte. Mit Hilfe regelmässiger psychotherapeutischer Sitzungen klang dieser Zustand im Laufe einiger Wochen wieder ab und Frau L.B. fand zu einer realitätsgerechten Einschätzung iqrer Situation zurück.
 
 
6. Die Falle S.F. und L.S.
 
Diese Personen, die als weiterer Beleg für individuelle Erfahrungen mit Scientology nur kurz erwähnt werden sollen, haben beide eine Zeitlang aktiv in Scientology-Organisationen mitgearbeitet, wobei sie zur weiteren Ausbildung in einer der Zentralen der Organisation in Flag/Florida, in USA weilten. Beide beschrieben, wie sehr die Organisation von ihnen Besitz ergiffen habe, indem durch Kurse und andere Aktivitäten ihre freie Zeit so sehr beansprucht wurde, dass für bisherige Aktivitäten kein Raum mehr blieb.
 
Das führte zu lsolierung, zum Teil auch zu Übermüdung und körperlicher Überforderung. Beide konnten sich schliesslich wieder von Scientology lösen, vor allem, weil sie die Widersprüche realisierten, die Diskrepanz zwischen den hohen ethischen Ziele, die wegleitend sein sollten und dem rücksichtslosen Verhalten in finanziellen Dingen. Vor allem L.S. fühlte sich stark unter Druck gesetzt. Man habe auf alle Weise versucht, den Kontakt zu seinen Angehörigen zu erschweren oder gar zu unterbinden und ihn zu isolieren. Man kann nicht sagen, dass diese beiden Personen abgesehen von den finanziellen Einbussen geschädigt worden seien. Aber sie sind Beispiele für die Art und Weise, wie Scientologen Klienten anwerben, diese systematisch bearbeiten, moralisch unter Druck setzen, sie von ihren bisherigen Bezugspersonen zu isolieren und in Abhängigkeit zu bringen suchen.
 
 
7. Beurteilung und Beantwortung Ihrer Fragen
 
Zu 1. und 2.
 
Was ist aus medizinisch-psychiatrischer Sicht über den Gesundheitszustand von Frau L.B. zur Zeit der Begutachtung und im Zeitpunkt des Austrittes aus der Scientology-Sekte (ca. Oktober 1987) zu sagen?
 
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Befunden, welche Frau Dr.med. H.H. bei Frau L.B. im Oktober 1987 erhoben hat und welche sie mit jenen bei "psychotischen Dekompensationen" vergleicht einerseits, und den Ihnen von Frau L.B. geschilderten Praktiken der Scientology-Sekte ?
 
Ich fasse die Antwort auf Ihre Fragen 1. und 2. zusammen. lm Zeitpunkt meiner Exploration war Frau L.B. wieder psychisch unauffällig. Sie konnte anschaulich erzählen, gab auf Fragen verständliche Antworten.
 
Sie schien von ihren Erlebnissen in der Scientology Distanz gewonnen zu haben. Sie fühlt sich aber heute noch in einer schwer zu beschreibenden Weise beeindruckt und kann nicht verstehen, dass sie sich entgegen ihrem eigenen Interesse so einziehen liess. Körperlich fühle sie sich seither irgendwie verandert, habe diverse Beschwerden, aber ohne dass eigentliche Befunde vorliegen würden. Ihr Freund sage, sie sei labil, was wohl richtig sei.
 
Aus ihrer Beschreibung und dem an mich adressierten Schreiben der Hausärztin vom 29.3.1988 geht m.E.
deutlich hervor, dass sie ausgelöst durch Verfolgungsängste und Schuldgefühle im Zusammenhang mit ihrem Austritt aus der Scientology-Organisation in einen schweren psychischen Ausnahmezustand geriet, in welchem sie vorübergehend die Realitätskontrolle verloren hat. Das Auftreten dies es psychotischen Zustandes zeigt, wie weitgehend sie in eine seelische Abhängigkeit von der Organisation geraten war. Nur dank der Hilfe ihrer Mutter und der Hausärztin konnte sie sich relativ rasch aus dieser Krise befreien. Entsprechend den Praktiken der Scientology konnte sie von der Organisation, die zwar "Wege zur geistigen Gesundheit" anbietet, keine Hilfe bekommen, weil - wie weiter vorn zitiert - jeder Versuch des Widerstandes gegen Scientology von L.R. Hubbard als grundsätzlich irreal und unvernünftig bezeichnet wurde.
 
Aufschlussreich in dieser Beziehung ist die Ethik der Scientology (siehe dazu L.R. Hubbard: "Einführung in die Ethik der Scientology", New Era Publications, Kopenhagen, 1. deutsche Auflage 1981), wo jede Kritik an Scientology und selbständiges Denken als Vergehen oder gar Verbrechen gegen die Organisation bezeichnet werden kann. Aus den Ethik-Richtlinien wird auch verständlich, warum mit so skrupellosen Methoden Patienten und Kursbesucher zu grossen finanziellen Verpflichtungen gedrängt werden. So heisst es S. 84 der Einführung in die Ethik, Unzulänglichkeit oder Absinken der Einnahmen oder des Publikumsverkehrs in einer Sektion, Einheit, Organisation etc. sei ein allgemeines Vergehen. Dazu heisst es S. 108 der Einführung in die Ethik weiter :
 
"In der Erledigung unserer Angelegenheiten in der Scientology halten wir uns in ailen Fragen der: Belohnung und Bestrafung strikt an die obigen Grundsätze" (sie wurden auf den vorhergehenden Seiten dargelegt) "und wenden die folgenden Richtlinien an : Wir belohnen Produktion und hohe (oder steigende) Statistiken und bestrafen Nichtproduktion und niedrige (oder sinkende) Statistiken. Immer. Ausserdem tun wir dies ausschliesslich aufgrund von Statistiken - nicht aufgrund von Gerüchten oder Personlichkeiten oder persönlichen Beziehungen. Und wir vergewissern uns, dass jeder eine Statistik irgendeiner Art hat. Wir befördern nur nach Statistiken. Wir bestrafen nur niedrige Statistiken".
 
