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Süddeutsche Zeitung, 21.10.2003, Alexander Kissler
 
Die Ehre von Scientology
Gerhard Besier will sie mit einer großen Studie retten
 
Morgen versucht sich das Dresdner Hannah-Arendt-Institut in der schwierigen Disziplin, einen gordischen Knoten zu durchschlagen: Institutsleiter Gerhard Besier muss sich vor dem Kuratorium für seinen Auftritt beim Brüsseler "Zentrum für Religionsfreiheit" verantworten. Mitte September hatte Besier bei der Eröffnung des von Scientology betriebenen Zentrums erklärt, die umstrittene Organisation führe "einen Kampf für Toleranz, der jedem nutzt." Sie streite "für die Akzeptanz religiöser Vielfalt".
 
Den Sturm der Entrüstung, den seine Rede im sächsischen Innenministerium auslöste, konterte Besier elegant. "Spontan", wie er nun einmal sei, und rein als Privatmensch habe er zugesagt; natürlich gehöre er Scientology nicht an. Später versprach er, sich künftig "kontrollierter zu verhalten". Nun aber wurde bekannt, dass Besier seit längerem in Scientology-Kreisen wohlgelitten ist.
 
Die deutsche Filiale der Scientologen hat Besier eine seltene Ehre zuteil werden lassen. Man gestattete ihm den Zugriff auf die komplette Mitgliederdatei - die Namen und Adressen von rund 11 000 Personen, bisher ein streng gehütetes Geheimnis, liegen Besier für ein Buchprojekt vor.
 
Der Kirchenhistoriker will auf 250 Seiten die "religionspolitische Ausgrenzung" dieser "amerikanischen Religion" schildern. Dem "Alarmismus der Bayerischen Staatsregierung und ihrer Konfidenten" soll der Boden entzogen werden.
 
Dass Besier in einem Schreiben von Mitte August, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, ausgerechnet die bayerische Landesregierung kritisiert, ist kein Zufall. Im Dezember vergangenen Jahres stellten Wissenschaftler der Münchner Universität eine siebenhundert Seiten starke Untersuchung vor. Der Titel lautete "Gesundheitliche und rechtliche Risiken bei Scientology", Auftraggeber war die Staatsregierung. 250 000 Euro ließ sich diese das Projekt kosten. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Mitgliedschaft bei Scientology "Risiken für Gesundheit, Willensfreiheit und die rechtliche Integrität der Betroffenen birgt". Jeder zweite Aussteiger müsse als psychisch abhängig beurteilt werden. Die Organisation biete Kurse an, die den "Betrugstatbestand" erfüllten, und sie stehe als ganzes im "Widerspruch zur Werteordnung des Grundgesetzes".
 
Parallel zur Studie präsentierte das bayerische Innenministerium einen Maßnahmenkatalog. Aussteigern soll geholfen werden, die Öffentlichkeitsarbeit will man verstärken, in München, Nürnberg, Augsburg stehen eigens geschulte Beamte bereit. Besier rechnet diese Maßnahmen offenbar jenem "Alarmismus" zu, dem er in Buchform begegnen will. Als Hauptargument für sein Projekt dienen ihm die in der Tat bisher "völlig fehlenden empirischen Untersuchungen unter den aktiven Mitgliedern". Dieser Mangel ist jedoch keineswegs einem fehlenden Interesse seitens der Forschung geschuldet. Vielmehr beklagen die Autoren der Münchner Studie ausdrücklich, ihr Versuch, aktive Scientologen zu befragen, sei "komplett gescheitert". Für Besier und seine Co-Autorin, Ehefrau Renate-Maria, eine Psychotherapeutin, öffnete Scientology jetzt bereitwillig die Datenbank: Mit der Befragung von 500 bis 800 Personen hat das Ehepaar bereits begonnen.
 
