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 Neue Zürcher Zeitung, 31.07.2002 
 
Wirtschaftsverbindungen von Scientology 
Die Aktion Bildungsinformationen auf Spurensuche
 
Die "Aktion Bildungsinformationen e. V." ist ein gemeinnütziger Verein, der sich mit Konsumentenschutz im Bereich Bildung beschäftigt. Sekten oder destruktive Kulte gelangen vermehrt über Bildungsangebote - Scientology etwa mit World Literacy Crusade - an das Publikum. Scientology und deren Geldquellen für diverse Aktivitäten waren Thema einer Präsentation der ABI, die auch den Schweizer Markt beobachtet. Anlass für den Schweizer Besuch der Abteilungsleiterin Recht der "Aktion Bildungsinfor- mationen e. V." (ABI), Helga Lerchenmüller, und des Vorstandsvorsitzenden Eberhard Kleinmann war die Tatsache, dass der Stuttgarter Verein auch Schweizer Firmen ausgemacht hat, die entweder in der Hand von Scientologen sind oder von denen zumindest beachtliche Geldbeträge an eine der Organisationen von Scientology fliessen. Die ABI führt eine Liste mit rund 700 Firmen im deutschsprachigen Europa - davon etwa 60 in der Schweiz -, von denen aus solche Zahlungen getätigt werden. Erklärtes Ziel von Scientology ist es, ihren Einfluss auf die Wirtschaft zu steigern und eine - in den Worten ihres Begründers, Ron Hubbard - Welt ohne Krieg (will heissen: ohne Scientology-Gegner), ohne Kriminalität (ohne Scientology-Kritiker) und ohne Wahnsinn (ohne Leute, die ausserhalb Scientology stehen) zu schaffen. Dass bei der Dachorganisation der von Scientology kontrollierten Unternehmen, der in Los Angeles registrierten WISE (World Institute of Scientology Enterprises), auch einzelne Schweizer Firmen Mitglied sind, wird von ausgestiegenen Scientologen bezeugt und von ABI mit entsprechender Vorsicht geäussert.
 
Anspruch auf umfassende Kontrolle
 
Führungstechniken und Wege zur Realisierung der eigenen Interessen lassen sich bei Hubbard nachlesen, sie werden im nicht ungefährlichen Newspeak der Scientologen, die systematisch Schlüsselwörtern einen anderen Sinn geben, mit dem Wort "Ethik" umschrieben. Das "Hubbard College of Administration" in Zürich ist einer der Stützpunkte des Scientology-Systems, das zunehmend in den Bildungsmarkt drängt. Die Unisoft AG macht Lernprogramme namens "Easy Learn", in die die Hubbard-Technologie integriert wird. "DaJöry AG" stellt Panflöten her und vertreibt sie über die Schweiz hinaus, der Musikunterricht ist mit "Persönlichkeitsschulung" gekoppelt. Eine weitere Firma, von der nachweislich Gelder an Scientology geflossen sind, nennt sich "AG zur Entlastung von Führungskräften".
 
Eine weitere Schiene des gesellschaftlichen und mentalen Einflusses von Scientology ist jene der "ehrenamtlichen Geistlichen", die bei Katastrophen wie dem Angriff auf die Twin Tower in New York oder beim Flugzeugunglück in Überlingen sofort zur Stelle sind und ihre Hilfe anbieten. Die ABI hat in manchen Fällen personelle Verbindungen zu scientologynahen Firmen - auch schweizerischen - ausgemacht.
 
Die Anlaufstelle ABI und der Fall UPS 
 
Die ABI geht juristisch extrem sorgfältig vor, wollen ihr doch die beobachteten Gruppierungen immer wieder vor Gericht das Handwerk legen. Doch in gegen hundert Fällen bekam die Konsumentenschutz-Vereinigung Recht, wenige Male nur verlor sie einen Prozess. Die ABI kann vor deutschen Amtsgerichten als Beraterin auftreten, muss aber zusätzlich Anwälte verpflichten. Und sie kann etwa eine Verbandsklage einreichen.
 