Diese Richtlinien machen die folgenden Aussagen von Frau L.B. verständlich. Jeweils am Donnerstag jeder Woche werde die Statistik erstellt, wieviele Abschlüsse, Verkäufe, begonnene Kurse die Organisation vorweisen könne. Weil sie aufgrund dieser Statistik bewertet und - entsprechend den eben erwähnten ethi­schen Richtlinien belohnt oder bestraft wird. Frau L.B. beschrieb die grauenhafte Hektik an diesem Tag in der Organisation. Alle versuchten per Telefon oder Besuche noch schnell etwas zu erreichen. Dem Aussenstehenden drängt sich der Gedanke auf, ein unschönes, grob materielles Interesse beherrsche diese Organisation, die so hohe ethische Ziele propagiert.
 
Zu 3.
 
Was ist aufgrund der heutigen Erkenntnisse der Psychotherapie (Psychiatrie) zum Modell von Dianetik (Scientology) über die psychischen und körperlichen Krankheiten (Ursache, Entstehung, Heilung etc.) zu sagen ?
 
Ich habe bei der Beschreibung von Theorie und Therapie der Dianetik wei ter vorn dargelegt, dass die Vorstellung, Neurosen, psychosomatische Erkrankungen und funktionelle Psychosen würden ausschliesslich durch frühe pathogene Erlebnisse, ja vorgeburtliche Widerfahrnisse verursacht, im Lichte der heutigen psychologischen und psychiatrischen Forschungsergebnisse völlig unhaltbar ist. Seelische Störungen können in der Regel nur multifaktoriell oder multikonditional verstanden werden. Alle Theorien, die ein monokausales Konzept vertreten, sind bisher gescheitert.
 
Das hat auch der frühe Freud erfahren. Ganz abwegig ist - ich wiederhole weiter vorn Gesagtes - die Vorstellung, durch die Bewusstmachung früher Erlebnisse eine Heilung der meisten seelischen Söorungen bewirken zu können. Das widerspricht den Ergebnissen jahrzehntelanger, seriöser Psychotherapieforschung. Die Heilung solcher Störungen im Laufe einer Therapie ist in aller Regel ein komplexer Vorgang, bei welchem die Beziehung zum Therapeuten eine entscheidende Rolle spielt. Seltene Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
 
Zu 4.
 
Entspricht die Argumentation und die "Beweisführung" in den Schriften von Dianetik/Scientology den Anforderunqen eines allgemein anerkannten Wissenschaftsbegriffes?
 
lm weiter vorn zitierten Lehrbuch der Dianetik von L.R. Hubbard gibt es keinerlei Beweise für die Richtigkeit seiner Theorie und Therapie. Mehrfach wird zwar auf Beobachtungen und Befunde an Personen hingewiesen, welche diese Richtigkeit bestätigen würden. Beschreibungen, die eine Nachprüfung erlaubten, fehlen aber. Ich weiss nicht, ob L.R. Hubbard in anderen Publikationen Beschreibungen geliefert hat, wie sie von seriösen wissenschaftlichen Veröffentlichungen verlangt werden müssen. Die Vorstellungen betreffend Gedächtnisbanken, den drei Arten von Mind und anderes sind ein theoretisches Konstrukt, das in den Bereich der Metapsychologie gehört, d.h. unmittelbarer Beobachtung und Erfahrung nicht zugänglich, sondern nur theoretisch erschlossen ist.
 
L.R. Hubbard nennt Scientology das einzige funktionierende System, das der Mensch habe. "Sie hat bereits Menschen zu einem höheren IQ, einem besseren Leben und all diesen Dingen geführt. Kein anderes System hat das erreicht" (Einführung in die Ethik, S.117). Aber auch dafür bleibt er die Beweise schuldig, jedenfalls in den bisher zitierten Schriften. Dabei wäre es ohne weiteres möglich, eine Erhöhung des IQ durch Auditing und Kurse der Scientology einwandfrei zu bestätigen oder zu widerlegen, weil der IQ mit Hilfe von geeigneten Tests eindeutig bestimmt werden kann. Solange keine nachprüfbaren Beweise für diese Wirksamkeit der Methode vorgelegt werden, handelt es sich um blosse propagandistische Behauptungen, geeignet bei potentiellen Klienten falsche Hoffnungen zu erwecken.
 
Zu 5.
 
Wie sind die Auditing-Methoden der Scientologen aus psychotherapeutischer/psychiatrischer Sicht zu beurteilen ?
 
lm Kapitel über die Risiken der dianetischen Therapie bin ich bereits ausführlich auf die Gefahren dieser Methode eingegangen. Wesentliche Punkte sind dabei, dass der Patient keine Hilfe in seinen Konflikten und Schwierigkeiten erhält und dass die Therapie auf blosse Abreaktion abzielt. Zudem ist höchst fragwürdig, wie weit das E-Meter dazu einen Massstab geben kann. Besonders bedenklich ist aber die offen verfolgte Tendenz, den Patienten von seinen Eltern und seiner Familie zu isolieren mit der völlig einseitigen, ja absurden Schuldzuweisung an diese für jedes frühere Fehlverhalten des Patienten.
 