Besier spricht im Werbeschreiben für sein Buchprojekt offen aus, dass Scientology "autoritäre Grundzüge trägt". Sodann schließt er eine exkulpierende Formel an: "Das hat sie freilich mit anderen Religionsgemeinschaften, aber auch mit vielen Konzernen gemeinsam". Der Vergleich ist durchgängig das bevorzugte Mittel, mit dem Besier die Selbsteinschätzung von Scientology als einer Religion unter vielen empirisch und theoretisch beglaubigen will. Er lobt deren "sozialkaritative Tätigkeiten" in den USA und verweist auf das unproblematische Verhältnis der amerikanischen Öffentlichkeit zur, wie Besier sie stets nennt, "Church of Scientology".
 
Besier hat sich große Verdienste erworben um die Geschichte der Kirche im "Dritten Reich" und in der DDR. In seiner jüngsten Veröffentlichung - "Repression und Selbstbehauptung" - erzählt er die Geschichte der von den Nationalsozialisten wie der SED drangsalierten Zeugen Jehovas als eine "Geschichte standhafter Verweigerung aus dem Glauben heraus". Nach dem selben Muster will er nun offenbar Scientology würdigen: als mutige, verschworene Gemeinschaft wider den unbegründeten Zugriff des Staates. Wie immer man zu dem Vorhaben stehen mag - eine Studie mit dieser Zielrichtung aus der Feder eines Experten für Totalitarismusforschung käme einer quasi-offiziellen Unbedenklichkeitserklärung ziemlich nahe.
 
 
Wiesbadener Kurier 7.10.03
 
Warum die Scientology-Sekte öffentlich für sich werben darf
Stadt Wiesbaden hatte mit einer Beschwerde gegen eine Informationsausstellung der umstrittenen Kirche keinen Erfolg
 
Wiesbaden. (cc) Die Landeshauptstadt muss es dulden, wenn die Scientology-Kirche mit Straßenständen für ihre kostenpflichtigen Seminare wirbt. So war das Rechtsamt vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel mit seinem Versuch gescheitert, die öffentliche Präsentation der Sekte auf dem Kranzplatz zu verhindern.
 
Scientology gilt als Ideologie und Organisation mit grenzenlosem Machtanspruch. Eine Ausstellung der Sekte war zwischen Freitag und Sonntag auf dem Kranzplatz zu sehen. Sie informierte über die so genannten ehrenamtlichen Geistlichen der international umstrittenen Kirche.
 
Noch bis vorigen Donnerstag hatte die Landeshauptstadt versucht, den Aufbau des mehr als 60 Quadratmeter großen Zeltes zu verhindern. Nachdem die Stadt schon beim Verwaltungsgericht unterlegen war, zog sie mit einer Beschwerde vor den Verwaltungsgerichtshof. Die Argumentation dort: Weil Scientology bislang noch nicht ihre Gemeinnützigkeit habe nachweisen können, verfolge die Sekte mit ihrer Ausstellung kommerzielle Ziele. Info-Stände mit kommerziellem Charakter seien aber in Wiesbaden nicht zugelassen.
 
Mit dieser spitzfindigen Argumentation kommt die Linie, die der Wiesbadener Magistrat in Sachen Scientology vorgezeichnet hat, auf Irrwege. Zum einen nämlich vermittelt die Deutsche Städte Medien GmbH sehr wohl Flächen auf innerstädtischen Plätzen zur Produktwerbung. Zum anderen werden auch auf dem Mauritiusplatz immer wieder Verkaufsstände toleriert. Ein Winkelzug hilft dabei: Wer dort beispielsweise Kartoffel-Puffer verkauft, spendet anschließend für die Städtepartnerstadt mit Görlitz - um nach Außen hin die geforderte Gemeinnützigkeit zu dokumentieren.
 
Solche Winkelzüge sind auch deshalb nötig, weil es die Stadt versäumt hat, die seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr überarbeiteten Verwaltungsvorgaben für die so genannten Sondernutzungen zu überarbeiten. Stattdessen gibt es lediglich den mehr oder weniger grundsätzlichen Magistratsbeschluss vom Dezember vergangenen Jahres, wonach ein Antrag von Scientology auf Errichtung eines Info-Standes am Mauritiusplatz abgelehnt wird. Angesichts der aktuellen Vorgaben jedenfalls mochte der Verwaltungsgerichtshof in Kassel den Darlegungen aus Wiesbaden nicht folgen. Kein Gehör fand bei den Richtern übrigens auch der Hinweis der Landeshauptstadt, die "massive" Größe des Scientology-Zeltes beeinträchtige das Grundrecht der Freizügigkeit, etwa das der Fußgänger. Die Größe der beanspruchten Fläche sei für sich allein kein geeignetes Kriterium, den Antrag der Sekte auf Genehmigung des Standes abzulehnen. Nach dem verlorenem Rechtsstreit zahlt Wiesbaden die Kosten des Verfahrens.
 
