Berner Zeitung, 15.05.2001
 
Nur noch Bücherstände
 
Auch die Scientology-Kirche wirbt weniger mit «Möchten Sie gerne mehr über sich selber wissen»: Mit dieser Frage luden früher Vertreter der Scient- ology-Kirche Passanten zu einem Persönlichkeitstest in ihre Büros am Zytglogge ein. Auf Grund des Testergebnisses empfahlen sie einen ihrer Kurse zum Ausgleich der festgestellten Schwächen. Der Grund, warum Scientology in Bern heute nicht mehr so offensiv um Mitglieder wirbt, ist profan: Die Organisation hat ihren Sitz von der Innenstadt in die Nähe des Eigerplatzes verlegt und ist deswegen nicht mehr so präsent. Ausserdem sei es sehr personalintensiv, Passanten anzusprechen, erklären die Verantwortlichen. Heute treffen Besucher in der Stadt höchstens ab und zu auf einen Bücherstand von Scientology. Für die Stände braucht es eine Bewilligung der Gewerbepolizei. Damit ist die Auflage verbunden, dass Passanten nicht aggressiv angegangen werden dürfen. em
 
 
Saarbrücker Zeitung, 15.05.2001
 
Scientology unter Beobachtung
Grünes Licht für Überwachung durch Saar-Verfassungsschutz
 
Saarlouis (wi). Das saarländische Landesamt für Verfassungsschutz darf die "Scientology-Kirche Deutschland" beobachten und hierbei nachrichtendienstliche Mittel einsetzen. Dies folgt aus einem Urteil des Verwaltungsgerichts Saarlouis, dessen Begründung seit gestern vorliegt. Darin stellen die Richter fest: Es gebe "tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass Scientology teilweise Ziele vertritt, die gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet sind". Auch wenn damit noch keine abschließende Feststellung über die Verfasssungsfeindlichkeit der Organisation getroffen werde, sei es verhältnismäßig, sie durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen.
 
Scientology hatte gegen die Überwachung geklagt und betont, dass sie als Religionsgemeinschaft unter dem Schutz von Grundgesetz und Europäischer Menschenrechtskonvention stehe. Ob dies stimmt oder nicht, ließen die Richter offen. Sie betonten: Auch eine Religionsgemeinschaft "muss sich - ausgehend vom Prinzip der wehrhaften Demokratie - bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen einer entsprechenden Beobachtung stellen". Scientology wird übrigens, seit einem Beschluss der deutschen Innenministerkonferenz vom 6. Juni 1997, in allen Bundesländern überwacht - bis auf Schleswig-Holstein, wo besonders hohe Hürden für solche Maßnahmen gelten.
 
 
Nürnberger Zeitung, 13.05.2001
 
250 Bürger in Kritik an Sekte vereint München: Demonstration im Gärtnerplatzviertel
 
MÜNCHEN (epd/kna). – Heftige Proteste von Anwohnern hat am Wochenende eine große Werbeveranstaltung der Scientology-Organisation in München hervorgerufen.
 
Vor den von den Scientologen angemieteten Ausstellungsräumen im citynahen Gärtnerplatzviertel versammelten sich bei drei angemeldeten Demonstrationen jeweils rund 250 Menschen, die die Werber mit Ausdrücken wie "Verbrecher" belegten. Laut Polizei sei es aber zu keinen Tätlichkeiten gekommen. Einzelne Protestierer seien auf Verlangen von Scientologen erkennungsdienstlich behandelt worden, da der Verdacht der Beleidigung bestehe, so der Einsatzleiter.
 
Die Demonstrationen waren von einer Initiative "Vereinigung der Geschäftsleute und Bewohner des Gärtnerplatzviertels" organisiert worden, die der auf drei Wochen terminierten Werbeveranstaltung der Sekte von Anfang an kritisch gegenüberstanden. "Einschüchterung, Unterdrückung und Erniedrigung von Menschen hat Deutschland schon einmal erlebt, so etwas wollen wir nie wieder erleben", erklärte einer der Initiatoren. Die dreiwöchige, als Drogen-Aufklärung deklarierte Veranstaltung sei die vierte dieser Art in München binnen drei Jahren, so der Sektenexperte der Landeskirche Rudolf Forstmeier.
 
