Scientology
erzieht "Zweifler und Versager" hinter Stacheldraht
nach eigenen Methoden um Stuttgart - Scientology unterhält
Straflager. Bisher gab es darüber kaum Informationen. Und
schon gar keine Bilder. Dem Mannheimer Scientology-Kritiker
Peter Reichelt ist es gelungen, Besserungsanstalten des Sekten-Konzerns
aufzuspüren.
Von unserem
Reporter ANTON NOTZ
Zwei Autostunden
von Los Angeles entfernt, in einer wüstenähnlichen
Landschaft, liegt "Happy Valley". David Miscavage,
der Chef von Scientology, hat sich in der Nähe ein ebenso
luxuriöses wie mysteriöses Imperium erbauen lassen.
Im "Glücklichen Tal" jedoch geht es anders zu
als im Club Med. Rund 100 Leute der Elite-Einheit Sea-Org müssen
hier büßen. "Die Menschen sind echte Gefangene.
Sie sind absolut nicht freiwillig da", erzählt Gerry
Armstrong, Ex-Koordinator des Scientology-Geheimdienstes OSA,
der nach eigenen Angaben zweieinhalb Jahre in Straflagern verbrachte.
Jesse
Prince, früher zweiter Mann in der Scientology-Führung
hinter Miscavage, erzählt Reichelt vor laufender Kamera,
was hinter Stacheldraht und videoüberwachten Mauern vor
sich geht. Wie Sklaven müßten die Camp-Internierten
Tag und Nacht arbeiten. Auch Prince spricht aus eigener Erfahrung.
Er ging durchs "Glückliche Tal" wegen Befehlsverweigerung.
"Es war absolut fürchterlich. Ich schlief in einem
Hühnerverschlag auf dem Boden, Klapperschlangen und Scorpione
um mich herum." Schwerstarbeit, Zwangshypnose, Gerhirnwäsche
- das sind Aussteigern zufolge die Methoden, mit denen Scientology
"Zweifler und Versager" wieder auf Linie zu bringen
versucht. Nicht alle, aber jene, die bedeutsam sind für
die Organisation, weil sie zu viel wissen oder ein wichtiges
Rad in der weltumspannenden Geldmaschinerie sind.
Scientology
selbst bestreitet gar nicht, daß eigene Leute sowohl in
den USA als auch in Europa umerzogen werden. "Rehabilitationsprojekte"
nennt sie diese Unterdrückungsprozeduren. Marlene Getanes,
Pressesprecherin von Scientoloy Europa: "Es handelt sich
dabei um ein Programm zur Wiedergutmachung, wenn man schwere
Fehler gemacht hat. Woanders wird man dafür einfach rausgeworfen."
Wie man
sich in einem Straflager in Kopenhagen rehabilitieren muß,
beschreibt eine einstmals hochrangige Scientologin so: Keine
Zeitung, kein Radio, mit niemandem reden, den Abfall der anderen
essen, immer arbeiten. Jeder beobachtet dabei jeden. Mit "Wissensreporten"
schwärzt man die anderen an. Das kalifornische Straflager
innerhalb von Miscavages goldenem Käfig kennt noch eine
andere Besonderheit, die Peter Reichelt bei einem Flug über
das Areal entdeckt hat: den "track". Jesse Prince
erläutert: Hier rennen manche "Versager" zwölf
Stunden um einen Pfahl herum, um wieder anständige Scientologen
zu werden.
Prince
hat sich aus den Fängen des Sekten-Konzerns befreit. Nach
zahlreichen Morddrohungen lebt er getrennt von seiner Familie,
um sie zu schützen. Peter Reichelt und seine Kollegin Ina
Brockmann, die während der Dreharbeiten von Scientology-Mitgliedern
auf offener Straße gewaltsam festgehalten worden waren,
haben inzwischen einen Film fertiggestellt, der heute um 22.45
Uhr in Südwest 3 ausgestrahlt wird.
Nach wie
vor im "Glücklichen Tal" lebt die 51jährige
Wiebke Hansen, in Hamburg zehn Jahre lang eine der erfolgreichsten
Scientology-Managerinnen weltweit. 1995 verschwand sie spurlos,
ihr Bruder Jochen Körner hat nun wieder Kontakt zu ihr.
In Hollywood konnte er sie vor kurzem einen Tag besuchen. Wiebke
Hansen produziert Werbefilme für Scientology. Am Abend
kehrte sie mehr oder weniger freiwillig ins "Happy Valley"
zurück. "Umerziehungslager, das hatten wir doch alles
schon einmal", sagt Jochen Körner ratlos.