Zu 6.
 
Sind parallelen zu anderen psychotechnischen Methoden erkennbar, welche man gemeinhin unter dem Begriff "Gehirnwäsche" zusammenfasst und worin bestehen sie ?
 
Es stellt sich die Frage, ob die Methoden der Scientology, speziell des Auditing mit "Gehirnwäsche" zu vergleichen seien. Dieser Begriff entstammt der Praxis totalitärer Regime und wurde zur Umerziehung politischer Gegner und besonders von Kriegsgefangenen benützt. Angestrebt wird die Zerstörung bisheriger Werte und die Einimpfung neuer Überzeugungen durch ein lndoktrinationssystem.
 
Besondere Techniken waren das Aufsuchen von schwachen Stellen im System der bisherigen Überzeugungen und von "wunden punkten" im Lebenslauf des Einzelnen, die Erweckung von Schuldgefühlen, die Suggestion von Zwang zur Beteiligung und endlich das Beginnen mit kleinen, kaurn abzuschlagenden Forderungen und der Steigerung der Ansprüche mit dem Grad der bereits vollzogenen Kollaboration (zitiert nach H.H. Kornhuber: "Psychologie und Psychiatrie der Kriegsgefangenschaft" in : Psychiatrie der Gegenwart, herausgegeben von H.W. Gruhle, R. Jung, W. Mayer-Gross und M. Müller, Band 3, Springer-Verlag, Berlin 1961, speziell S. 680ff).
 
Eine gewisse Analogie ist wohl nicht zu übersehen bezüglich dern psychologischen Vorgehen. Jedoch arbeiteten totalitäre Regime gleichzeitig mit massiven Zwangsmitteln wie Einzelhaft, physischen Quälereien, gewaltsamem Schlafentzug und anderem. Erst auf diesem Boden entfaltete die Indoktrination ihre besondere Wirksamkeit. Es ist klar, dass dieser Aspekt der Scientology fehlt. Offensichtlich ist hingegen die autoritäre Struktur der Scientology, die Tendenz zur Isolierung der Klienten von ihren bisherigen Bindungen, der Gruppenzwang, der ausgeübt wird und den Frau L.B. klar beschrieben hat (siehe dazu das von Ihnen aufgenommene Protokoll).
 
Eine allgemeine Beschreibung dieser Praktiken, nicht nur der Scientology, gibt L.J. West : "Die Kulte als problem der öffentlichen Gesundheit" in : Destruktive Kulte, herausgegeben von K.G. Karde und M. Müller­Küppers, Verlag für medizinische Psychologie, Gottingen 1983, S. 47 - 64.) L.J. West ist Professor der Psychiatrie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles und ein besonderer Kenner der religiösen Kulte. Obwohl also Dianetik und Scientology nicht mit "Gehirnwäsche" gleichgesetzt werden dürfen, drängt sich doch der Schluss auf, dass die aufgezeigten subtilen Analogien erhebliche Risiken für die Klienten bedeuten.
 
Wie weiter vorn S. 13 erwahnt, kann Auditing durch die rücksichtslose Art, wie es nach der Anweisung von L.R. Hubbard betrieben wird, zu Angstzuständen, Depressionen, Selbstwertkrisen, ja psychotischen Zusammenbrüchen führen. Besonders bedenklich ist dabei, dass solche Zustände von den Scientologen gar nicht als solche wahrgenommen werden und deshalb auch keine adäquate Hilfe geleistet wird. Gemäss den Anweisungen von L.R. Hubbard soll einfach mit dem Auditing weitergefahren werden. Hinzu kommt, dass professionelle medizinische Hilfe von den Scientologen bei solchen Zwischenfällen grundsätzlich abgelehnt wird. Aber nicht nur die spezielle Methode des Auditing ist in der Hand des psychologisch/psychiatrischen Laien riskant, das gleiche gilt für die autoritare Struktur der Scientology allgemein, wie der Fall von Frau L.B. klar belegt. Sie ist auch keineswegs ein Einzelfall; die übrigen von mir befragten Betroffenen haben diesbezüglich ähnliche Erfahrungen gemacht, nur waren diese widerstandsfähiger und liessen sich weniger einschüchtern.
 
Wie schon weiter vorn gesagt, ist Dianetik und Scientology wohl nur für sehr stabile, selbstsichere, eher oberflächliche Naturen ohne Risiko, weil diese sich leicht anpassen und dem Gruppendruck genügend widerstehen konnen oder dann sich ganz mit der Organisation identifizieren und darin neue narzisstische Bestätigung finden.
 
 
P.S.
 
