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Jesus.ch 22.11.2003, Fritz Imhof
Gegner des Anerkennungs-Gesetzes verwendeten mysteriösen Brief von Scientology
 
Hätte Scientology nach einer Annahme des Anerkennungsgesetzes die Möglichkeit, sich staatlich anerkennen zu lassen? Diese von Gegnern des zur Abstimmung im Kanton Zürich stehenden Gesetzes, das auch weiteren Kirchen und Religionsgemeinschaften eine öffentliche Anerkennung ermöglichen soll, hat für Aufregung gesorgt. Ist das gegnerische Komitee einem schlechten Scherz auf den Leim gegangen ?
 
Das Thema eignet sich natürlich bestens für Polemik und Demagogie. Falls das Gesetz auch der Pseudokirche und oft "Psychosekte" genannten Scientology eine Anerkennung ermöglichen, würden wohl viele ein Nein einlegen.
 
Die Diskussion um Scientology brach auf, nachdem an einer Pressekonferenz des Komitees gegen die Kirchenvorlagen erklärt wurde, die Organisation habe sich in einem offenen Brief an Kantonsräte bereits für das Anerkennungsgesetz bedankt und wolle ein Anerkennungsgesuch stellen. Jürg Stettler, Präsident der Scientology-Kirche Zürich, dementiert allerdings, dass seine Organisation einen solchen Brief geschrieben habe. Man setze sich vielmehr für eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat ein.
 
Kirchengesetzgegner Andreas Honegger, der den Brief zitiert hat, erklärt dazu, er habe diesen von einer Vereinigung namens "Freunde von L. Ron Hubbard" zugeschickt erhalten, und angenommen, dass es sich dabei um Scientology handle. Hubbard ist der Scientology-Gründer. Stettler kann sich denken, dass der Brief allenfalls von Scientology-Mitgliedern geschrieben worden ist, aber nicht im Auftrag der Organisation. "Da hat sich wahrscheinlich jemand einen Scherz erlaubt", so Stettler.
 
"Scientology ist weit davon entfernt, im Kanton Zürich eine gesellschaftliche Bedeutung zu haben." Nicht nur die Mitgliederhürde wäre zu hoch. "Wir sind der Meinung, dass die religiösen Aspekte bei Scientology nur aufgesetzt sind", sagt Sektenexperte Georg Schmid. Seines Wissens werde Scientology im deutschen Sprachraum nirgends als Kirche anerkannt.
 
Fehltritt eines Kirchenhistorikers Dass die Sache Staub aufwirbelt, ist dennoch begreiflich. Vor kurzem hat der renommierte deutsche Kirchenhistoriker Gerhard Besier, bekannt durch seine Erforschung von Stasi-Akten über die Verwicklung der Kirche mit dem DDR-Geheimdienst, bei der Eröffnung des neuen Scientology Büros in September in Brüssel eine Ansprache gehalten, in der er die Scientologen rein wusch.
 
Die Scientology-Kirche führe einen "Kampf für Toleranz", die jedem zugute komme, und streite "für die Akzeptanz religiöser Vielfalt", betonte der Historiker; er löste damit grosse Aufregung aus. Sollten Leute wie Besier der Scientology doch noch zur Anerkennung als salonfähige Kirche verhelfen? Sollten ihre Methoden so Anerkennung finden? So, wie es ihnen in den USA bereits gelungen ist, wo sich Regierungsstellen wiederholt gegen die "Diskriminierung" der Scientologen in Europa einsetzten.
 
Scientology ist dafür bekannt, mit äusserst umstrittenen Methoden Befragungen und Therapien durchzuführen und den Klienten dafür viel Geld abzunehmen. Georg Schmid schätzt jedoch, dass die Organisation schweizweit weniger als 1000 Mitglieder zählt.
 
Woher der Brief letztlich kam, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Mitglieder des gegnerischen Komitees wollen ihn in ihren Akten nicht mehr gefunden haben.
 
 
Hamburger Abendblatt, 22.11.03, sam
Caberta warnt vor Scientology-Schule
 
Ursula Caberta (53), Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology, warnt Eltern vor einer Nachhilfe-Schule an der Bogenstraße, Ecke Kleiner Kielort (Eimsbüttel). "Dieses Institut wird von der Scientologin Sidney H. betrieben, die ihre Schüler zu Kursen in die Scientologen-Schule nach Dänemark schickt", sagte Ursula Caberta. Die Schule sei nicht anerkannt, und dort könne kein Schüler einen Abschluss machen.
 