Ein Fall, der auch die Schweiz nicht unberührt lassen kann, ist jener der United Parcel Services (UPS), auf den die ABI aufmerksam wurde, weil aus Gewerkschaftskreisen Beanstandungen zum Umgang mit dem Personal der Firma geäussert wurden. Festgestellt hat die ABI in der Folge, dass UPS an Tarnorganisationen der Scientology Geldüberweisungen tätigte und dass zwischen UPS und Scientology Lieferverträge bestehen. Belegen konnte sie auch, dass der weltweit tätige Logistikkonzern an gegen 50 Abgeordnete des amerikanischen Senats, die für eine Resolution gegen die Bundesrepublik gestimmt haben, Geldzahlungen in der Höhe von bis zu 240 000 Dollar leistete. In der Resolution vom November 1999 wurden Deutschland - mit Blick auf Scientology - schwere Menschenrechtsverletzungen gegenüber religiösen Minderheiten vorgeworfen. ABI hielt auch fest, dass jeder, der seine Pakete mit UPS versende, wissen müsse, dass er damit indirekt die Finanz- und Schlagkraft sowie die Kriegskasse der Scientology-Organisation stärke.
 
Gewonnene Rechtsstreite
 
Die ABI hatte im Oktober 2000 ein Pressecommuniqué mit diesen und weiteren Erkenntnissen verschickt unter dem Titel "Sektenkonzern Scientology - Dubiose Verbindung mit dem amerikanischen Logistikkonzern UPS". UPS unterlag im anschliessenden Rechtsstreit gegen ABI vor dem Landgericht Berlin und ebenso vor der 2. und letzten Instanz, dem Kammergericht Berlin. Nicht nur die inhaltlichen Feststellungen, auch gewisse Wertungen wie "dubiose Verbindungen" gelten gerichtlich als zulässige Formulierungen. Die ABI hat Fakten über Geldflüsse und Unternehmenskultur zusammengetragen, jedoch keine Belege dafür, dass UPS über personelle Verbindungen unter Einfluss von Scientology stehe. Da der Logistikkonzern United Parcel Service auch in der Schweiz präsent ist und zahlreiche Arbeitnehmer beschäftigt, müsse auch hierzulande ein Interesse für dessen Wirken bestehen, meinte der ABI-Vorsitzende Kleinmann. Das Dokumentationszentrum der ABI, bei der regelmässig Anfragen aus der Schweiz eingehen, steht Interessierten zur Verfügung.
 
Gemeinnützige Aktion Bildungsinformationen e. V., Alte Poststrasse 5, 70173 Stuttgart, 
Tel 0049 711 2202 16 30; E-Mail info@abi-ev.de
 
 
Südkurier, 13.7.2002
 
"Geradezu abscheulich" 
Scientology ließ gestern Prospekte verteilen
 
Wo die Not am größten, wächst das Rettende auch... Die Not war groß nach dem Flugzeugabsturz, zu retten gab es für die Einsatzkräfte allerdings nicht mehr viel. Im Hölderlinschen Geiste haben sich jedoch schon in den ersten Tagen nach der Katastrophe Vertreter von Scientology als vermeintliche Retter aufgespielt, an vereinzelten Owinger Haustüren geklingelt, um aus Leid und Betroffenheit Kapital zu schlagen (der SÜDKURIER berichtete).
 
In dieser Woche nun startete die Sekte einen erneuten, flächendeckenden Vorstoß, Menschen in den beiden vom Unglück betroffenen Kommunen zu ködern - nach vergeblichen Anläufen gestern just am Tag der Gedenkfeier des Landes für die 71 Toten. Der Briefkasten klapperte, gerade als im Überlinger Kursaal die Namen der Opfer auf der Bühne zu lesen waren und Schüler Rosen neben die Namen der Toten steckten. Zwischen der Post lugte es hervor, das von den Scientologen instrumentalisierte Porträt Albert Einsteins. Kein besonderer Hinweis auf das Unglück - lediglich ein Standardprospekt, mit seiner Verheißung vom "Spaß am Leben". Der Bestellschein für L. Ron Hubbards "Dianetik"-Bücher und -Videos verspricht "eine ausgeglichene Persönlichkeit mit einem positiven Blick in die Zukunft" und "wieder Freude am Leben". Wer hätte dies nicht gerne von den Betroffenen des jüngsten Ausnahmezustandes. Darauf zielten die Leimruten der Scientologen in den Überlinger und Owinger Briefkästen.
 