Erst nach Ausarbeitung des vorstehenden Gutachtens erhielt ich Einsicht in das nervenarztliche Gutachten der Forensisch-psychiatrischen Abteilung der psychiatrischen Universitätsklinik München, unterzeichnet von Prof.Dr. W. Mende und Dr. N. Nedopil, datiert yom 21.12.84 und adressiert an das Kreisverwaltungsreferat, Hauptabteilung 3, 8000 München, betreffend die Verwaltungsstreitsache gegen die Scientology-Vereinigung München. Dieses Gutachten kommt bezüglich der Praktiken der Scientologen zu weitgehend den gleichen Schlüssen, wie ich sie vorstehend geschildert habe. Neu gegenüber meinem Gutachten ist die Beurteilung des von den Scientologen verwendeten Persönlichkeitstests, mit welchem Klienten angeworben werden. Ich selbst habe den Fragebogen, vermutlich den gleichen, den auch die von mir befragten Betroffenen am Anfang ihres Kontaktes mit Scientology ausgefüllt haben, nicht gesehen.
 
Dieser Test wurde in einem speziellen Gutachten derselben Klinik, datiert vom 27.12.84 und unterzeichnet von Dr.phil. J. Weber, klinischer und forensischer Psychologe, beurteilt, worauf sich das Gutachten Mende/Nedopil bezieht. Der Test wird als zur Feststelllung psychischer Storungen im Einzelfall ungeeignet bezeichnet. Weil entsprechende Belege in der wissen­schaftlichen Literatur nicht publiziert sind, bestehen erhebliche Zweifel, dass es sich um ein wissenschaftlich anerkanntes Testverfahren handelt. Zudem haben konkrete Fallbeispiele widersprüchliche Resultate ergeben. Ein verantwortliches Beurteilen der Therapiebedürftigkeit eines Klienten sei mit dieser. Test in der von den Scientologen gehandhabten Weise nicht möglich.
 
Mit freundlichen Grüssen
Prof. Dr. med. H. Kind
 

Prof. Dr. Hans Kind :
Auditing und andere Psychotechniken
aus wissenschaftlicher Sicht

  • Grundzüge der dianetischen Therapie
  • Risiken für den Patienten
  • Vielfalt der Psychotechniken
  • "Purification Rundown"
  • Vorbereitung des Auditing
  • E-Meter-Auditing, Security-Checks und andere Techniken
  • Nicht Autonomie des Patienten, sondern Unterwerfung unter das System ist Ziel der Dianetik
  • Fragen in der Diskussion
  • Impressum
  • Anhörung der SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg am 6.12.93 zum Thema Scientology
    Erstveröffentlichung in "Anstösse - Beiträge zur Landespolitik"



    Prof. Dr. med. Hans Kind war bis zu seiner Pensionierung Direktor der Psychiatrischen Poliklinik im Universitätsspital Zürich. 

    Prof. Dr. Hans Kind :
    Auditing und andere Psychotechniken
    aus wissenschaftlicher Sicht



    Ich habe weder aktive noch passive Erfahrungen mit Auditing Meine Erkenntnisse stützen sich auf eine ausgedehnte Lektüre der Schriften L.R. Hubbards (LRH) und auf einige Interviews mit Betroffenen. Die wesentlichen Elemente der Theorie und Therapie wurden im 1950 erschienenen Buch 1 "Dianetics: The Modern Science of Mental Health" erstmals beschrieben, das seither in Millionen Exemplaren praktisch unverändert immer wieder neu aufgelegt worden ist. Dieses Buch ist laut LRH (HCO-Bull. vom 12.12.81) in den Grundelementen immer noch gültig. Man kann die Psychotechniken von LRH nicht verstehen, wenn man die Grundzüge seiner Theorie der menschlichen Person nicht kennt.


    Der menschliche Geist in der Theorie von L.R. Hubbard


    LRH beschreibt den menschlichen Geist, Verstand (den sogenannten analytischen Mind) analog zu einem großen Computer, der möglicherweise im Stirnhirn lokalisiert sei (Buch 1, deutsche Übersetzung/Copyright 1989, S.63). Er speichert alle Wahrnehmungen in Gedächtnisbanken, aus denen das Ich, genannt Monitor, auf der Zeitschiene alles wieder abrufen kann, was ein Mensch erlebt hat. Es gibt aber Lücken, die in Zeiten sogenannter 'Bewußtlosigkeiten', d. h. von emotionalem oder körperlichem Schmerz entstanden sind. Diese werden als Engramme vom reaktiven Mind (das wäre also der Gegenspieler des analytischen Geistes) gespeichert, den LRH mit einem elektronischen Gehirn vergleicht (so im J. of Scientology, issue 16G, mid June 1953). Die Energieladung der Engramme ist die Ursache von Aberrationen. Sie stören das Funktionieren des analytischen Computers. Der reaktive Mind, d. h. seine besonderen Engrammbanken sind aber ebenfalls dem Ich mit der besonderen Technik des Rückrufs zugänglich. Im eben erwähnten Aufsatz bezeichnet LRH den analytischen Mind als THETAN, der unsterblich sei, während der reaktive Mind an den Körper gebunden und damit vergänglich ist