Besonders brisant: In unmittelbarer Nachbarschaft des Nachhilfe-Instituts liegen mehrere Schulen. Das Helene-Lange-Gymnasium mit rund 1000 Schülern ist direkt an der Bogenstraße. Dort tauchten auch schon Werbeflugblätter von Sidney H.s Institut auf. Aber die Lehrer wissen Bescheid: "Die Innenbehörde hat uns schriftlich und ausdrücklich vor dieser Nachhilfeschule gewarnt. Diese Information wurde sofort nach dem Bekanntwerden durch die Klassenlehrer an sämtliche Schüler weitergegeben", sagte Beratungslehrerin Susanne Schmidtholz. Auf Anfrage des Abendblatts bestätigte Sidney H., dass sie Scientologin ist.
 
 
Tages-Anzeiger; 21.11.2003, Hugo Stamm
Jetzt peilt Scientology die Schüler an 
 
Mit einer umstrittenen Aktion wirbt Scientology Zürich an Schulen für Menschenrechte. Sie verteilt 100'000 Broschüren.
 
Seit Jahren führt die amerikanische Sekte Veranstaltungen wie Konferenzen, Konzerte und Marathonläufe zum Thema Menschenrechte durch. Mit der jüngsten Aktion nimmt sie nun Schulen ins Visier. In den nächsten Wochen sollen in der Schweiz 100 000 kleine Broschüren mit dem Titel «Frieden durch Menschenrechte» vor allem an Schülerinnen und Schüler verteilt werden. Auf dem Titelblatt prangt in goldener Schrift das Scientology-Logo. Die Broschüre listet die Menschenrechte auf und porträtiert vier «Verteidiger der Menschenrechte»: Am prominentesten dargestellt ist der Sektengründer Ron Hubbard, gefolgt von Mahatma Gandhi, Voltaire und Martin Luther King. Welchen Beitrag Hubbard zur Verteidigung der Menschenrechte geleistet haben soll, wird nicht erklärt. Dafür enthält die Broschüre einen Werbespot für Scientology und Adressen von Sektenzentren. Die Schrift erweckt den Eindruck, vor allem als Propaganda für die Pseudokirche zu dienen.
 
Als Absenderin der Broschüren tritt die Scientology-Institution «Jugend für Menschenrechte Sektion Schweiz» auf. Gabi Schär vom Zürcher Scientology-Zentrum wollte die Frage nicht beantworten, an welchen Schulen und auf welchen Stufen die Broschüre verteilt werde. Es gehe grundsätzlich darum, die Menschenrechte bekannter zu machen und zu zeigen, dass unter Einhaltung der Menschenrechte eine friedlichere Welt möglich sei, sagte sie.
 
Ob allerdings Scientology die geeignete Organisation ist, um eine «Welt ohne Krieg und Wahnsinn» zu stiften, bleibt fraglich. Die Sekte springt beispielsweise mit ihren Kursteilnehmern nicht zimperlich um und verlangt von ihnen bis zu 1000 Franken für eine einzelne Kursstunde auf den höheren Stufen. Der Umgang mit den Angestellten grenzt an Unterdrückung und Ausbeutung. So arbeiten die rund 100 Mitarbeiter im Zürcher Zentrum teilweise unter unwürdigen Bedingungen, die den Menschenrechten kaum Stand halten.
 
Der umstrittene Arbeitsvertrag enthält in der Regel keine konkrete Lohnsumme, sondern ist von der Leistung des einzelnen und den Einnahmen der Organisation abhängig. Die Entlöhnung beträgt oft nur 50 bis 100 Franken pro Woche, das Arbeitspensum dafür satte 60 bis 70 Stunden. Die Menschenrechte fordern aber «gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen» und «gerechte und befriedigende Entlöhnung».
 
Verletzt die Sekte Menschenrechte ?
 
Ausserdem kennt Scientology ein drakonisches Straf- und Sanktionssystem. Erwähnt sei hier nur das Rehabilitation Project Force, das Sektenaussteiger als gefängnisähnliches Straflager bezeichnen. Die Menschenrechte verlangen hingegen, dass niemand «erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden» darf.
 