Bettina Lotter aus Owingen war gerade von der Gedenkfeier gekommen, als sie den Prospekt entdeckte. "Ich finde fast keine Worte", sagt sie. "Dass Leute solch schlimme Situationen für ihre Zwecke ausschlachten, ist geradezu abscheulich." Schon in der vergangenen Woche waren die Owinger hell empört, als Scientologen sich als "Seelsorger" in die Festhalle einzuschleichen versuchten. "Das ist eine große Sauerei, dass man so etwas überhaupt verteilen darf", sagt Klara Fischer aus Owingen. "Da sind unsere Gesetze vielleicht viel zu großzügig."
 
Auch in Überlingen reagieren die Bürger mit Verärgerung. "Das ist ja unglaublich", sagt Christiane Denskat, als sie das Werbeblatt um die Mittagszeit aus dem Briefkasten zieht. "Die machen ja eine ganz schöne Großoffensive", staunt Silvia Johannes, langjährige Sektenbeauftragte des evangelischen Kirchenbezirks, und zeigt sich entrüstet über die Dreistigkeit: "Ich finde es schlimm, dass die sich an eine große Not von Menschen anhängen." Schon in der vergangenen Woche war Johannes mehrfach von Bürgern angerufen worden, die sich über das Verhalten der Scientologen entsetzt hatten. "Geradezu als verletzend" empfindet sie die neuerliche Aktion am Tag der Gedenkfeier im Kursaal.
 
Angesichts dieses Zynismus mag es nur ein kleiner Trost sein, dass viele Menschen den Prospekt ohne Beachtung gleich zum Altpapier geworfen haben. hpw
 
 
Die Welt, 13.7.2002
 
Veranstaltung verboten: Gericht bestätigt harte Linie gegen Scientology
 
Die ganze kommende Woche sollte auf dem Hachmannplatz ein großes Zelt von Scientology aufgestellt werden Im Kampf gegen Aktionen von Scientology hat Hamburg mit seiner harten Linie Erfolg. Das Verwaltungsgericht der Stadt bestätigte jetzt endgültig ein Verbot des Bezirksamts Mitte, das zuvor eine große Veranstaltung auf dem Hachmannplatz untersagt hatte. Auch gegen eine Veranstaltung in den Seeterrassen geht das Bezirksamt massiv vor und erwägt sogar eine Kündigung des Pächters, der die Scientology-Veranstaltung erlaubte. Die ganze kommende Woche sollte auf dem Hachmannplatz ein großes Zelt von Scientology aufgestellt werden. Der Antrag wurde vom Bezirksamt abgelehnt. "Aus verkehrstechnischen Gründen", sagt Sprecher Gerthold Roch. Das Verwaltungsgericht bestätigte die Ablehnung am Freitag. Die geplante Veranstaltung in den Seeterrassen konnte das Bezirksamt nicht untersagen, der Pächter des Cafés hatte sie genehmigt. "Wir haben allerdings eine Unterlassungsverfügung zugestellt, dass auf dem Gelände des Parks keine Handzettel verteilt werden dürfen", sagt Roch. Das sei mit dem Grünanlagengesetz und mit dem Ansehen des Parks nicht vereinbar. Die Scientology-Veranstaltung ist bereits die zweite innerhalb kurzer Zeit. "Wir haben den Pächter der Seeterrassen bereits bei der ersten abgemahnt, diesen Brief sehen wir als zweite Abmahnung", sagte Roch. Rechtliche Schritte in der kommenden Woche behalte man sich vor, gegebenenfalls auch eine Kündigung. dkn
 
 
TAZ, 12.7.2002
Ermahnungsresistent
Scientology findet Unterschlupf im Café Seeterrassen
 
Die Farbe Gelb ist ihr Erkennungszeichen: Zum zweiten Mal in diesem Jahr machen die selbsternannten Geistlichen von Scientology in Hamburg mit ihrer Wanderausstellung "Man kann immer etwas tun" Station und zeigen sich als "Katastrophenhelfer" beispielsweise am Ground Zero oder bei australischen Buschbränden.
 