    Grundzüge der dianetischen Therapie


    Alle Neurosen, Psychosen, psychosomatische Leiden wie auch sozial störende Verhaltensweisen sind Aberrationen. Damit der Gehirncomputer fehlerlos funktionieren kann, müssen die Engramme gelöscht d. h. ihre Energieladung muß beseitigt werden. Das geschieht in der dianetischen Therapie, genannt Auditing, durch Wiedererleben des das Engramm verursachenden Ereignisses. Durch mehrmaliges Wiederholen dieses Vorganges wird die Energie entladen, was sich einerseits an der begleitenden emotionalen Reaktion von Apathie über Verzweiflung, Wut, Langeweile zu erlösendem Lachen anzeige (so Buch 1, S. 394), andererseits aber auch an der Nadelreaktion des E-Meters. Es handelt sich also bei dieser ursprünglichen Therapiemethode von LRH um ein Wiedererleben pathogener Erlebnisse und damit um Katharsis, emotionale Abreaktion, die schon Sigmund Freud anfänglich benützte. LRH erwähnt auch ausdrücklich die frühe Psychoanalyse als eine unvollkommene Vorläuferin der Dianetik. Freud versetzte seine Patienten in Hypnose. LRH beschrieb einen Zustand leichter 'Konzentration'. den er Reverie (das heißt Träumerei) nannte (Buch 1, S. 209, Fußnote 2). Eingeleitet wurde Reverie durch die Aufforderung: "Schau an die Decke, wenn ich von eins bis sieben zähle, fallen Dir die Augen zu", usw. Das entspricht genau der üblichen Einleitung eines leichten hypnoiden Zustandes.

    LRH hat immer bestritten, daß seine Technik mit Hypnose zu tun habe. Nach 1950 hat LRH in den Technischen Bulletins den Ausdruck Reverie nicht mehr verwendet, aber Techniken benützt, die das gleiche bewirken. Mit dem E-Meter glaubte LRH die Löschung der Engramme nachweisen zu können. Seiner Meinung nach reagiert das Instrument entgegen der früheren Verwendung als Lügendetektor nicht auf die durch aktuelle Lügen verursachte emotionale Spannung, sondern auf die Emotion, die das seinerzeitige pathogene Engramm begleitet habe (so im Operator's Manual Electropsychometric Auditing,  Tech. Bull. Bd. 1, 1950-1953, S.222 ff). Engramme werden nach der Meinung von LRH nicht durch das bewirkt, was ein Mensch tut oder was er getan hat. "Die Dianetik beschäftigt sich in der Therapie ausschließlich mit dem, was der Person angetan wurde. Was ein Patient getan hat, ist belanglos" (Buch 1, S. 383). Schuld sind also immer die Eltern und die Verwandten. "Diese Leute sind die Bösewichte in unserem Drama: die Leute, die dem Preclear die Dinge angetan haben, die ihn zum Aberrierten machten" (Buch 1, S. 474). Zu den Grundregeln der Therapie gehört, daß man es dem Patienten nicht bequem machen, ihm jedenfalls kein Mitgefühl zeigen darf (Buch 1, s.224). "Der Auditor soll ... dem Patienten niemals irgendwelche Informationen geben, die dessen Fall betreffen, auch keine Datenauswertungen und keine Korrekturen hinsichtlich der Behandlungsdauer" (Buch  1, S. 225). "Stößt der Auditor auf Abwehr, Feindseligkeit gegenüber der Dianetik, so hört er keine analytischen Daten" (d. h. keine vernünftigen Argumente des Patienten) "sondern reaktive Engramminhalte. Er sollte gelassen fortfahren, in dem sicheren Wissen, daß die Dynamiken des Patienten ihm mit allem, was zur Verfügung steht, helfen werden.."(Buch 1, S. 232). Das dynamische Prinzip des Daseins ist Überleben (Buch 1, S. 561). Es wurde von LRH anfänglich in vier, später in acht Teildynamiken aufgegliedert.



    Risiken für den Patienten


    1989 habe ich in einem Gutachten geschrieben, diese im Buch 1 von LRH "Dianetik: die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit" dargestellte Therapie sei eine 'unmenschliche' Prozedur, weil der Auditor sich gar nicht um die persönlichen Probleme des Patienten kümmert, sondern nur stur darauf bedacht ist, ihn zu sogenannten Rückrufen anzuhalten und ihn frühere Ereignisse solange erzählen zu lassen, bis das E-Meter keine Reaktion mehr anzeigt. Diese Therapie läßt ganz bewußt die bekannten und vielfach wissenschaftlich belegten Wirkungswege psychotherapeutischer Verfahren außer acht und beschränkt sich auf die bloße Abreaktion. Die Beziehung zum Therapeuten, die heute anerkanntermaßen der wichtigste therapeutische Faktor ist, wird vollständig ausgeklammert. Wie auch immer der Patient reagiert, welche Krisen und Zusammenbrüche er durchmacht, der Auditor soll ruhig dabei sitzen bleiben und auf der immer neuen Wiederholung früherer Ereignisse beharren, bis das E-Meter angeblich die Lösung anzeigt. Wahrscheinlich kommt es mit dieser Methode zu einer willfährigen Konditionierung des Patienten auf die Methode und das ganze System.

    Von seiten der Scientologen wurde mir seinerzeit entgegengehalten, die in Buch 1 beschriebene Therapie sei überholt und werde so nicht mehr benützt, es gebe jetzt andere Verfahren. Sie haben auch ein Gegengutachten in Aussicht gestellt, das meines Wissens aber bisher nicht erschienen ist. Im übrigen handle es sich gar nicht um Therapie, sondern um geistliche Beratung. Dazu ist zu sagen, daß im Buch 1, das nach vorhin zitierten Worten LRH's immer noch zur Hauptsache gültig ist, Dianetik ausdrücklich eine Therapie genannt wird.