Der Umgang mit Angestellten grenzt an Unterdrückung und Ausbeutung.
 
 
kipa, 18.11.2003
Schweiz: Scientologen führen Menschenrechts-Kampagne in Schulen
 
Zürich, 18.11.03 (Kipa) Verschiedene Schulen in der Schweiz haben in diesen Tagen Broschüren über die Menschenrechte erhalten. Absenderin ist die Scientology-Institution "Jugend für Menschenrechte Sektion Schweiz". Der Versand ist Teil einer in ganz Europa lancierten Menschenrechtskampagne der Scientologen. Nach Angaben der Organisation werden für die Kampagne über zwei Millionen Broschüren, Inserate und Werbeflächen in 16 Sprachen eingesetzt.
 
Schulen in der Schweiz werden die beiden Broschüren "Frieden durch Menschenrechte" und "Was sind Menschenrechte?" zugestellt. Das herausgebende Gremium "Jugend für Menschenrechte" wurde von Mitgliedern der "Church of Scientology International" gegründet.
 
Die Menschenrechtskampagne sei ein neuer Versuch der Scientology-Organisation, "mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und diese für sich zu gewinnen", betonte Joachim Müller, Leiter der Arbeitsstelle "Neue religiöse Bewegungen" der Schweizer Bischofskonferenz, am Dienstag in einer Stellungnahme.
Laut Angaben der "Scientology Kirche Zürich" werden im Rahmen der Kampagne europaweit je eine Million Exemplare der Titel "Frieden durch Menschenrechte" und "Was sind Menschenrechte?" verteilt, ausserdem über 100.000 Exemplare der Broschüre "Wie man Konflikte löst".
 
Adressaten der Broschüren sind namentlich Schulen, Politiker, Behörden und andere öffentliche Stellen.
 
 
Lausitzer Rundschau, 20.11.03
Tom Cruise missioniert für Scientology
 
London (dpa) - Schauspieler Tom Cruise (41), als Anhänger der umstrittenen Scientology-Organisation bekannt, hat angeblich beim Missionieren seiner Freundin Penélope Cruz (29) Erfolg gehabt.
 
Wie der "Express" berichtet, ist die schöne Spanierin inzwischen für Scientology, die sich als Glaubensgemeinschaft versteht, offen. "Dank meines Freundes habe ich Scientology kennen gelernt und ich kann nur Positives darüber sagen."
 
Cruz ist ebenso wie Cruises Ex-Frau Nicole Kidman als Katholikin aufgewachsen. Kidman war dem Bericht zufolge aus Liebe zu Cruise auch Anhängerin von Scientology geworden, später aber wieder in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt. Die Auseinandersetzungen über den Glauben sollen Teil der Eheprobleme zwischen Cruise und Kidman gewesen sein.
 
 
3sat Kulturzeit, 31.10.2003
Ein Kirchenhistoriker auf Abwegen
 
Gerhard Besier verteidigt Scientology - und gerät in die Kritik.
 
Ist Scientology eine zu Unrecht ausgegrenzte amerikanische Religionsgemeinschaft? Ist das staatliche Verbot dieser Organisation der relignösen Intoleranz der Deutschen geschuldet? Das jedenfalls behauptet der renommierte Kirchenhistoriker und Leiter des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts Gerhard Besier - und ist darüber massiv in die Kritik geraten.
 
Mit undurchsichtigen Psychokursen verheißt die aus Amerika kommende Organisation ihren Mitgliedern alles nur Erdenkliche, etwa Hilfe bei Ehe-, Drogen- oder Jobproblemen. Scientology nimmt mangelndes Selbstwertgefühl in Angriff und verspricht Besserung. Ihre Methoden: Gehirnwäsche, Hypnose und das Schaffen von Abhängigkeiten. Außerdem wirft man Scientology zweideutige finanzielle Machenschaften und Expansionsgelüste vor.
 
In der letzten Zeit war es still geworden, um die Anhänger von Ron Hubbard. Bis Gerhard Besier als Verteidiger der Organisation auftrat. Ausgerechnet im Brüsseler Büro für Menschenrechte von Scientology hielt er eine kurze Rede mit großer Wirkung. Das Foto mit ihm ziert noch immer die Internet-Seite von Scientology: Gerhard Besier applaudierend in der ersten Reihe, zusammen mit Julia Migenes und anderen Scientology-Mitgliedern. Gesagt haben soll er: "Scientology steht in der ersten Reihe derjenigen, die für Anerkennung religiöser Vielfalt kämpfen. Ich bin davon überzeugt, nur ein aufrichtiger Glaube an ihre Religion kann diesen Grad an Engagement und Hingabe hervorbringen. Und das ist es, warum die Scientology-Kirche einen Kampf für Toleranz führt, der jedem zugute kommen wird." Allerdings ist der im Internet kursierende Text nicht von ihm autorisiert. Das sorgte für Unruhe, im sächsischen Landtag, im Institut und seinem wissenschaftlichen Kuratorium und auch in der Presse. Scientology, eine Organisation mit autoritären Strukturen, als Vorkämpferin für Toleranz ?
 