 
Junge Welt, 4.10.2003
 
Obskure US-Sekte mit Europaoffensive 
Scientology schaltet Anzeigen in Berliner Tagesspiegel. Zuständiger Abteilungsleiter »runtergestuft«
Dem Berliner Tagesspiegel - »Motto: Rerum Cognoscere Causas« (»Die Ursachen der Dinge erkunden«) - ist die ganze Sache inzwischen peinlich. Ihr Anzeigenleiter Peter Dröge hatte in den Ausgaben vom 16. und 17. September eine Anzeige der Scientology-Sekte geschaltet. Gut plaziert konnte die Leserschaft des Blattes auf Seite fünf lesen: »Cannabis und Co.
 
Die Fakten über den Joint«. In der schwarz unterlegten Anzeige wird gegen den Genuß von Cannabis gewettert und eine Infobroschüre der Sekte angeboten: »Sag nein zu Drogen. Sag ja zum Leben. Eine Initiative der Scientology Kirche«. Es hagelte Proteste aus der Leserschaft. Anzeigenleiter Dröge verstand die Aufregung nicht: Was sie denn wolle, antwortete der Mann einer empörten Leserin, Scientology werde doch nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet und sei auch nicht verboten. Die Sekte müßte nun auch wie alle anderen Kirchen behandelt werden. Man habe hierzulande nur ein böses Bild von ihr
 
Der Mann irrt. Der Verfassungsschutz in Berlin hat zwar am 14. August dieses Jahres die Beobachtung der Sekte durch V- Männer beendet, aber die generelle Beobachtung nicht eingestellt. Gegenwärtig ist noch ein Gerichtsverfahren anhängig, mit dem die Scientologen gegen diese Beobachtung klagen.
 
Nach dem massiven Protest aus der Leserschaft ruderte man im Tagesspiegel zurück. »Verlagsleitung und Chefredaktion haben sofort dafür gesorgt, daß die Anzeige nicht mehr erscheint«, heißt es nun aus der Anzeigenabteilung, »obwohl wir diese Annonce über einen längeren Zeitraum schalten sollten«. Für Anzeigenleiter Dröge hatte die Sekten-Annonce offenbar Folgen. »Seit dem 29.09. ist Herr Dröge runtergestuft worden. Er ist heute nur noch stellvertretender Anzeigenleiter«, heißt es seitens des Tagesspiegel. Auch aus dem Impressum des Blattes ist der Mann verschwunden.
 
Die Offensive der in den USA ansässigen, aber weltweit operierenden Sekte, der vor allem europäische Kritiker psychische Einflußnahme auf ihre Mitglieder sowie autoritäres und mafiöses Verhalten vorwerfen, kommt nicht zufällig gerade jetzt. Erst in der letzten Woche hatte die Sekte in Brüssel für 3,5 Millionen Euro ein »Zentrum für Religionsfreiheit« eröffnet. Nach eigenem Bekunden will die Organisation von Brüssel als Sitz der EU aus »Europa erobern und mehr Einfluß gewinnen«. Einer der Hauptredner bei der Eröffnungsveranstaltung war der Leiter des Dresdner Hannah-Arendt-Institutes, Gerhard Besier. Für das sächsische Wissenschaftsministerium war das ein »unerklärlicher Vorgang«. Offenbar habe der Professor sich nicht ausgewogen mit dieser Thematik befaßt, heißt es aus Dresden. Ob Professor Besier nur verwirrt war oder ob er der von der US-Regierung gesponserten Sekte nahesteht, darüber konnte man in Dresden keine Auskunft geben.
 
 
www.intern.de, 08.09.2003
 
Veröffentlichung von Scientology-Dokumenten bleibt legal
Freispruch für Sektenkritiker
 