Kein Schadenersatz
 
Das Landgericht München I hat nahezu zeitgleich die Schadenersatzklage einer EDV-Firma gegen die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern abgewiesen. Wie die Kirche am Wochenende in München mitteilte, hatte die Firma EDV für Sie Efs Elektronische Datenverarbeitung, die der Würzburger Gruppierung "Universelles Leben" (UL) zugerechnet wird, "mindestens" eine Million Mark Schadenersatz geltend gemacht. Dabei ging es um kritische Äußerungen des evangelischen bayerischen Sektenbeauftragten Wolfgang Behnk über den "Christusbetrieb" Efs. Das Landgericht wertete dies als zulässige Meinungsäußerung. Der Sektenbeauftragte und die Zeitung hätten lediglich von einer denkbaren Gefahr gesprochen und keinen tatsächlichen Missbrauch unterstellt. Bereits im Sommer des vergangenen Jahres war die EDV-Firma vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof mit einer Unterlassungsklage gegen Behnks Äußerungen gescheitert.
 
 
Süddeutsche Zeitung 12.05.2001, Claudia Fischer
 
"Vorsicht, schicke Sekte"
Demonstration gegen Scientology verläuft friedlich
 
Mit einem Pfeifkonzert und Buh-Rufen haben gestern Nachmittag rund 200 Anwohner und Geschäftsleute aus dem Gärtnerplatzviertel ihrem Ärger über die Scientology-Ausstellung am Reichenbachplatz Luft gemacht. Ansässige Geschäftsleute und der Bezirksausschuss hatten die Demonstration kurzfristig organisiert. Die Sekte war mit ihrer Ausstellung "Besser leben ohne Drogen", die seit einer Woche im Rosipal-Haus zu sehen ist, und ihrer offensiven Straßenwerbung bei Anwohnern und Passanten in die Kritik geraten (wir berichteten).
 
Aufgebrachte BürgerDie Demonstranten hatten sich auf vier Gehwegnasen des Reichenbachplatzes aufgestellt und überließen den Scientology-Anhängern so nur noch den Platz unmittelbar vor dem Rosipal-Haus. Während die aufgebrachten Bürger mit Trillerpfeifen, Sirenen und allen Arten von klappernden Instrumenten für ohrenbetäubenden Lärm sorgten, trugen die Sektenmitglieder offenkundig gute Laune zur Schau: Sie spielten lauten Rock ’n’ Roll vor dem Eingang zu den Ausstellungsräumen und tanzten dazu, umzingelt von Anhängern der Gegenseite, die vermehrt auch den Platz vor der Ausstellung eroberten.
 
Auch Schlagerikone Petra Perle beteiligte sich an dem Protest und hielt ein Schild mit der Aufschrift "Vorsicht, schicke In-Sekte" hoch. Eine Demonstrantin, als Pappkarton verkleidet, trug die Aufschrift "Wachsamkeit, Preis der Freiheit" zur Schau. Die Organisatoren der Demonstration, die Geschäftsleute Herta Rauch, Ralf Richter und George Bissinger, zeigten sich erfreut über den regen Zulauf: "Alle ansässigen Geschäftsleute sind gekommen!" Aus Sicht der Polizei verlief die Demonstration friedlich und ohne Zwischenfälle. Sieben Beamten waren im Einsatz.
 
 
Süddeutsche Zeitung 11.05.2001, Claudia Fischer
 
Unerwünschte Jünger
Geschäftsleute protestieren gegen die Scientology-Ausstellung am Reichenbachplatz
 
Eine freundliche Szene am Reichenbachplatz vor der Buttermelcherstraße 1: Drei mit Anzügen bekleidete Herren verteilen Rosen an die Damen, blaue Luftballons an die Kinder. Freundlich wünschen sie Vorbeigehenden einen schönen Tag. Die junge Mutter, die mit ihrem Kinderwagen stehengeblieben ist und lautstark mit einer gepflegten Dame im dunklen Kostüm diskutiert, wirkt nicht so, als sei sie in umgänglicher Stimmung. "Ich will nicht, dass Sie Kinder ansprechen und ihnen Luftballons in die Hand drücken! Ich habe gesehen, dass das vorgekommen ist." Die Angesprochene, es handelt sich um Sabine Weber, Vizepräsidentin der Scientology Kirche Deutschland, hat volles Verständnis: "Ich werde dafür sorgen, dass es nicht wieder vorkommt," verspricht sie.
 