Bayern gibt Studie in Auftrag
 
Der Freistaat Bayern gab eine 700 Seiten starke Studie in Auftrag - auch um Argumente für ein weitergehendes Vorgehen gegen die Organisation in Händen zu haben. Befragt wurden 26 Scientology-Aussteiger. Die Organisation lehnte jede Zusammenarbeit mit den bayrischen Wissenschaftlern ab. Einer der Verfasser ist Norbert Nedopil. Als forensischer Psychiater an der Universität München ist er auch gefragter Gutachter vor Gericht. In der Scientology-Zeitschrift "Freiheit" wird er als Feindbild diffamiert. "Scientology wendet Techniken an, die ursprünglich zum Teil aus der Psychologie und Psychotherapie, zum Teil aus Indoktrinationskursen und aus Manipulation bei Soldaten kommen", sagt er. "Das ganze wird verquickt und diese Kombination kann bei Menschen, die labil sind, dazu führen, dass sie psychisch darunter leiden und in eine Abhängigkeit von Scientology geraten."
 
Auch von juristischer Seite gibt es erhebliche Bedenken gegenüber der amerikanischen Organisation. "Gefährlich ist vor allem die Ausbeutung von psychisch Labilen, die in beträchtlichem Umfang finanzielle Investitionen und Investitionen ihrer Arbeitskraft leisten müssen, wenn sie Mitglieder sind, und dafür letztlich nichts bekommen", sagt der Rechtswissenschaftler Heinz Schöch von der Universität München. Am Ende hätten sie einige 100.000 Euro verloren und stünden oft psychisch noch schlechter da. Dies sei gefährlich, da die Werteordnung des Grundgesetzes nicht mit dem übereinstimme, was Scientology teilweise vertrete, etwa bezüglich der Unterdrückung der Schwachen, oder der Herrschaft der so genannten Clears. "Das widerspricht unserem Grundgesetz, das von der Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen ausgeht."
 
Modell einer totalitären Gesellschaft
 
Kontrolle nach innen, Abschottung nach außen. Scientology verfolgt das Modell einer totalitären Gesellschaft, die schon ihre Kinder in graue Uniformen steckt. Trotzdem ist Scientology in den USA als Religionsgemeinschaft anerkannt - eine Position, die die US-Regierung auch in Deutschland einklagt. Dagegen steht sie bei uns in einigen Bundesländern unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.
 
Besier, ein streitbarer und umstrittener Religionswissenschaftler, hat sich immer wieder mit kleinen religiösen Minderheiten beschäftigt. Er ist der Überzeugung, dass in Deutschland eine eingeschränkte Religionsfreiheit besteht. Denn international steht außer Frage, dass Scientology religionshafte Züge trägt, so Besier. Jetzt muss er sich und seinen Forschungsgegenstand gegen massive Vorwürfe verteidigen. Bekannt wurde auch, dass Besier an einer Studie zu Scientology arbeitet und Scientology für den empirischen Teil erstmals die Daten ihrer Mitglieder dafür zur Verfügung stellen wollte. Für die Wissenschaft ist dies eine Sensation. "Sie können das nur tun, wenn die Leute Ihnen abnehmen, dass Sie unbestechlich sind, dass Sie nicht mit vorgefasster Meinung ankommen", sagt Besier. "Man muss diese Menschen als Gegenüber Ernst nehmen. Wenn man von vorneherein sagt, 'von dem was du glaubst halte ich nichts', werden die auch nicht ihre Datenpools und ihr Schrifttum vorlegen."
 
Großer öffentlicher Druck
 
Doch die Frage bleibt, wie unabhängig kann Besiers Forschung nach dem umstrittenen Auftritt in Brüssel noch sein? "Wir müssen den Dingen doch auf den Grund gehen, um dann ein angemessenes Urteil zu fällen", sagt der Religionswissenschaftler. Jeder, der mit dem Gesetz in Konflikt gerate, müsse bestraft werden. Nur müsste dies erst festgestellt werden. Sonderrechte fordere er keine.
 
