Scientology, religiöse Ansprüche und Heilungsschwindel
Berliner Dialog Heft 1-97
Übersetzung: Guntram Thilo, Berlin
von Stephen A. Kent
Während der ersten fünfundzwanzig Jahre von Dianetik und Scientology
verwendete Hubbard den Anspruch, eine Religion zu sein, dazu, seine Organisation
vor regierungsamtlichen und medizinischen Untersuchungen wegen unerlaubter
Ausübung eines Heilberufes und damit zusammenhängenden betrügerischen
Behauptungen von Heilerfolgen zu schützen. Hubbard stellte die meisten seiner
Behauptungen über Ähnlichkeiten östlicher Lehren mit Scientology immer gerade
dann auf, wenn er ein drohendes Einschreiten der Regierung wegen des Vorwurfs
der ungenehmigten Ausübung der Heilkunde abzuwenden suchte. Dies gilt für die
ersten zwei Jahrzehnte des Bestehens von Dianetik und Scientology; während
dieser Zeit behauptete Hubbard Ähnlichkeiten zwischen Scientology und östlichen
Religionen dreimal: 1954, 1960 und 1962.
Die interessante Ausnahme davon fand 1968 im Zusammenhang mit einer
Auseinandersetzung mit der amerikanischen Steuerbehörde (IRS) über die
Besteuerung der Founding Church of Scientology in Washington, D. C., statt. Bei
Nachforschungen dazu darf man finanzielle Motive für Hubbards Entscheidung,
Scientology in den frühen fünfziger Jahren als eine Religion darzustellen, nicht
zu gering einschätzen (s. Miller, 1987: 220), man darf aber auch nicht die
Tatsache vernachlässigen, dass Anhänger Hubbards immer wieder in verschiedenen
Staaten der USA wegen Ausübung eines Heilberufs ohne Genehmigung verhaftet
wurden. "Arthritis verschwindet, ... Mägen arbeiten ordentlich" In dem Buch, das
die Grundlage für Dianetik und Scientology ist und bleibt, verkündete Hubbard
1950, dass bei richtiger Anwendung der von ihm dargelegten Techniken "Arthritis
verschwindet, Kurzsichtigkeit wird besser, Herzkrankheiten nehmen ab, Asthma
vergeht, Mägen arbeiten ordentlich, und der ganze Katalog von Krankheiten geht
weg und bleibt weg" (Hubbard, 1950: 569). Wegen solcher Behauptungen (bei denen
Scientology immer noch bleibt) verklagte das New Jersey State Board of Medical
Examiners die Hubbard Dianetic Research Foundation, Inc., wegen "Betreibens
einer Ausbildungsstätte für die Behandlung von Krankheiten ohne Genehmigung" im
Januar 1951 (Elizabeth Daily Journal, 1951a), was dazu beitrug, dass die
Organisation den Ort Elizabeth, New Jersey, noch im April verließ, also vor dem
im Mai bevorstehenden Gerichtsverfahren (Elizabeth Daily Journal, 1951b).
Ende März 1953 wurden zwei Anhänger von Dianetik und Scientology verhaftet,
dabei wurde ein E-Meter beschlagnahmt; beides war Teil einer Untersuchung wegen
"Betreibens einer nicht genehmigten Ausbildungsstätte und Ausübung eines
Heilberufes ohne Genehmigung" (Detroit News, 1953a, b; s. Pickering, 1953).
Außerdem hat ein Dianetiker oder Scientologe offenbar Ende 1953 oder Anfang 1954
in Glendale, Kalifornien, zehn Tage wegen "Ausübung eines Heilberufs ohne
Genehmigung" im Gefängnis verbracht (ange- führt in Aberree, 1954a: 4).
Als Reaktion auf sich abzeichnende weitere Verhaftungen ließ Hubbard (im
Dezember 1953) in New Jersey drei religiöse Organisationen amtlich eintragen:
die Church of American Science, die Church of Scientology und die Church of
Spiritual Engineering (Aberree, 1954a: 1). Ein unabhängiger Scientologe
berichtet in einer Veröffentlichung aus dieser Zeit, dass offizielle Vertreter
der Hubbard Association of Scientologists "sagten, dass kaum Zweifel bestehen,
aber (sic) dieser Streich wird Scientology aus dem Schußfeld offener und
verborgener Angriffe der Mediziner rücken, die ihre Pillen, Skalpelle und mit
Blinddärmen übersäten Einkommen bedroht sehen" (Aberree, 1954a: 4). Im Juni 1954
verkündete Hubbard die Bildung einer neuen Organisation, der Hubbard Association
of Scientologists, International (HASI), die die bestehende Hubbard Association
of Scientologists ersetzte. Normale Scientologen erwarteten nicht, dass die
organisatorische Veränderung für sie von Bedeutung sein werde, "außer dass sie
Auditoren und Ausbildungsstätten völlige Sicherheit vor juristischen Eingriffen
bieten wird.