Wie schon im Januar haben sie dafür Unterschlupf im Café Seeterrassen in "Planten un Blomen" gefunden. Dort begann gestern die Ausstellung mit einer nicht genehmigten Werbeaktion: Die Scientologen verteilten Flugblätter und sprachen mit Passanten. Das Bezirksamt Mitte schickte dem Pächter des städtischen Gebäudes prompt eine Abmahnung. Da jener Felix Tiede "ermahnungsresistent erscheint," so Bezirks-Pressesprecher Gerthold Roch, "werden wir weitere rechtliche Schritte diskutieren." Dabei wird es darum gehen, ob es noch einer Abmahnung bedarf, oder ob die Behörde Tiede fristlos kündigen kann, wie es die Arbeitsgruppe Scientology der Innenbehörde schon im Januar forderte. Tiede war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. AS
 
 
Tages-Anzeiger, 2002-07-05
Eine Weizenähre als Erinnerung
An der Absturzstelle der Tupolew am Bodensee haben gestern die Eltern von ihren verunglückten Kindern Abschied genommen.
 
Überlingen/Brachenreut. - Fassungslos stehen sie neben dem ausgebrannten Heck der Tupolew. Als könnte eine junge Frau ihr Unglück nicht fassen, sucht sie den Boden der Absturzstelle ab und nimmt als Erinnerung eine Weizenähre mit. Zusammen mit 150 anderen Eltern und Verwandten ist die Frau am Donnerstag aus der zentralrussischen Provinz Baschkortostan angereist, um die 52 beim Flugzeugunglück getöteten Kinder zu betrauern.
 
Zweimal fahren an diesem sonnigen Donnerstag gecharterte Busse aus Überlingen vor, um die Mütter und Väter zur Absturzstelle bei Brachenreut zu bringen. Dort sind Heck und Turbinen in unmittelbarer Nähe zu drei Wohnhäusern in ein Weizenfeld gestürzt, nachdem die russische Tupolew in der Nacht auf Dienstag mit einem Frachtflugzeug zusammengestossen war.
 
Unter den Hinterbliebenen sind viele junge Paare, aber auch Kinder, die ihre Geschwister verloren haben. Die meisten Eltern haben Kränze, Blumensträusse oder einzelne Blumen mitgebracht, die sie neben das ausgebrannte Heck legen. Seelsorger und Sanitäter versuchen, sie zu trösten - meistens vergeblich. Gestützt von Helfern wird ein älterer Mann zum Bus zurückgebracht, während sich Paare stumm und weinend umarmen. Andere sprechen Gebete halblaut vor sich hin.
 
Eine Stunde bleiben die Angehörigen am Ort des Grauens und nehmen dann an anderen Absturzstellen von ihren Kindern Abschied. "Es ist wichtig, dass die Hinterbliebenen diese Orte besuchen können, um die Bilder in ihren Köpfern zu ordnen", sagt Polizeipsychologe Knut Eicke Buchmann. "Später dann müssen die Betroffenen darüber auch sprechen, um die Fakten von den Emotionen zu trennen."
 
Den Anblick der verkohlten oder verstümmelten Leichen ersparten die Behörden den leidgeprüften Eltern. Die Toten sollen anhand persönlicher Gegenstände wie Kleidung, welche die Eltern mitgebracht haben, mit einer DNA-Analyse identifiziert werden. Anschliessend werden die Leichen nach Russland übergeführt. Ob die Angehörigen jemals ganz über ihren Schmerz wegkommen, bezweifeln selbst Experten. "Ich weiss nicht", sagt Polizeipsychologe Buchmann nur.
 
Damit die Eltern in ihrer Trauer nicht gestört werden, haben mehr als 100 Polizisten das Absturzgelände um Überlingen weiträumig abgesperrt. Mehr als 30 Polizeiwagen sind vorgefahren, um die Zufahrtsstrassen in die Ortschaft Brachenreut zu blockieren. Polizisten auf Motorrädern und Krankenwagen mit Blaulicht eskortieren die Buskolonne und achten darauf, dass den Fahrzeugen keine Journalisten folgen. Und die Beamten schicken alle Reporter weg, die der Absturzstelle zu nahe gekommen sind.
 