    Ein erhebliches Risiko für den Patienten bedeutet die Meinung von LRH, daß die Eltern und Verwandten die Bösewichter seien, weil sie die Schuld an den Aberrationen, d.h. an den Störungen und Beschwerden hätten. Jeder Widerstand von Eltern gegen diese Therapie sei ein Ausdruck ihrer Schuldgefühle und Angst vor der Aufdeckung von 'Mißhandlungen' des Patienten in seiner Jugend. Insbesondere der Widerstand von Müttern gegen Auditing beruhe auf den seelischen Schädigungen, die sie schon während der Schwangerschaft mit Abtreibungsversuchen verursacht hätten (Buch 1, S. 246). Auf diese Weise können Patienten von ihrer Familie getrennt und ganz an das System gebunden werden. Wenn dann noch finanzielle Abhängigkeit dazukommt, kann der Weg zurück in die Selbständigkeit enorm erschwert, leidvoll und nur mit großen Einbussen möglich sein.



    Vielfalt der Psychotechniken


    Ein wichtiges Instrument der Indoktrination ist die eigene Fachsprache mit ihren zahlreichen Kunstwörtern und Kürzeln, die man ohne spezielles Wörterbuch nicht entziffern kann. Alltägliche Sachverhalte werden in einer pseudowissenschaftlichen, sich besonders physikalischer Begriffe bedienenden Sprache ausgedrückt. Z.B. heißt der menschliche Körper MEST, was mass, energy, space and time bedeutet; oder die unmittelbare Kommunikation zwischen zwei Individuen heißt straightwire, eine behinderte oder abgebrochene Kommunikation ARC-Break, etc. Diese Sprache, die der Außenstehende nicht verstehen kann, gibt sich den Anstrich hoher Wissenschaftlichkeit und vermittelt durch die Exklusivität das Gefühl des Eingeweihtseins und der Zugehörigkeit, was wiederum die Abhängigkeit verstärkt.

    Seit 1950 hat LRH zahlreiche Bücher, dazu Vorträge und Kurse, die auf Toncassetten mit Transkripten erhältlich sind, sowie viele Technische Bulletins herausgegeben, die Anweisungen zu den Psychotechniken und zu organisatorischen Fragen geben. Es gibt jetzt eine große Zahl von Verfahren, um Neueinsteiger zu gewinnen und unter Kontrolle zu bekommen. Angelockt werden Neulinge oft mit dem bekannten Persönlichkeitstest, der 200 Fragen zu Meinungen und Einstellungen der Person enthält. In dem mir zugänglich gewesenen Schrifttum gibt es keine Angaben zur Validität, d. h. der Gültigkeit dieses Tests, der Oxford Capacity Analysis genannt wird, ja im Gegenteil, im HCO-Bulletin vom 19. 12.71 hat LRH eine Anweisung publiziert, die zeigt, daß mit dem Test gar keine ernsthafte Diagnostik beabsichtigt ist.

    Alle Techniken und Kurse sind in einer Tabelle aufgezeichnet, welche "Die Brücke" zeigt, d. h. die Stufenleiter zur Vollkommenheit und Glückseligkeit. Dem Neuling werden zunächst Einführungskurse geboten, z.B. Lektüre des Buches 1 oder andere Werke, oder auch ein Probeauditing über ein aktuelles Problem des Neulings. Bei den einführenden Kursen wie auch später gibt es 'Wortklären'. Das ist meines Erachtens eine besondere Technik, mit der zwar die einzelnen Wörter eines Textes verstanden, aber gleichzeitig Kritik am Sinn verhindert wird (z.B. HCO-Bull. 05.02.66, lssue II: "Unfähigkeit einen Text zu verstehen, kommt nur von unverstandenen Wörtern", oder: Board Tech. Bull. 04. 09.71 R, revised 20.07.74: "Es ist immer ein unverstandenes Wort (das einen Text nicht verstehen läßt), nie ein Konzept oder eine Idee, die nicht verstanden werden", oder: Buch 1, S. 6: "Der einzige Grund, warum jemand ein Studium aufgibt oder lernunfähig wird, liegt darin, daß er über ein nichtverstandenes Wort hinweggegangen ist"). Auch ein Kommunikationskurs dient oft als Einführung, der Anleitung zum Umgang mit Menschen gibt und nicht selten als informativ und hilfreich beurteilt wurde.



    "Purification Rundown"


    Die eigentlichen Kurse sind dann in zwei Abteilungen gegliedert. Die eine unter dem Titel Scientology vermittelt mehr Ausbildung, die andere als Dianetik mehr Therapie. Letztere beginnt mit dem "Purification Rundown", einer Reinigungskur zur Beseitigung von Drogen, Medikamenten und Rückständen von Gewerbe- oder Zivilisationsgiften im Körper. Die Kur besteht aus einem kombinierten Programm von Körperübungen, besonders Jogging und Saunaaufenthalt von gesamthaft 5 Stunden täglich während bis zu 3 Wochen. Dazu muß eine von LRH vorgeschriebene Kombination von Vitaminen geschluckt werden, wozu steigende Dosen von Niazin bis maximal 5000 mg täglich gehören. Der durchschnittliche physiologische Tagesbedarf von Niazin beträgt 15-25mg. Ich kann aus Zeitgründen nicht auf die recht abstruse Idee von LRH eingehen, die hinter dieser exzessiven Verordnung steht. Sie ist auch nicht ohne Risiko, weil allerlei Beschwerden und vor allem Kreislaufkrisen im Zusammenhang mit der Sauna ausgelöst werden können. Zwar wird vorgehend eine ärztliche Untersuchung verlangt, die aber nach mir zugegangenen Berichten recht oberflächlich ausfallen kann.