Die neue Organisation, die HASI, ist eine gemeinnützige religiöse
Körperschaft und hat als solche, wie Ron sagte, Anrecht auf die
verfassungsmäßigen Garantien eines Urteils des Obersten Gerichtshofes, dass kein
Staat Schritte unternehmen soll, um die Arbeit irgendeiner mit dem Studium der
menschlichen Seele befaßten Organisation zu verhindern ... Diese religiöse
Körperschaft, sagte Ron, soll die Wiederholung solcher Fiaskos wie das in
Detroit vor mehr als einem Jahr verhindern, wo zwei Scientologen verhaftet und
nur in den Schlagzeilen vor Gericht gestellt wurden (Aberree, 1954b: 1, 3).
Im Juli 1954 versuchte Hubbard, Scientology mit dem Hinduismus, Buddhismus
und Taoismus in Verbindung zu bringen, und zwar in den Jahre später als The
Phoenix Lectures bekannt gewordenen Vorträgen. Wenig später, im September 1955,
wurde mindestens ein anderer Anhänger (in Phoenix, Arizona) wegen Ausübung eines
Heilberufes ohne Genehmigung ins Gefängnis gebracht (Karie, 1955). Im Rückblick
auf diese Zeit bezog sich Hubbard selbst mittelbar auf die Strafverfolgung, als
er seinen Anhängern erklärte, "warum Dianetik außer Gebrauch kam". Er spielte
auf diese der Dianetik entstandenen Probleme an mit den Worten: "In einigen
Ländern, hauptsächlich den Vereinigten Staaten, war es illegal, irgendetwas zu
heilen oder zu kurieren", und fügte gleich hinzu: "Scientologys Fähigkeit,
spirituelle Freiheit zustande zu bringen, wurde deshalb das gemeinsame Ziel der
Anstrengungen von Organisationen" (Hubbard, 1969c: 347). Hubbards erster
Versuch, die religiöse Seite von Scientology als Kirche anzupreisen, war von
kurzer Dauer. Im Spätsommer 1954 versandte Hubbard ein Anzeigenblatt mit dem
Namen The Golden Dawn (höchstwahrscheinlich so genannt nach der berühmten
englischen okkulten Gruppe, der Aleister Crowley angehört hatte) an etwa 5000
Haushalte in Phoenix, Arizona, und startete eine Werbekampagne von Haus zu Haus
in der Stadt (Aberree, 1954c). Schon im November gab er diese Versandanstrengung
auf (Churchill, 1954b: 9), weil er damit nur wenige Interessierte für sich
eingenommen hatte (Churchill, 1954a).
Seine religiösen Ansprüche ruhten dann fast ganz bis zum Jahre 1960; zu der
Zeit wohnte er bereits auf seinem Besitz in East Grinstead, Sussex, England. In
einer kurzen Verlautbarung schrieb Hubbard, dass Scientology sowohl eine
"Religiöse Philosophie" sei als auch eine "Religiöse Praxis", die "grundlegende
Dienstleistungen durchführt wie zum Beispiel Predigten bei gottesdienstlichen
Versammlungen, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen". Wie schon vor Jahren
bestand Hubbard darauf, dass "Scientologys engste spirituelle Bande mit anderen
Religionen mit dem orthodoxen (Hinayana-)Buddhismus bestehen, mit dem
Scientology einen historischen Stammbaum gemein hat" (Hubbard, 1960). Das
Erscheinungsdatum dieser Verlautbarung - 21. Juni 1960 - liefert vielleicht den
Schlüssel zum Verständnis, warum Hubbard gerade zu diesem Zeitpunkt zur Betonung
der vorgeblich religiösen Aspekte von Scientology zurückkehrte. Ende März und
Anfang April erschienen in The Times drei Artikel über die Bemühungen der
National Federation of Spiritual Healers, Besuchsrechte in Krankenhäusern
"ähnlich denen den Geistlichen der Religion gewährten" (Times, 1960a; s. 1960b,
c) zu erhalten.