Eine niederländische Kritikerin der Scientology-Sekte hat nun auch - in vermutlich letzter Instanz - vom Berufungsgericht Recht erhalten. Die von ihr kopierten, zitierten, besprochenen und verlinkten Texte des "Fishman Affidavit" verstoßen nicht gegen das Urheberrecht. Bei dem Affidavit (Erklärung an Eides Statt) handelt es sich um die Aussagen des Scientologen Fishman, der sich im Jahr 1993 wegen verschiedener Straftaten vor einem US-Gericht zu rechtfertigen hatte. Dabei gab er im Rahmen der Verhandlungen auch Papiere der Sekte zu Protokoll, denn er sah sich als Opfer der Sekte.
 
Die Scientologen erklärten zwar einen Teil der Papiere (OT 8) als Fälschung, beriefen sich aber dennoch später auf das Urheberrecht. Es ist verständlich, dass sie gerade diesen Teil der Papiere nicht veröffentlicht sehen wollten. Denn darin bezeichnet der Sektengründer, der Science Fiction Autor Ron Hubbard, Jesus Christus als homosexuellen Päderasten. Aber auch ansonsten sind die Papiere recht aufschlussreich und gerade deshalb nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Nur jene Scientologen, die viele kostenpflichtige Kurse besuchen, sind "reif" für dieses Material.
 
Doch man kann auch auf anderem Weg an die Papiere kommen. Da die Dokumente vom Gericht als Beweisstücke akzeptiert wurden, sind sie in den USA frei zugänglich. Gegen eine Unkostengebühr von knapp 40 Dollar kann man sogar Kopien davon erhalten. Genau das wurde schon frühzeitig gemacht und die digitalisierten Kopien wurden im Web von Kritikern der Sekte veröffentlicht. Dagegen hatte die Sekte geklagt. Und zwar nicht nur gegen die Kritikerin, sondern auch gegen beteiligte Provider (z.B. XS4All). Die Klage wurde aber nun in allen Punkten abgewiesen. Das Gericht greift dabei auch auf die Berner Konvention zurück, wenn es meint, dass einmal veröffentlichte zugängliche Dokumente zitationsfähig sind. Es sei weiterhin im öffentlichen Interesse, dass diese Unterlagen frei zugänglich bleiben, um sie zu diskutieren und um die Sekte besser verstehen zu können. Die Papiere unzugänglich zu machen, würde bedeuten, die Meinungs- und Redefreiheit einzuschränken.
 
Interessant dabei vielleicht am Rande noch, ein etwas ungewöhnlicher Vorgang für ein niederländisches Gericht: Es zitiert zur besseren Einschätzung eine Broschüre des deutschen Familienministeriums. Darin heißt es: "(Å ) Denn: Scientology ist nicht harmlos. Es ist auch keine Religions- oder Glaubensgemeinschaft. Es ist vielmehr eine auf unbedingte Gewinnmaximierung ausgerichtete wirtschaftliche Organisation, deren Ideologie totalitäre Züge trägt und deren Weltbild das Bundesarbeitsgericht als menschenverachtend bezeichnet hat."
 
 
www.heise.de, 08.09.2003
 
Veröffentlichung von Scientology-Dokumenten bleibt legal
 
Die niederländische Journalistin Karin Spaink hat im jahrlangen juristischen Kampf gegen die Scientology-Organisation erneut einen Sieg errungen. Ein Berufungsgericht hat nach Angaben von Spaink am vergangnen Mittwoch ein Urteil bestätigt, nachdem Spaink das so genannte Fishman Affidavit auf ihrer Website veröffentlichen darf.
 
Steven Fishman, ein ehemaliges Scientology-Mitglied, stand 1993 wegen verschiedener Delikte in den USA vor Gericht. Im Rahmen seiner Verteidigung versuchte Fishman darzulegen, dass Scientology ihn einer Art Gehirnwäsche unterzogen habe. Um dies zu beweisen, legte er dem Gericht interne Schulungsmaterialien vor, die seitdem von diversen Anti-Scientology-Aktivisten zitiert und veröffentlicht wurden.
 