Die Debatte um Scientology spaltet. In den letzten Jahren hat sich die selbsternannte Kirche erfolgreich und imagefördernd um sozialkaritative Belange gekümmert. In der Drogenberatung und -hilfe etwa. Für Kritiker nur ein raffinierter Trick, um ungestört an der Weltverbesserung zu arbeiten. Gerhard Besier jedenfalls wird sein geplantes Buch nicht mehr publizieren. Der öffentliche Druck ist zu groß. Ist die Angst und die öffentliche Entrüstung in Sachen Scientology berechtigt? "Scientology ist für viele ein Feindbild und es ist häufig fraglich, ob dieses Feindbild wirklich so berechtigt ist", sagt Nedopil. Ziel der Untersuchung sei gewesen, genau festzustellen, ob eine Warnung vor Scientology gerechtfertigt sei. "Wir haben nach unseren Erkenntnissen durchaus festgestellt, dass man davor warnen muss. Das heißt aber nicht, dass Leute nicht dahin gehen dürfen." Sie sollten nur vorher wissen, auf was sie sich einlassen.
 
Schöch setzt auf die Aufklärung mündiger Bürger und auf eine wirkungsvolle Beratung möglicher Aussteiger. "Nur wenn diese unterdrückt oder unter Druck gesetzt werden, kann und soll juristischer Schutz beigezogen werden." Wobei er zivilrechtlichen Schutz bevorzugt. Wenn Betroffene etwa die von ihnen gezahlten Gelder zurückverlangten, täte dies der Organisation sehr weh. Wie es scheint, ist Scientology in den letzten Jahren viel langsamer gewachsen, als noch in den 90ern befürchtet. Dennoch ist Besiers Versuch einer Ehrenrettung von Scientology verfehlt.
 
 
Netzeitung.de, 29.Oktober 2003,
Michael Jackson soll Spendengelder an Scientology überwiesen haben
 
Michael Jackson soll Geld, das für die Angehörigen der Opfer des 11. September bestimmt war, der Scientology-Sekte zugeschanzt haben.
 
Wie die britische Zeitung «Daily Mirror» am Mittwoch berichtet, soll der Superstar Geld, das eigentlich für die Angehörigen der Opfer des 11. September gedacht war, der umstrittenen Scientology-Sekte überwiesen haben.
 
Zusammen mit prominenten Kollegen wie Mariah Carey, Ricky Martin und Beyonce Knowles hatte Jackson unmittelbar nach den Anschlägen vor zwei Jahren einen Song mit dem Titel «What more can I give?» aufgenommen. Der Erlös sollte direkt an die Familien der Opfer gehen.
 
Jackson aber habe bereits einen Großteil dem Hollywood Education and Literacy Projekt «Help» gespendet, hieß es. Und dieses sei bekannt dafür, dass es der umstrittenen Scientology-Sekte nahe steht. «Hier wurde Geld für einen Zweck gesammelt, den viele der teilnehmenden Stars nicht unterstützen», schrieb Mirror-Kolumnist Roger Friedman.
 
Eine Stellungnahme von Michael Jackson zu den Vorwürfen gibt es bisher nicht. Nähe zur Scientology-Sekte wird dem Superstar seit seiner Ehe mit Lisa Marie Presley nachgesagt, die sich öffentlich dazu bekannte.
 
 
Blick Online, 29. Oktober 2003, Reese Witherspoon
Michael Jackson: Geld-«Geschenk» an Scientology? 
Kurz nach den Anschlägen vom 11. September nahm Jacko (45) zusammen mit Branchenkollegen wie Mariah Carey, Ricky Martin und Beyoncé Knowles den Song «What more can I give?» auf. Der Erlös sollte den Terror-Opfern zugute kommen. Und das Geld floss auch. Hauptsächlich in den Fonds des «Hollywood Education and Literacy»-Projekts «Help». Dieses aber soll der Scientology-Sekte nahe stehen. «Hier wurde Geld für einen Zweck gesammelt, den viele der teilnehmenden Stars nicht unterstützen», ärgert sich deshalb die britische Zeitung «Daily Mirror».
 