Am 21. Juni veröffentlichte The Times einen Meinungsaustausch zwischen einem
Abgeordneten des Unterhauses und dem Gesundheitsminister, in dem der Minister
darauf hinwies, dass Besuche von Geistheilern von der Krankenhausleitung, den
für den einzelnen Patienten zuständigen ärzten und den Patienten selbst geregelt
werden müßten (Times, 1960d). Am Anfang dieser Debatte hatten einige Mitglieder
der British Medical Association sich gegen solche Art von Besuchen ausgesprochen
(Times, 1960b; British Medical Journal, 1960a, b), danach, gegen Ende Juni,
beschloß die Medical Association, keine Besuche von Geistheilern in den
Krankenhäusern des National Health Service zuzulassen (Times, 1960c). Es dürfte
deshalb kein Zufall sein, dass Hubbard im Juli eine scharfe Attacke gegen die
British Medical Association losließ, einen Monat nach der Verlautbarung über
Religion (s. Malko, 1970: 8610 und ein paar Wochen nach dem genannten Beschluß
der Association. (Malko schreibt, der Angriff auf die British Medical
Association sei ein HCO Bulletin vom 24. Juli 1960; ich kann diese
Veröffentlichung jedoch nirgendwo finden und frage mich, ob er die Quelle
korrekt angegeben hat).
Ende Oktober 1962 kam Hubbard noch einmal auf seine religiösen Ansprüche
zurück, offenbar nachdem er erfahren hatte, dass die United States Food and Drug
Administration (FDA) sich für die E-Meter seiner Organisation 'interessierte'.
Hubbard, der das Schlimmste fürchtete, gab einen "policy letter" mit dem Titel
"Religion" heraus, in dem er diese Apparate ausdrücklich rechtfertigte mit dem
Argument, Scientologen benutzten sie, "um dem in Behandlung befindlichen
Individuum die Wahrheit zu enthüllen und es so spirituell frei zu machen". In
Hinsicht auf die zukünftige Ausrichtung seiner Organisation kündigte Hubbard an,
dass "Scientology 1970 als eine religiöse Organisation in der ganzen Welt
geplant" werde. Er beruhigte seine Mitglieder jedoch durch den Zusatz, dass
"dies in keiner Weise die normalen Aktivitäten irgendeiner Organisation stören
wird.
1963: Polizeiliche Durchsuchung Zwei Monate später, am 4. Januar 1963,
durchsuchte die Polizei (aufgrund eines Durchsuchungsbefehls der FDA) die
Founding Church of Scientology in Washington, D. C., und beschlagnahmte "mehr
als drei Tonnen Literatur und Ausrüstung" (Miller, 1987: 247; s. Atack, 1990:
154). Der Kampf um die Bezeichnung der E-Meter zog sich über die nächsten zehn
Jahre hin, aber schließlich gab die Regierung das beschlagnahmte Material
zurück, nachdem das Gericht angeordnet hatte, dass ein gedruckter Aufkleber auf
allen E-Metern ihre Funktion einzig und allein als Werkzeug religiöser Beratung
ausweisen sollte (Atack, 1990: 154, 193, 204; Church of Scientology of
California, 1978: 154-155).
Nochmals legte Hubbard großes Gewicht auf religiöse Aspekte seiner
Organisation im Jahr 1968. Im Mai dieses Jahres brachte er eine Veröffentlichung
namens Advance! heraus, die dem Vergleich von Scientology mit verschiedenen
anderen Religionen diente; es ist auch das Jahr, in dem er The Phoenix
Lectures (die auf vierzehn Jahre früher gehaltenen Vorträgen beruhen) herausgab.
Das Hervorkehren eines religiösen Image war zu dieser Zeit besonders wichtig,
weil die Eingabe seiner Kirche in Washington, D. C., zur Wiedererlangung der
Steuerfreiheit abgelehnt wurde, während die Regierungen in Australien,
Großbritannien, Neuseeland und Rhodesien entweder Scientologys Umtriebe
beschränkten, wenn nicht sogar verboten, oder offizielle Untersuchungen
einleiteten (Church of Scientology of California, 1978: 154, 156, 157).
Ereignisse in Großbritannien gegen Ende der sechziger Jahre können weiteres
Licht auf den Zeitpunkt der Erhebung dieser religiösen Ansprüche durch
Scientology werfen.