Scientology versucht die Veröffentlichung dieser und anderer interner Dokumente im Internet mit Hilfe juristischer Mittel zu unterbinden. So musste beispielsweise die News-Site Slashdot den Text im März 2001 entfernen. Außerdem hindert Scientology das Internet-Archiv archive.org daran, die Anti-Scientology-Site Operation Clambake zu archivieren. Auch die Suchmaschine Google bekam schon mit den Scientology-Anwälten zu tun.
 
 
Die Welt, 02.09.2003, D.Banse, M.Behrendt
 
Scientology wird nicht mehr beobachtet
Verfassungsschutz stellt Überwachung nach Rechtsstreit ein - Berliner Sektenbeauftragter Thomas Gandow empört
 
Die umstrittene Scientology-Kirche wird vom Berliner Verfassungsschutz nicht mehr beobachtet. Die Senatsverwaltung für Inneres hat dem Berliner Verwaltungsgericht diese Entscheidung mitgeteilt. Der Sprecher des Nachrichtendienstes, Claus Guggenberger, bestätigte gegenüber der Berliner Morgenpost, dass mit Wirkung vom 14. August dieses Jahres die Beobachtung der Scientology-Organisation eingestellt wurde. Weitere Auskünfte behielt sich der Verfassungsschutz vor.
 
Mit dieser Entscheidung hat der Verfassungsschutz der Forderung Scientologys nach einer generellen Einstellung der Beobachtung stattgegeben. Hintergrund dieser Entscheidung ist ein Rechtsstreit vor dem Berliner Verwaltungsgericht zwischen Scientology und dem Land Berlin. Scientology-Sprecher Georg Stoffel: "Im Frühjahr haben wir beim Berliner Verwaltungsgericht Klage gegen die Überwachung eingereicht. Außerdem wollen wir erreichen, dass wir nicht mehr im Verfassungsschutzbericht auftauchen." Es war bereits die zweite Klage der umstrittenen Organisation gegen die nachrichtendienstliche Überwachung. Im Dezember 2001 hatte das Verwaltungsgericht entschieden, dass Scientology nicht mehr durch V-Leute unterwandert werden dürfe.
 
Der Berliner Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsaufgaben, Thomas Gandow, zeigte sich gestern empört über die Entscheidung der Sicherheitsbehörde: "Ich befürchte, dass Scientology in Deutschland zu einer politischen und wirtschaftliche Gefahr wird. Erst im Januar dieses Jahres bin ich von einem Scientology-Mitglied auf der Autobahn massiv bedrängt worden. Diese Leute schrecken vor nichts zurück. Tagelang wurde mein Haus von denen observiert. Es kann nicht sein, dass diese Organisation nicht mehr beobachtet wird, obwohl sie selbst andere Menschen beobachtet."
 
Die Scientology-Organisation gab gestern den Zwischenfall auf der Autobahn zu. Sprecher Stoffel sagte: "Eines unserer Mitglieder sollte tatsächlich ein Foto von Herrn Gandow zusammen mit einem Scientology-Aussteiger machen. Dabei ist er aber übers Ziel hinausgeschossen und hatte wirklich beide auf der Autobahn verfolgt. Diese mit uns nicht abgesprochene Aktion führte für das Mitglied zu disziplinarischen Strafen."
 
Für den Sektenbeauftragten Gandow bleibt die Organisation dennoch eine Gefahr für die Sicherheit Deutschlands. "Wenn solche Vorfälle nicht zu Konsequenzen führen, dann leben wir wie im Wilden Westen, und die Opfer sind Freiwild."
 
 
Tages-Anzeiger; 11.08.03, Hugo Stamm
 
Scientology-Schule gefährdet den Staat und ist rechtswidrig
 
Die Bildungsdirektion beurteilte die Zürcher Privatschulen von Scientologen vernichtend. Doch die Sektenanhänger erhielten trotzdem eine Bewilligung. Ein Fall voller Rätsel.
 