Anja Schultes ist die Einzige, die an diesem sonnigen Donnerstagvormittag ihrem Ärger über die umstrittene Scientology-Ausstellung "Besser leben ohne Drogen" im Rosipal-Haus am Reichenbachplatz so deutlich Luft macht. Andere Passanten grummeln eher im Verborgenen. Gerd Richter, der gerade vor der Bushaltestelle gegenüber steht, findet die Ausstellung lediglich nicht sehr gut, weil seiner Ansicht nach die Scientology- Organisation selbst das ist, wogegen sie hier wettert: eine Droge. Streitbarer äußert sich da schon eine weitere Mutter mit kleinem Kind aus dem Gärtnerplatzviertel: "Ich finde es unmöglich, dass die die Kinder mit Luftballons und Rosen ködern!" Juliana Previcz, ebenfalls eine Gärtnerplatzanwohnerin, ist sich sicher, dass sie, wenn sie ein Kind hätte, diesem keinen Scientology-Luftballon besorgen würde. Auch Olga Meier hat sich aus Prinzip keine Rose geben lassen. Sie weiß gar nicht, "wieso die überhaupt die Genehmigung haben, auf der Straße so etwas zu verteilen."
 
Die Geschäftsleute am Reichenbachplatz sind nicht amüsiert ob der Umtriebe, die vor ihrer Haustür stattfinden. Gemeinsam mit dem Bezirksausschuss haben sie eine Gegendemonstration initiiert, die heute um 14 Uhr am Reichenbachplatz stattfinden wird. Herta Rauch, seit 27 Jahren mit ihrer Änderungsschneiderei hier ansässig, hat in ihrem Laden stapelweise kopierte Zettel mit dem Aufruf zur Gegendemonstration ausgelegt. Johanna Wallner-Wiener vom "Cafe Wiener" in der Reichenbachstraße hat schon ihre eigenen Erfahrungen gemacht mit Scientology: "Wir sind von denen schon durchs Fenster fotografiert worden," erzählt sie. Josef Sattler, Geschäftsführer und Inhaber des Restaurants "Deutsche Eiche" in der Reichenbachstraße hätte, wäre es nach ihm gegangen, nicht so viel Wind um die ganze Sache gemacht. "So wie das jetzt aufgebauscht wurde, ist es doch für Scientology ein einziger großer PR-Gag !"
 
 
Süddeutsche Zeitung, 3.5.2001, kast
 
Wirbel um Scientology-Ausstellung
Der Aufwand für die Kampagne ist enorm: Mit einer eigenen Ausstellung unter dem Titel "Was ist Scientology?" wirbt die umstrittene Organisation für ihre Ziele und, als Schwerpunkt, ihren Weg der Drogenbekämpfung. 25 Tonnen Material wurden für die Schau angekarrt, die morgen um 13.30 Uhr auf 800 Quadratmetern Fläche in einem Auktionshaus am Reichenbachplatz 11 im Beisein der Hollywood-Schauspielerin Anne Archer ("Eine verhängnisvolle Affäre") eröffnet wird. Bis zum 18. Mai wird die Ausstellung in München bleiben; zuvor war sie in Stuttgart, wo sie Scientology-Angaben zufolge rund 12'000 Besucher gesehen haben sollen.
 
Einigen Wirbel gibt es um die englische Band "Jive Aces", die die Kampagne quer durch Europa begleitet und auch zur Ausstellungseröffnung in München spielen wird. Für die nächsten zwei Wochen hat die Band sieben weitere Auftritte gebucht – allerdings wüssten die meisten Club-Betreiber wohl nicht, wer da bei ihnen auf die Bühne wolle, wie "Jazzbar Vogler"-Wirt Thomas Vogler klagt. Zwar werben "Jive Aces" auf ihrer Homepage offen für die so genannte "Church of Scientology International", an den Bewerbungsunterlagen für die Club-Betreiber lasse sich die Verbindung aber gar nicht erkennen. "Da kommt Scientology nicht vor." Vogler hat deshalb seine Kollegen per E-Mail informiert, "denn es ist das gute Recht eines jeden zu erfahren, dass man mit dem Besuch eines Konzerts nicht nur den Club und die Band, sondern in diesem Fall Scientology unterstützt".
 