 
Süddeutsche Zeitung, 28.10.03, Alexander Kissler
Rolle rückwärts in die Zukunft
 
Gerhard Besier zieht sein Scientology-Buch zurück, hält aber die Kritik für unangebracht Absurd sei es, ihn in die Nähe von Scientology zu rücken, schließlich sei er ein gläubiger Protestant: So sprach Gerhard Besier am Freitag vergangener Woche. Er werde deshalb sein Buch über die umstrittene Organisation nicht veröffentlichen. Tags zuvor hatte der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts noch erklärt, am "theoretischen Teil" des Projektes festzuhalten, die empirische Studie aber, für welche Scientology Deutschland die interne Mitgliederdatei öffnete (SZ vom 21.10.), ruhen zu lassen. Der Sinneswandel vom Teil- zum Totalverzicht sei dem "wachsenden gesellschaftlichen Druck" geschuldet. Die Sorge um das Ansehen des Instituts und die Sicherheit seiner Familie habe ihm keine Wahl gelassen. Scientology aber wirbt noch immer mit dem Foto eines lachenden Gerhard Besier, der sich gemeinsam mit führenden Scientologen über die Eröffnung der Brüsseler Filiale freut.
 
Der belgische Ortstermin am 17. September löste die Affäre aus. Das Foto schmückt an prominenter Stelle die Scientology-Webseite. Über 300 Teilnehmer sollen der Zeremonie beigewohnt haben. Besier zählt zu den fünf Hauptrednern, die namentlich genannt werden. Sie alle haben laut Scientology referiert über ihre "Erfahrungen mit dem Einsatz der Kirche für Menschenrechte und Religionsfreiheit". Solange das Foto für PR-Arbeit in dubioser Sache verwendet wird, könnte es ein Stachel sein im Bemühen des Instituts, sich aus der Dauerkrise freizuschwimmen. Auch spricht Besiers trotziges Statement, er werde nun während seines Direktorats über keine "religiösen Minoritäten" mehr forschen, nicht unbedingt für höhere Einsicht.
 
Das 1993 gegründete Institut für Totalitarismusforschung soll vor allem "historische DDR-Forschung" betreiben. Als Autor zweier Standardwerke über die Kirchen im Dritten Reich und in der DDR schien Besier hierfür prädestiniert. Das von der CDU dominierte Kuratorium, das den neuen Leiter im Februar bestellte, hat jedoch den zentralen Aspekt des öffentlichen Wirkens von Gerhard Besier übersehen. Der Kirchenhistoriker streitet seit langem gegen die staatliche "Sektenhysterie", kritisiert die "religiöse Versorgung durch die Etablierten" und befürwortet eine schrankenlose Religionsfreiheit nach amerikanischem Muster. Seine Bücher über die "neuen Inquisitoren" und die "Rufmordkampagne" des Staates fehlen übrigens in Besiers "ausführlicher Bibliographie", die das Institut verbreitet.
 
 
Tiroler Tageszeitung (Onlinedienst), 26.10.2003
Scientology bezieht neues Hauptquartier in Brüssel
 
Unscheinbar flattern die hellblauen Banner mit den blassgelben Kreuzen im Brüsseler Europaviertel im Wind.
 
Brüssel (APA) - Den vorbeihastenden Passanten fällt das Schild an dem Altbau kaum auf: "Internationale Scientology-Kirche. Europäisches Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Menschenrechte." Die Adresse: Rue de la Loi 91. Nur einen Steinwurf von EU-Kommission und Europaparlament entfernt und direkt um die Ecke von der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der EU, hat die umstrittene US-"Kirche" seit einigen Wochen ihr neues europäisches Hauptquartier.
 
"Ein Skandal", empört sich die Belgierin Veronique de Keyser, sozialistische Abgeordnete im Europaparlament. Sie ist empört über dieses Büro an einem "symbolisch so wichtigen Ort" mitten im Zentrum Europas. Den deutschen EU-Parlamentarier Elmar Brok (CDU) stört "Scientology als solches". Die seit zehn Jahren in den USA als Kirche anerkannte Organisation habe Vorstellungen, "die in keiner Weise mit Demokratien zu vereinbaren sind".
 
Keyser ist im außenpolitischen Ausschuss des Europaparlaments engagiert, der auch für Menschenrechte zuständig ist, Brok steht ihm vor. Die Sozialistin wie der Konsvervative stoßen sich an dem Gebrauch des Begriffs "Menschenrechte" durch die Scientologen. "Sie treten für ihre eigenen Interessen ein und deklarieren das als Eintreten für die Menschenrechte", sagt Brok. "Und nehmen damit Einfluss auf die europäische Politik", fügt Keyser hinzu.
 