«Ziel muss es sein, jede Schulung durch Scientology mit allen rechtlich vorhandenen Mitteln zu verhindern oder zu unterbinden.» Dieser Satz steht in einem unter Verschluss gehaltenen Bericht der Erziehungsdirektion aus dem Jahr 1995. Fünf Jahre später erteilte genau diese Direktion den Scientologen die Bewilligung für eine Privatschule. Pikant dabei: Der Bericht landete in der Versenkung. Als ihn die Scientologen rund drei Jahre später auf ungeklärten Wegen in die Hände bekamen, machten sie Druck bei der Bildungsdirektion. Danach wurde er vernichtet. Vielleicht ist es nur Zufall, dass die Scientologen bald darauf die Bewilligung zur Führung einer Privatschule erhielten. Die zeitliche Übereinstimmung ist jedenfalls auffällig.
 
Was war passiert? Regierungsrat Alfred Gilgen hatte sich in den 90er-Jahren mit allen Mitteln dagegen gewehrt, den Scientologen die Bewilligung zu erteilen. Das Bundesgericht stützte seinen Entscheid. Scientologen seien nicht vertrauenswürdig, eine Schule zu führen. Sein Nachfolger Ernst Buschor zeichnete sich nicht durch den gleichen Kampfgeist aus, in seiner Amtszeit erhielten die Scientologen zwei Bewilligungen: die Ziel-Schule an der Badenerstrasse 294 mit rund 70 Schülern und die Schlümpfli-Schule in Altstetten mit 20 Schülern.
 
Psychische und soziale Schäden
 
Das mutet angesichts des radikalen Berichts aus der eigenen Verwaltung seltsam an. So heisst es in dem brisanten Papier, das dem TA vorliegt, verschiedene Hinweise liessen die Vermutung zu, «dass der Umgang von Kindern in dieser Organisation massive - vor allem psychische und soziale - Schäden hervorrufen muss». Die Schulung von Kindern durch Scientology könne nicht im Interesse des Staates sein, da diese Kinder ausserhalb der Gruppenstruktur vermutlich nicht lebensfähig seien. Wenn ein staatliches Organ eine Schule zulasse, die die Bedürfnisse und Pflichten bezüglich Bildung nicht erfülle oder ihnen widerspreche, «handelt es staatsgefährdend und rechtswidrig», heisst es im Bericht weiter.
 
Kritisiert wird weiter das so genannte Auditing, eine scientologische Therapiemethode, die in der Schule angewendet werde. Dies bedeute eine Indoktrination der Kinder. «Scientology sagt selbst, dass mit Auditing keine humanen oder pädagogischen Ziele und Absichten verfolgt werden, hingegen, um Kinder gefügig zu machen», heisst es. Es gebe Anweisungen an den Auditor («Therapeut»), «Macht auszuüben, sein Gegenüber zu konditionieren, was der Aufforderung zur Gehirnwäsche gleichzusetzen ist». Diese Psychotechnik stelle ein erhebliches Risiko dar, psychische Erkrankungen seien bereits festgestellt worden.
 
Der Bericht setzt sich auch kritisch mit dem so genannten Wortklären - unbekannte Begriffe mit dem Wörterbuch bestimmen -, einer zentralen Form der Studiertechnologie des Sektengründers Ron Hubbard, auseinander. Diese Methode werde als Instrument der Indoktrination bezeichnet. «Andere scientologische Übungen können eine Derealisation und Depersonalisation zur Folge haben.»
 
An den von Scientologen geführten Privatschulen wird nach den Methoden des Sektengründers Ron Hubbard unterrichtet. Da relativ wenig Schulgeld bezahlt werden muss, schicken auch Nichtscientologen ihre Kinder in diese Privatschulen. Im Kanton Luzern hat sich die Regierung kürzlich erfolgreich gegen eine ZIEL-Schule gewehrt und vom Bundesgericht Recht bekommen.
 
Die Zürcher Scientologen waren nicht bereit, Fragen zu ihren Schulen und zum Bericht zu beantworten. Der zuständige Beamte bei der Bildungsdirektion weilt in den Ferien.
 