 
Neue Ruhr Zeitung, 02.05.2001, Susanne Storck
 
Wenn die Firma wie eine Sekte wirkt
 
"Gehört diese Firma zu Scientology?" Diese Frage bekamen die Berater des Sekten-Info in 2000 oft gestellt. Auffällig sei die Zunahme der Anfragen (insgesamt 112) zu Unternehmen, die lukrative Nebenverdienste oder Vollzeitjobs anbieten. Das Sekten-Info macht deshalb erstmals in seinem Jahrebericht auf die Arbeit von Firmen aufmerksam, die mit schnellem Reichtum durch Nebenjobs locken.
 
Meist sei dem Anruf beim Sekten-Info ein Vorstellungsgespräch oder die Teilnahme an einem Seminar in der Firma vorausgegangen, was bei den Betroffenen Verwunderung und Verunsicherung ausgelöst habe, so Sekten-Info-Chefin Heide-Marie Cammans. "Zum Beispiel fällt in der Regel ein uniformiert wirkender Kleidungsstil der Mitarbeiter auf" und deren "merkwürdig einheitliches Verhalten". Eine Bewerberin habe in ihrer Schilderung von "Inszenierung" gesprochen. Und "manchmal sind die Anrufer wütend darüber, wie aggressiv der Traum vom schnellen Reichtum und Erfolg suggeriert wurde", berichtet Heide-Marie Cammans, die bei ihrem Besuch einer Essener Firma (Strukturvertrieb) im vergangenen Jahr "sektoide Züge" feststellte.
 
Heide-Marie Cammans verweist auf die Enquetekommission des Deutschen Bundestages, die sich 1996 bis 1998 mit den Gebaren von Strukturvertrieben befasst hat. Während für seriöse Franchise-Unternehmen Lizenzverträge mit klaren rechtlichen Vereinbarungen, überschaubare Betriebsformen und Arbeitsweisen charakteristisch seien, fielen Strukturvertriebe durch Unübersichtlichkeit, fehlenden Vertragsschutz und hohes finanzielles Risiko für die Mitarbeiter auf.
 
Firmeneigene Schulungen vergleicht Cammans mit "Power-Seminaren des ,Positiven Denkens´". Es gelte die Formel: durch positives Denken eine erfolgreiche Wirklichkeit schaffen". Etwa mit Hilfe von Schneeball-Gewinnspielen, durch die hierarchisch gestufte Verkäuferketten entstehen. Die Einbindung in die neue Firma und die Einschwörung auf deren Ideologie ließe den Mitarbeiter oft gar keine Freizeit mehr. "Der Betrieb kann zur Ersatzfamilie werden", sagt Heide-Marie Cammans. "Da keine Gelegenheit ausgelassen werden darf, um Produkte zu verkaufen und neue Mitarbeiter zu gewinnen, wird das soziale Umfeld über alle Gebühr strapaziert." Schleichende Isolation des Mitarbeiters kann die Folge sein. Bei der Beurteilung der Führung eines Strukturvertriebs geht es um die Frage der Manipulation, "die schwer zu definieren ist".
 
 
Esslinger Zeitung, 25.04.2001
 
Ebis warnt vor Scientology
 
Unter der Schlagzeile "Ein drogenfreies Leben" verteilt die Scientology-Sekte derzeit an Haushalte in Nürtingen und Umgebung Einladungen zu einer Ausstellung in Stuttgart. Die Eltern-Betroffenen-Initiative Ebis warnt vor einem Besuch der Ausstellung dieser Sekte. Die Ausstellung diene vorgeblich dem Kampf gegen Drogen, unter diesem Deckmantel solle aber insbesondere die Zugangsschwelle zur gefährlichen Scientology-Sekte gemindert werden, teilt die Ebis mit. Seit vielen Jahren verbinde die Sekte ihre so genannte "Anti-Drogen-Kampagne" mit offensiver Mitgliederwerbung. Über die Gefährlichkeit der Scientology-Sekte informiert die Vorsitzende der Ebis, Liselotte Wenzelburger-Mack aus Großbettlingen, 0 70 22 / 4 24 11, + Fax 0 70 22 / 4 75 59.
 