    Vorbereitung des Auditing


    Wenn diese Reinigungskur nach ca. 3 Wochen erfolgreich abgeschlossen ist, werden sogenannte objektive Prozesse als einleitende Übungen zur Vorbereitung des Auditing verkauft Sie dienen dazu, Kontrolle über den Preclear (abgekürzt Pc) zu erlangen. Auditor und Pc sitzen sich nahe auf den Stühlen gegenüber. Der Pc erhält die Aufforderung, angegebene Punkte im Zimmer zu fixieren, dies unter Umständen oft wiederholt. Dann folgt die Aufforderung "Gib mir die Hand". Wenn der Pc das gemacht hat, sagt der Auditor nur "Danke" und wiederholt die Aufforderung. Danach soll der Pc bestimmte Handbewegungen des Auditors wiederholt genau nachmachen. Oder er soll z.B. zur gegenüberliegenden Wand gehen, sie berühren, sich umdrehen, zurückkommen, ebenfalls oft wiederholt ohne jede Modifikation. Es sind zahlreiche solcher Übungen beschrieben, die alle den Zweck haben, den Pc zu trainieren, die Befehle rasch, genau und ohne Kommentar auszuführen.

    Der Auditor hat die strikte Anweisung, sich nicht auf Erklärungen oder Diskussionen einzulassen, sondern auf der Ausführung der Befehle zu bestehen, wenn nötig auch mit gewissem Zwang. Diese Übungen sollen stundenlang fortgeführt werden, wozu es diverse Anweisungen von LRH gibt; z.B. in einem Vortrag mit Demonstration vom 07.05.67  25 Stunden, im Buch "The Creation of Human Ability" (S. 23) bis 100 Stunden, freilich in verschiedenen Sitzungen. Ziel ist das Kommunikationsintervall des Pc zu beseitigen, d. h. er soll die Befehle rasch und ohne Zögern ausführen. Es ist klar, daß der Pc auf diese Weise konditioniert wird, willig alles zu übernehmen, auch spätere Anweisungen kritiklos auszuführen. Der Auditor soll auch unter keinen Umständen den Pc von sich aus die Sitzung beenden lassen. Er allein muß sagen, wann abgebrochen wird.

    Andere Übungen sollen zur sogenannten Exteriorisation führen, d. h. einem Zustand, in welchem sich der Geist vom Körper loslöst. Das beginnt z.B. mit der Aufforderung: "Sei 3 Fuß hinter Deinem Kopf", dann "Sei an anderen Orten", die der Auditor nennt, leicht gefährlichen, dann immer gefährlicheren, bis der Pc ruhig im Mittelpunkt der Sonne sitzen kann (so Schritt 1, Standard Operating Procedure 8 in Creation of Human Ability, S. 226).

    Ein weiterer Schritt enthält die Aufforderung, ohne zu denken in den oberen Ecken des Zimmers zu sitzen und nur an den Ecken interessiert zu sein, bis der Pc ohne Anstrengungen exteriorisiert ist. Solche Übungen, wenn sie lange genug durchgeführt werden, können ernsthafte Derealisations- und Depersonalisationsgefühle auslösen, die die Realitätskontrolle erheblich schwächen.



    E-Meter-Auditing, Security-Checks und andere Techniken


    Es folgt dann das eigentliche Auditieren von Engrammen am E-Meter. Es gibt dazu umfangreiche Fragebögen, mit deren Hilfe nach Problembereichen gesucht wird, z.B. körperlichen Beschwerden, Beziehungsproblemen u.a. Jedes Item, das am E-Meter eine Reaktion gibt, wird genauer befragt. Hat der Pc z.B. Kopfweh angegeben, so heißt es: "Finde eine Zeit, in der Du Kopfweh hattest, geh in der Vorstellung zu diesem Geschehnis; wie lange dauerte es? Geh zu seinem Beginn, seinem Ende". Der Auditor schaut nur auf die Reaktion des E-Meter, das Ereignis an sich ist für ihn unwichtig. Der Pc wird wiederholt durch diese Vorstellungen geschickt, wobei er analoge frühere Geschehnisse mit Kopfweh nennen soll. Dann kommt der Befehl "Finde ein Geschehnis, wo Du einem anderen Kopfweh verursacht hast", danach ein Geschehnis, wo andere anderen Kopfweh verursacht haben und schließlich: "Finde ein Geschehnis, wo Du Dir selbst Kopfweh verursacht hast". Das alles wird oft wiederholt, wodurch die mit Kopfweh verbundenen Engramme gelöscht werden und das Kopfweh verschwinden soll.

    Breiten Raum nehmen die Techniken ein, die eingesetzt werden, um verschwiegene Ereignisse, besonders aggressive Akte an die Oberfläche zu bringen. Auch dazu gibt es umfangreiche Checklisten mit einer inquisitorischen Abfragetechnik. Besonders umfangreich sind die sogenannten Security-Checks, mit denen PTS (d.h. Potential Trouble Sources) aufgedeckt und SP (d.h. Suppressive Persons) entlarvt werden sollen. PTS ist schon, wer Kontakt zu Angehörigen hat, die Scientology kritisch bis ablehnend gegenüberstehen.