Im Januar 1967 begann der amtierende Chaplain des scientologischen Saint Hill
Manor in East Grinstead, Sussex, mit seinen Bemühungen, die Kapelle des
Landsitzes offiziell als "Begegnungsstätte für religiösen Gottesdienst ..."
eintragen zu lassen (Weekly Law Reports, 1970a: 141). Die Korrespondenz zwischen
Scientology, ihren Rechtsberatern und dem Obersten Standesbeamten (Registrar
General) als Leiter der Registrierungsbehörde zog sich über das Jahr 1968 hin,
wobei der Registrar General die Rechtmäßigkeit des Anspruchs verneinte.
Daraufhin erwirkte Scientology am 9. Mai 1969 die "Genehmigung, ein -order of
mandamus' (Verordnung eines höheren Gerichts an ein untergeordnetes) zu
beantragen" zugunsten des Antrags auf Anerkennung als Religion. Der Antrag wurde
jedoch sowohl in erster Instanz als auch in der Berufung abgelehnt (Weekly Law
Reports, 1970a, 1970b). Der Berufungsrichter führte aus: "Scientology scheint
mir eher eine Philosophie der menschlichen Existenz oder des Lebens zu sein als
eine Religion.
Religiöser Gottesdienst bedeutet Verehrung Gottes oder eines höchsten Wesens.
Solche Verehrung finde ich in dem Glaubensbekenntnis dieser Kirche nicht, auch
nicht in der eidesstattlichen Erklärung des Herrn Segerdal" (des amtierenden
Geistlichen). (Weekly Law Reports, 1970b: 485). Hubbards Versuche, Scientology
als eine östlichen Glaubenssystemen ähnliche Religion darzustellen, vermochten
also die britischen Gerichte nicht davon zu überzeugen, dass ihre religiösen
Ansprüche vom juristischen Standpunkt aus gerechtfertigt seien. Spuren und
Motive Wenn man die Geschehnisse mindestens der späten sechziger Jahre
überblickt, hat Hubbard immer dann die angeblich spirituellen Aspekte von
Scientology betont, wenn entweder die vorgeblichen -Heilungs'Aspekte seiner
Organisation direkt oder indirekt angegriffen wurden oder wenn er sich um
offizielle Anerkennung seiner Organisation als eines Versammlungsortes für
religiösen Gottesdienst bemühte. Besondere Bedeutung maß er dabei dem Schutz der
E-Meter bei, weil er diese Geräte für entscheidend für das Auditieren hielt, das
seinerseits die angeblichen Heilungen bewirkt.
In einem früheren Forschungsbericht über Scientology wird von einem Interview
mit einem Informanten berichtet, der gesagt habe, dass Hubbard "erst Anfang der
fünfziger Jahre mit der Eingliederung dessen begann, was er für buddhistische
Ideen hielt, nachdem er eine umfangreiche Bibliothek mystischer und religiöser
Bücher erhalten hatte. Ein Mitarbeiter las die Bücher und faßte den Inhalt
zusammen" (Atack, 1990: 374). Diese Information mag zwar stimmen, sie läßt aber
die bedeutsame Frage offen, warum Hubbard bestimmte Dinge betreffend östliche
Religionen immer gerade dann schrieb, wenn er es tat. In diesem Beitrag habe ich
diese Frage damit zu beantworten versucht, dass der Zeitpunkt, zu dem Hubbard
etwas über östliche Religionen schrieb oder veröffentlichte, normalerweise mit
sozialen, juristischen und regierungsamtlichen Bedrohungen der vorgeblichen
Heiltätigkeiten zusammenfiel, denen Scientology immer wieder in den fünfziger
und sechziger Jahren ausgesetzt war. In dem Glauben, dass das religiöse
Mäntelchen seine Gruppe und ihre Aktivitäten in einem großen Teil der westlichen
Welt aus Regulierungen von außen heraushalten könnte, blickte Hubbard nach
Osten. Auf lange Sicht hatte er anscheinend Erfolg damit, denn die Organisation
verwendet ihre E-Meter immer noch für -spirituelle' Beratung. Sie besteht
darüber hinaus immer noch auf der Kraft dieses Apparates, Heilerfolge zu
erzielen, wenn er in Verbindung mit dem Auditieren verwendet wird. Schließlich
glauben viele Scientologen immer noch, dass die Theologie ihrer Organisa- tion
in wichtigen Teilen verschiedenen östlichen Glaubenssystemen ähnlich sei.
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Dr. Stephen A. Kent, 45, ist außerordentlicher
Professor an der soziologischen Fakultät der University of Alberta,
Kanada.
Derzeit arbeitet er hauptsächlich über nicht-traditionelle und
alternative Religionen.
Zuschriften an:
Department of Sociology,
University of Alberta,
Edmonton, Alberta, Canada T6C 2H4.