Am Donnerstagvormittag haben die örtlichen Behörden eine Trauerfeier für die Eltern im nahe gelegenen Schloss Salem organisiert. Als "schrecklich und entsetzlich" beschrieb Baden-Württembergs Innenminister Thomas Schäuble die Stimmung bei der einstündigen Zeremonie, zu der auch die deutsche Bundesfamilienministerin, der stellvertretende russische Verkehrsminister und der Ministerpräsident der betroffenen russischen Provinz kamen. Bereits am Donnerstagabend wollten die Eltern mit einer Tupolew der Bashkirian Airlines vom Bodensee-Flughafen nach Hause zurückkehren. (Reuters/AP)
Die Hinterbliebenen trauern beim Heck der abgestürzten Tupolew auf einem Weizenfeld in der Nähe von Brachenreut.
 
Scientologen mischen mit
 
Owingen. - Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung im Absturzgebiet ist gross. Nicht willkommen bei Behörden und Anwohnern sind jedoch Helfer aus der Schweiz: Einmal mehr fühlen sich Scientologen aus Zürich bemüssigt, sich an einem Katastrophenort in Szene zu setzen. Mehrere Mitglieder des Hilfstrupps der Sekte lungern in ihren gelben Shirts mit der Aufschrift "Volunteer Ministers" beim Feuerwehrhaus in Owingen herum und suchen Kontakt zu den Angehörigen der Toten. Sie lassen sich auch nicht von vernichtenden Kommentaren aus der Bevölkerung von ihrer umstrittenen Mission ablenken, wie deutsche Journalisten berichten.
 
In letzter Zeit traten bei praktisch allen dramatischen Grossereignissen Scientologen als Katastrophenhelfer auf: beispielsweise beim Ground Zero, beim Massaker von Zug und beim Crossair-Absturz bei Bassersdorf. (sta.)
 
 
Tages-Anzeiger. 26.06.2002
 
Millionenbetrug
 
Zwei ehemalige Scientologen sind vom Zürcher Obergericht wegen Betrugs verurteilt worden. Sie hatten über 200 gutgläubige Investoren mit fingierten Anlagegeschäften um ihr Geld gebracht, insgesamt rund 15 Millionen Franken. Der 58-jährige Haupttäter, ein Rechtsanwalt und ehemaliger Untersuchungsrichter, erhielt 27 Monate Gefängnis unbedingt, ein 41- jähriger Mitläufer drei Monate bedingt. Auf die von den beiden Angeklagten angepriesenen lukrativen Anlagegeschäfte bei US-Banken fielen zwischen 1991 und 1994 vorwiegend deutsche Investoren herein. Der Grossteil der verschwundenen 15 Millionen ist bis heute nicht aufgetaucht. Der Haupttäter will davon bloss eine halbe Million Franken kassiert haben. (SDA)
 
 
Neue Zürcher Zeitung, 13.5.2002
 
Scientology zahlt Millionen an ehemaliges Mitglied
 
San Francisco, 12. Mai. (ats) Scientology hat einem früheren Mitglied im amerikanischen Gliedstaat Kalifornien fast 8,7 Millionen Dollar Schadenersatz gezahlt. Der 53-jährige Lawrence Wollersheim hatte Scientology in Los Angeles 1980 wegen geistigen Missbrauchs verklagt. Ein Gericht hatte ihm 1986 Schadenersatz in der Höhe von 30 Millionen Dollar zugesprochen. In einem Berufungsverfahren wurde die Summe auf 2,5 Millionen Dollar verringert und 1994 durch den Obersten Gerichtshof bestätigt. Durch Zinsen erhöhte sich die Summe auf 8,7 Millionen Dollar.
 
Wollersheim sagte, die Sitzungen mit Scientologen hätten bei ihm Geistesstörungen ausgelöst und ihn an den Rand des Selbstmordes getrieben. Seines Wissens sei es das erste Mal, dass Scientology einem ehemaligen Mitglied eine Entschädigung gezahlt habe. Womöglich habe es jedoch nichtöffentliche Zahlungen gegeben.
 
 
Thüringer Allgemeine, 07. Mai 2002, Eberhardt Pfeiffer
 
Die Menschenfänger
 
uf der Suche nach Trost wurde in der vergangenen Woche vielen Erfurtern eine Broschüre angeboten, die den "Weg zum Glücklichsein" versprach. Für den Laien kaum erkennbar: Hinter dem Büchlein steckt die Scientology-Sekte.
 