 
Der Bund vom 8.8.03, Markus Schütz
 
Keine Bewilligung für Luzerner Privatschulprojekt
 
SCIENTOLOGY-LEHRERIN / Das Luzerner Bildungs- und Kulturdepartement hat dem Projekt "Tagesschule im Grünen Littauerberg" eine Absage erteilt. Dies weil eine umstrittene Scientologin als hauptverantwortliche Lehrerin eingesetzt werden sollte. sda. Dem Verein "Tagesschule im Grünen Littauerberg" fehle die "Vertrauenswürdigkeit zur Erfüllung dieser öffentlichen Aufgabe", begründet das Bildungs- und Kulturdepartement (BKD) den gestern Donnerstag veröffentlichten Entscheid.
 
Für das BKD ist die Vertrauenswürdigkeit nicht gegeben, weil die Scientologin Sandra Planzer als hauptverantwortliche Lehrerin eingesetzt werden sollte. Bereits im Juni hatte der damalige Bildungsdirektor Ueli Fässler im Grossen Rat eine klare Trennung von Scientology als Bedingung für die Bewilligung genannt.
 
Planzers Schule Ende Juli geschlossen
 
Die "Freie Primarschule Sandra Planzer" auf dem Littauerberg musste Ende Juli auf Grund des Entscheides des Bundesgerichtes geschlossen werden. Als "passives" Mitglied von Scientology verfüge Planzer nicht über die erforderliche Vertrauenswürdigkeit zur Führung ihrer Privatschule, argumentierte das Bundesgericht.
 
Nach Bekanntwerden des Urteils reichte der Verein "Tagesschule im Grünen Littauerberg" Anfang Mai ein Gesuch zur Führung einer Privatschule auf Stufe Kindergarten und Primarschule ein. Planzer sollte als Lehrerin angestellt werden, jedoch die Schule nicht leiten.
 
Das BKD erwartet von der Trägerschaft einer Privatschule, dass die Kinder präventiv vor einem intoleranten und mit den Werten der Volksschule unvereinbaren Unterricht geschützt werden. Mit dem erneuten Einsatz von Sandra Planzer als hauptverantwortliche Lehrerin sei diese Voraussetzung nicht gegeben.
 
Die Scientology Kirche Zürich kritisierte den Entscheid aufs heftigste. Dieser lasse vermuten, dass es dem Bildungs- und Kulturdepartement weniger um die Qualität des Unterrichts als um die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz einer jungen Lehrerin gehe. Die Begründung komme nicht nur einem Berufsverbot für Planzer gleich, sondern für alle Lehrer, die nahe oder entfernt mit Scientology verbunden seien.
 
 
Hamburger Morgenpost,  02.08.2003, Olaf Wunder
 
Der Krake greift nach Kranken
 
Melanie Herff (30) und "Safe Harbor": 30-Jährige vereitelt die Pläne einer Scientology-Tarnorganisation
Lange war es ruhig um Scientology. Jetzt aber macht die Sekte wieder von sich reden. Diesmal sollten vor allem Ärzte, Ernährungswissenschaftler und Umweltmediziner vorsichtig sein. Scientology hat es auf sie, vor allem aber auf ihre Patienten abgesehen! Vor kurzem wurde in Hamburg der Verein "Safe Harbor" (zu Deutsch: sicherer Hafen) gegründet - eine Tarnorganisation der Sekte, die nur einem Zweck dient: in neue gesellschaftliche Gruppen einzudringen und dort die verrückten Ideen des Sektengründers Ron Hubbard zu verbreiten. Nach den Drogenabhängigen sind nun die psychisch Kranken an der Reihe.
 
"Der Fall ist exemplarisch", sagt Rüdiger Hintze von der Scientology-Arbeitsgruppe der Innenbehörde. "Hier kann man sehen, mit welch raffinierten Methoden Scientology versucht, Menschen an sich zu binden und die Ideologie Hubbards zu verbreiten."
 
Die Hamburgerin Melanie Herff steht im Mittelpunkt dieser Geschichte. Sie hat in London Ernährungstherapie studiert - eine Wissenschaft, die auf der Annahme gründet, dass psychische Erkrankungen meist körperliche Ursachen haben. Um Depressionen und Schizophrenien zu bekämpfen, bedürfe es nicht in jedem Fall Psychopharmaka, sondern oft nur einer richtigen Ernährung.
 