Und das seit geraumer Zeit. Nach Angaben des belgischen Sekten-Informationszentrums führen die Anhänger der Lehre Ron Hubbards von Brüssel aus "seit vielen Jahren eine Lobbykampagne bei verschiedenen internationalen Organisationen", darunter auch Europarat und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Scientology stelle sich dabei als verfolgte Religion dar, die es zu schützen gelte.
 
Tatsächlich ist die 1954 in den USA gegründete Bewegung in vielen europäischen Staaten alles andere als gern gesehen. In Frankreich und Belgien befasst sich die Justiz mit Scientology. In beiden Ländern laufen Ermittlungen gegen Mitglieder, denen Betrug und illegaler Handel mit Medikamenten vorgeworfen wird. In Belgien stehen derzeit neun Hubbard-Anhänger unter Verdacht, einer kriminellen Organisation anzugehören und Persönlichkeitsrechte verletzt zu haben.
 
Im krassen Gegensatz dazu steht die Selbstdarstellung der Scientologen in der Brüsseler Rue de la Loi. Wer den vergitterten Eingang passiert, den erwartet eine Ausstellung über die Wohltaten der Gruppe: Hilfe in Katastrophenfällen wie die Betreuung von US-Feuerwehrleuten nach dem 11. September 2001, der Kampf gegen Drogen und Missstände in der Psychiatrie. Doch dieser "Marathon für die Menschenrechte in Europa" werde von der europäischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, moniert Ausstellungsleiter Marc Bromberg. Da hilft es auch nicht, dass im ersten Stockwerk des pompösen Baus Prominente wie der Schauspieler Tom Cruise für "ihre" Kirche werben. Auch die US-Regierung übt sich immer wieder im Schulterschluss mit Scientology. Den europäischen Bündnispartnern wirft Washington vor, durch juristisches Vorgehen gegen die Gruppe das Recht auf Religionsfreiheit zu missachten.
 
Anders als mit rechtsstaatlichen Mitteln sei den Scientologen aber nicht beizukommen, sagt Brok. "In einem freien Land kann man nichts verbieten. Wir können nur vermeiden, dass sie durch die Anerkennung als Kirche wirtschaftliche Vorteile bekommen." Pläne für eine europäische Sektenbeobachtungsstelle, die der Europarat bereits 1999 forderte, liegen vorerst auf Eis. Bis dahin bleibt laut Keyser im Kampf gegen Scientology nur eins: "Wir müssen das Recht auf unsere Seite bringen."
 
 
dpa 25.10.03
Besier veröffentlicht seine Studien nicht
 
Dresden. Der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Gerhard Besier, wird seine Studie "Feindbild Scientology? Eine amerikanische Religion in Deutschland" nicht veröffentlichen. "Damit werde ich meine Gegner vermutlich enttäuschen, doch ich will die Diskussion nicht um jeden Preis", sagte er am Freitag. Besier hatte im September an der Eröffnung des "Zentrums für Religionsfreiheit" von Scientology in Brüssel teilgenommen und dafür Kritik geerntet.
 
 
Neue Zürcher Zeitung, 23.10.2003, pi
Engere Verflechtung statt Entflechtung
 
Argumente der Gegner der Kirchenvorlagen
 
Ein überparteiliches Komitee, bestehend aus SVP- und FDP-Politikern, hat die Gründe für eine Ablehnung der drei Kirchenvorlagen präsentiert. Es stösst sich an der staatlichen Privilegierung einiger Religionen, am Ausschluss des Souveräns im Anerkennungsverfahren sowie an der Einführung des kirchlichen Ausländerstimmrechts. Von einer Entflechtung der Staat-Kirche-Beziehung könne nicht die Rede sein.
 
Das Komitee mit dem Namen «3× Nein zu den Kirchenvorlagen» hat am Dienstag seine Argumente zur Ablehnung der Abstimmungsvorlagen (Verfassungsänderung, Kirchengesetz, Anerkennungsgesetz) vom 30. November vorgestellt. Gregor Rutz, SVP-Verfassungsrat, brachte die Hauptkritik der Gegnerschaft auf den Punkt: Die Kirchenvorlagen stellten die demokratischen Gepflogenheiten der Schweiz und des Kantons Zürich auf den Kopf, und zwar hinsichtlich der öffentlichrechtlichen Anerkennung wie des kirchlichen Ausländerstimmrechts.
 