Neben dem Blumenmeer am Erfurter Gutenberg-Gymnasium stand in der vergangenen Woche häufig ein netter junger Mann mit Rasta-Locken und einer Tasche. Unaufdringlich bot er Menschen in seiner Umgebung ein Gespräch an über die schwierige Situation. Auf dem Weg in die Zukunft könne vielleicht ein kleines Heftchen helfen, ein "Leitfaden zum besseren Leben, der auf gesundem Menschenverstand beruht", so der Titel. Verantwortlich für die Publikation zeichnet der Verein "Der Weg zum Glücklichsein". Angegeben ist eine dänische Adresse. Das Heft war nach der Katastrophe meist dort zu haben, wo sich viele Menschen versammelten. Offenbar schwärmten die Helfer generalstabsmäßig aus. Schule, Rathaus, Domplatz. Im Impressum wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass das Vertreiben des Buches "Regierungsbehörden und deren Angestellten gestattet" sei, "da es keine religiöse Aktivität ist".
 
Über den Weg zum Glücklichsein wurden vor Monaten bereits andere Katastrophenopfer belehrt. Nach dem 11. September in New York, direkt am "Ground Zero", verteilten "ehrenamtliche Geistliche" das Büchlein an Feuerwehrleute. Die Organisatoren rühmten sich damals der Erlaubnis, neben Polizei, Feuerwehr und Mitarbeitern des Roten Kreuzes in den Bereich rund um das World Trade Center zu dürfen. Absender der Erklärung war die Scientology-Sekte.
 
Für den Verfassungsschutz ist das Auftauchen von Scientologen weder in New York noch in Erfurt eine Überraschung. Ein Stuttgarter Experte kommentierte das New Yorker Engagement so: "Angst und Unsicherheit sind bevorzugte Angriffspunkte." Wolfgang Herbrand, Sprecher des Thüringer Innenministeriums, spricht von einem "Riesenmarkt", den sich natürlich auch selbsternannte Heilsbringer nach den Erfurter Ereignissen nicht entgehen lassen konnten.
 
Dabei sind die Aktivitäten von Scientology in Thüringen nach Erkenntnissen des hiesigen Verfassungsschutzes gegenüber den alten Ländern bisher eher zurückhaltend. Sie gehen über den gelegentlichen Versand von Zeitschriften, Magazinen oder Büchern an Privatpersonen, Rathäuser oder Polizeidienststellen kaum hinaus. Niederlassungen soll es im Freistaat noch nicht geben. Ob sich das durch die jüngste Verteil-Aktion ändert, sei noch nicht klar, meint das Innenministerium. Aber auch die deutsche Broschüre lässt sich klar einer der Unterorganisationen von Scientology zuordnen, der "Association for better living and education". Ziel dieser 1988 gegründeten Vereinigung ist es, in "gesellschaftlichen und sozialen Bereichen Verbesserung der individuellen Lebenssituation herbeizuführen". Nach Scientology-Verständnis. Dazu zählen sowohl Nachhilfeunterricht als auch Anti-Drogen-Programme. Wer sich darauf einlässt, spürt früher oder später, was nach Aussage von Opfern Scientology wirklich von seinen Jüngern will: viel Geld und Gehorsam.
 
Der Inhalt des kleinen Heftes gibt sich unverfänglich. Lebensregeln, an den zehn Geboten orientiert ("Du sollst nicht töten"), hygienische Fragen ("Sie sollten sich ihre Zähne machen lassen"). Dazu kleine Tipps, wie man Erfolg haben kann, ohne dabei die Menschlichkeit zu vernachlässigen. Nur: Der Text stammt aus der Feder des großen Scientology-Meisters L. Ron Hubbard.
 
Die Publikation ist nicht im üblichen Sekten-Deutsch gehalten. Es handele sich mehr um eine "Einstiegsdroge", sagen Experten. Der Leser soll mit dem Verein "Der Weg zum Glücklichsein" etwas Positives in Verbindung bringen, damit beim nächsten Mal die Kontaktaufnahme leichter falle.
 
Ob es ein nächstes Mal in Erfurt gibt, bleibt abzuwarten. Mit den Übertragungswagen und Touristenpulks verschwanden offenbar auch viele der so freundlichen Verteiler wieder aus der Landeshauptstadt. Nur eine sehr gut deutsch sprechen-de ältere Dame soll gestern noch mit ihren kleinen Büchern vor dem Erfurter Rathaus gesehen worden sein.

 

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