    Es ist mir nicht möglich, an dieser Stelle ausführlicher die zahlreichen Techniken und die dahinterstehenden Ideen anschaulich zu machen. 1978 hat LRH Dianetic als New Era Dianetic gegenüber Buch 1 neu formuliert. Traumatisierungen aus der fötalen Periode oder aus früheren Leben werden jetzt kaum mehr erwähnt. Er sagt auch ausdrücklich, daß bei somatischen Leiden der Arzt zugezogen und daß dessen Therapie vorgehen muß. Parallel dazu soll der Auditor "Touch Assist" machen, d.h. ein Berührungsritual an den kranken Körperteilen, das die Heilung beschleunigen soll, z.B. einen Knochenbruch in 2 statt in 6 Wochen heilen. Auch Bewußtlose sollen mit dieser Technik aufgeweckt und klinisch Tote ins Leben zurückgeholt werden.

    Nicht erwähnt habe ich jetzt die höheren Kurse der Scientology, die dem Erreichen menschlicher Vollkommenheit, ja Unsterblichkeit dienen. Sie enthalten eine höchst abstruse Kosmologie, gehen von zahlreichen früheren Leben des Eingeweihten aus und führen ihn auf Zeitreisen durch das ganze Universum. Hier knüpft LRH offensichtlich an seine frühere erfolgreiche Laufbahn als Sciencefiction-Autor an.



    Nicht Autonomie des Patienten,
    sondern Unterwerfung unter das System ist Ziel der Dianetik


    Aus psychotherapeutischer Sicht bedeuten diese Psychotechniken ein erhebliches Risiko. Wie bereits erwähnt, erhält der Patient beim Auditieren gar keine Interpretation seiner Konflikte und Probleme, schon gar kein Mitgefühl und emotionale Stützung Für seelisch leidende, selbstunsichere, labile, von inneren und äußeren Konflikten bedrängte Personen bedeutet die dianetische Therapie ein bedeutendes Risiko der Auslösung von Angstzuständen, Depressionen, Krisen bis zu psychotischen Zusammenbrüchen. Von letzteren sind mir zwei Fälle begegnet. Andere sind in der psychiatrischen Literatur publiziert. Der Anspruch der Dianetik, alle Neurosen, psychosomatische Leiden und auch funktionelle Psychosen heilen zu können, widerspricht vollständig dem, was aus seriöser Forschung über die Wirksamkeit der Psychotherapie bekannt ist. Bezeichnenderweise gibt es im Schrifttum von LRH keinerlei Beschreibungen von nachprüfbaren Therapieexperimenten, sondern nur bloße Behauptungen.

    Das einleitende konditionierende Prozedere macht den Patienten für spätere Suggestionen im Sinn der "Brücke zur Glückseligkeit" zugänglich. Die Unterwerfung unter die Autorität des Auditors schwächt seine Realitätskontrolle. So kann er zum Anhänger des Systems gemacht werden im Glauben, zu jenen Auserwählten zu gehören, die über sonst nicht erreichbare seelische Potenzen verfügen, einen Atomkrieg überleben und die Welt vom Elend erlösen können.

    Die zahlreichen Befragungen über Overts und Withholds, d.h. kritische und im weitesten Sinn aggressive Akte, aber auch sonstige Ereignisse, die verschwiegen werden, weil sie peinlich sind, dazu die sogenannten Security-Checks, die irgendwelche wirkliche oder nur mögliche Vergehen gegen Scientology aufdecken sollen, bewirken. daß der Mensch seine Gedankenwelt völlig offenlegen muß. Er soll zum gläsernen Menschen werden, der dem System bedingungslos dient, wie mir kürzlich jemand gesagt hat. Jede echte Psychotherapie hat demgegenüber das Ziel, die Autonomie des Patienten zu stärken, ihm zu größerer innerer Selbständigkeit und auch zur Ablösung vom Therapeuten zu verhelfen. In Scientology und Dianetik wird ganz bewußt das Gegenteil angestrebt mit dem Ziel der Machtausübung.



    Fragen in der Diskussion


    Diskussionsteilnehmer:
    Man hört in Vorträgen bei Scientology immer, daß der Mensch Engramme gesammelt hat, die beseitigt werden müssen, und damit wird das Auditing gerechtfertigt. Es kann doch nicht sein, daß es nur die negativen Dinge sind. die man unbewußt gespeichert hat?

    Kind :
    Sie haben recht. Hubbard knüpfte an die frühe Psychoanalyse an. Freud ging es darum, das Unbewußte bewußt zu machen, weil Unbewußtes schuld ist an allen möglichen Störungen. Natürlich hat man im Unterbewußtsein sehr viele Inhalte, darunter auch positive. Hubbard geht es beim Auditing nur um die negativen Erinnerungen. Die Leute kommen ja mit Problemen und diese werden nach Hubbards Auffassung verursacht durch negative Engramme. Diese sollen beseitigt werden. Es geht nicht darum, die positiven Erfahrungen hervorzuholen.

    Diskussionsteilnehmer.
    Dazu möchte ich kurz ergänzen: Hubbard sagte 1966 in einem Interview, wer erfolgreich auditiert sei, dessen Unterbewußtes ist weg. Das Hubbardsche Gedankengebäude beruht also tatsächlich auf der Vorstellung, daß es nichts Positives auf dieser Ebene gibt.

    Kind :
    Das ist schon richtig Er sagt ja auch, wer clear sei, könne sich nicht mehr irren, der wisse alles und habe eine hohe Intelligenz, weil er keine unterbewußten Hintergründe mehr habe. Das ist natürlich Unsinn.