Kaum ist Melanie Herff nach Abschluss ihres Studiums nach Hamburg zurückgekehrt, werden Scientologen auf die Frau aufmerksam. Als sie eine Einladung erhält, an der Gründungsversammlung eines Vereins namens "Safe Harbor" in einem Hotel in Ochsenzoll teilzunehmen, ahnt die 30-Jährige nichts Böses. Der Verein, der in den USA schon lange existieren soll, will sich laut Satzung der Erforschung körperlicher Ursachen für geistige Symptome widmen. Das ist genau das Thema der jungen Frau. Also geht Melanie Herff hin, hält einen Vortrag - und wird unversehends für den Posten der Vorsitzenden vorgeschlagen. Sie fühlt sich geehrt - und stellt sich zur Wahl. Was sie heute sehr bedauert.
 
Organisationen zu gründen, die auf den ersten Blick Gutes im Schilde führen, ist seit langem die Strategie von Scientology. Es wird versucht, Personen ins Boot zu holen, die sich bereits mit der Thematik befassen. So suchte die Sekte mit der Debatte um Ritalin (ein Arzneimittel, das hyperaktiven Kindern verabreicht wird) Verbündete gegen die verhasste Psychiatrie. Der Verein "EIFFRIG" wurde gegründet, um gegen angebliche Menschenrechtsverletzungen in Deutschland zu kämpfen. Und "Narkonon" gibt sich den Anstrich eines wohlmeinenden "Anti-Drogenprogramms". Alle diese Organisationen haben die Aufgabe, neue Opfer zu finden, um sie mit Ron Hubbards so genannter "Technologie" zu infiltrieren.
 
Die Gründung von "Safe Harbor" haben sich die Verantwortlichen allerdings anders vorgestellt. Denn schon kurz nach ihrer Wahl schöpft Melanie Herff Verdacht. "Mir kamen die Leute und das, was sie sagten, schon bald ziemlich merkwürdig vor. Da habe ich im Internet recherchiert." Das Ergebnis war erschreckend: Mit einem Mal stellt sie fest, dass sie sich, ohne es zu wollen, zum Werkzeug der Scientologen hat machen lassen.
 
Die Arbeitsgruppe Scientology bei der Innenbehörde weiß schon seit Wochen von dem Plan der Scientologen, "Safe Harbor" zu gründen. Dank Melanie Herff ist die Gruppe jetzt über die führenden Köpfe informiert. Einige sind "alte Bekannte". So tritt zum Beispiel ein bekannter Scientology-Anwalt als stellvertretender Vorsitzender in Erscheinung.
 
"Ich will mich nicht von Scientology vor den Karren spannen lassen", sagt Melanie Herff und erklärte ihren Austritt. Schriftlich forderte sie den Verein auf, ihren Namen und ihre persönlichen Daten zu löschen und künftig jede Kontaktaufnahme zu unterlassen.
 
Info: WAS IST EIGENTLICH SCIENTOLOGY ?
 
Seit zwei Jahren wird Scientology vom Verfassungsschutz beobachtet.
 
Der Grund Diese Sekte stellt das demokratische System in Frage. Scientologen wollen die Macht an sich reißen - die Macht über die ganze Welt.
 
Scientology ist ein Psychokonzern mit politischem Herrschaftsanspruch, dessen vordringliche Aufgabe es ist, ein Produkt Gewinn bringend zu verkaufen. Bei diesem Produkt handelt es sich um ein System von Psychokursen und so genannten Lebenshilfe-Angeboten, das durch flächendeckende Verbreitung letztendlich ein totalitäres System zum Ziel hat.
 
Fast zwangsläufig gerät der Teilnehmer scientologischer Psychokurse in einen Sog, an dessen Ende er Realität und Fiktion kaum mehr zu trennen vermag.
 
Gründer der Sekte war Lafayette Ronald Hubbard, ein früherer Science-Fiction-Autor, von dem es heißt, er habe selbst Wahrheit und Fiktion kaum noch voneinander trennen können. Nach seinem mysteriösen Tod rissen andere die Führung der weltweiten Organisation an sich.
 
Literatur
Christoph und Martina Minhoff
Scientology - Irrgarten der Illusion, erhältlich bei der Landeszentrale für politische Bildung.
 

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