Nicht mehr Gerechtigkeit
 
Andreas Honegger, alt Kantonsrat der FDP und einer der Befürworter der Trennungsinitiative von 1995, stiess sich in seinen Ausführungen vor allem daran, dass einige Religionen durch staatliche Anerkennung privilegiert und mit Steuermitteln gefördert, andere Gemeinschaften dagegen ausgeschlossen würden. Für einen freiheitlich-liberal denkenden Menschen gebe es theoretisch zwei denkbare Wege: Man privilegiere niemanden oder alle. In den Augen Honeggers ist es angesichts der drei Kirchenvorlagen das kleinere Übel, es bei den drei derzeit staatlich anerkannten Landeskirchen (der evangelisch-reformierten, der römisch-katholischen und der christkatholischen) zu belassen.
 
Das Anerkennungsgesetz bringe nicht mehr Gerechtigkeit für eine grössere Anzahl Menschen, da nie alle Religionen anerkannt werden können. Zudem warnte Honegger vor einem Staat, der selektiv mit einzelnen Religionen ein Sonderbündnis eingehe; dieser sei in keiner Form gewappnet gegen Übergriffe fundamentalistischer Bewegungen.
 
Einklagbare Regierungsentscheide
 
Gabriela Winkler, freisinnige Kantonsrätin, stellte wie ihr Vorredner die Anerkennungskriterien in Frage. Wie könne eine Regierung beschliessen, welche Religions- oder Glaubensgemeinschaft privilegiert werden solle? Indem das vorliegende Gesetz den Anerkennungsentscheid der demokratischen Befragung entziehe, werde die Anerkennung einklagbar. Das Komitee befürchtet eine Lawine von Klagen, die auf das Verwaltungsgericht zukomme. Zudem werde die Büchse der Pandora für Sekten und Gruppierungen merkwürdigster Art geöffnet. Nach der Abstimmung im Kantonsrat habe sich die Scientology-Kirche bei den Ratsmitgliedern dafür bedankt, dass das Parlament endlich die Rechtsgrundlage für ihre Anerkennung geschaffen habe.
 
Abbau demokratischer Volksrechte
 
Rutz wehrte sich in seinem Plädoyer vehement gegen den Abbau der demokratischen Volksrechte und sah Parallelen zum Einbürgerungsentscheid des Bundesgerichts. Es sei eine gefährliche Tendenz, dass immer mehr demokratische Kompetenzen des Souveräns von Behörden, Exekutiven oder Verwaltungen wahrgenommen werden sollten und das Volk nichts zu sagen habe. Zudem bringe das Anerkennungsgesetz die Regierung in eine heikle Lage: Sie habe darüber zu befinden, was Religion sei und was nicht. Dies führe zu schwer begründbaren Entscheiden. Rutz vermutet aufgrund des Gleichheitsgebots und des Diskriminierungsverbots langfristig eine Flut von Anerkennungen. Ein zusätzliches Problem sei ferner die Frage nach dem Ausländerstimmrecht. Voraussetzung dafür sei zwingend eine Entflechtung staatlicher und kirchlicher Strukturen. Die Gegnerschaft ist jedoch überzeugt davon, dass die Kirchenvorlagen im Gegenteil die gegenwärtige Beziehung zwischen Staat und anerkannten Gemeinschaften zementiere.
 
Das Komitee wolle, wie SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer sagte, die eklatanten juristischen Schwächen der neuen Kirchengesetzgebung offenlegen. Namentlich das fehlende Mitsprache- und Referendumsrecht bei Anerkennungsentscheiden werde nicht akzeptiert. Schlüer vermutete, dass die Stimmberechtigten «radikal entmachtet» worden seien, weil möglicherweise der Souverän als zu unreif angesehen werde, beispielsweise bei der Anerkennung muslimischer Gemeinschaften. Zudem möchte Schlüer verhindern, dass auf dem Umweg über neue Religionsgemeinschaften dem Stimm- und Wahlrecht für Ausländer allgemein der Boden geebnet werde.
 
Auf die Frage, ob das gegnerische Komitee die drei Kirchenvorlagen bekämpfe, um das Terrain für die nächste Trennungsinitiative vorzubereiten, meinte Rutz: Eine Trennung von Kirche und Staat sei politisch derzeit gar nicht durchführbar. Winkler fügte hinzu, der gegenwärtige Zustand sei schon unbefriedigend; deshalb dürfe man aber nicht Ja zu einem noch unbefriedigenderen Zustand sagen. Honegger sieht in den Kirchenvorlagen einen «Kuhhandel» zwischen der Regierung und den Kirchenspitzen, um das Staatskirchentum klar zu stärken.
 
 
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