 
St. Galler Tagblatt AG, 24.4.2001, Jolanda Spirig
 
«Multikulti» in Glaubensdingen
Zahlreiche religiöse Gruppierungen profitieren von einem Klima vermeintlicher Religionstoleranz
 
Freikirchen haben in Altstätten einen grosszügigen Jugendtreff eröffnet. Die Warnungen der Sektenkritikerin Elsbeth Bates und des Beauftragten für neureligiöse Bewegungen, Joachim Müller, provozierten empörte Leserbriefe. Missioniert werde in allen Lebensbereichen, meinte Urs Noser, der Diakon der evangelischen Kirchgemeinde Altstätten. Was im Jugendtreff Genesis ablaufe, sei nicht bedrohlicher als in der Politik, wo auch missioniert werde. Inzwischen organisieren die evangelische Kirchgemeinde und Genesis gemeinsame Anlässe. Der Sektenspezialist Hugo Stamm äussert sich über die Hintergründe dieser neuen Entwicklungen.
 
Hugo Stamm, ist die Zeit der Aufklärung vorbei ?
 
Hugo Stamm : Ja, eine Gegenbewegung ist im Gang. Nach den Sonnentempler-Dramen, den Anschlägen der Aum-Sekte, der Kampagne gegen Scientology haben viele Gruppen heftig zurückgeschlagen. Ausserdem hat eine gewisse Übersättigung in der Öffentlichkeit zu einer indifferenten Haltung geführt. Die meisten Gruppierung haben nun mehr Freiraum. Sie haben sich angepasst und nach aussen hin die Angriffsfläche verkleinert, gleichzeitig aber den mentalen Druck auf ihre Mitglieder beibehalten. Dieses Klima vermeintlicher Religionstoleranz führt letztlich zu einer Akzeptanz extremer Heilsvorstellungen. Es ist eine Art Schonraum entstanden, der auch damit zu tun hat, dass der Staatsschutzbericht im Bereich Sekten sehr large ausgefallen ist.
 
Sind nach der Jahrtausendwende zumindest die Endzeitszenarien vom Tisch ?
 
Stamm : Die Entwarnung findet nur in der öffentlichen Wahrnehmung statt; innerhalb der meisten Gruppierungen grassiert das Endzeitfieber nach wie vor. Es gibt rund tausend vereinnahmende Sekten, Kulte und Sondergemeinschaften, von denen viele Endzeitvorstellungen haben. Mit Ausnahme von Uriella nennen sie aber keine konkreten Daten. Sowohl christliche Fundamentalisten wie Esoteriker sprechen von heiklen Phasen, geben sich aber nach aussen hin zurückhaltend.
 
Sie betreiben seit 1974 Aufklärungsarbeit. Was haben Sie erreicht ?
 
Stamm : Ich brauche einen grossen Teil meiner Arbeitszeit für Beratungen. Im individuellen Bereich ist der Erfolg gelegentlich messbar, und im Öffentlichkeitsbereich hat es eine Zeitlang sehr gut ausgesehen. Mitte der 90er-Jahre war die Sensibilisierung deutlich spürbar. Diese ist in den letzten zwei Jahren einer gewissen Gleichgültigkeit gewichen. Dennoch ist der Informationsstand in der Bevölkerung wesentlich besser als früher. Angehörige erkennen heute rascher, wenn jemand aus der Familie in eine Gruppierung abzurutschen droht. Leider sind im politischen Bereich klare Rückschritte zu verzeichnen.
 
Was hatten Sie sich von der Politik erhofft ?
 
Stamm : Ich bin gegen jede Form von Verboten, hatte mir aber erhofft, dass Politikerinnen und Politiker den Mut aufbrächten, die Aufklärungsarbeit mit klaren Signalen zu fördern. Doch sie haben weder vor vereinnahmenden Gruppierungen gewarnt, noch haben sie Öffentlichkeitskampagnen und Beratungsstellen unterstützt.
 
Wer aufklärt, bekommt eine Menge Ärger. Welchen Preis zahlen Sie für Ihr Engagement ?
 
Stamm : Viel Arbeit, laufend Strafanzeigen, Klagen, Eingaben beim Presserat, Repressionen, Anfeindungen. Es ist eine Frage der Gewohnheit und der Energie. Die Gruppierungen haben alles probiert, um mich zu bremsen und mundtot zu machen, aber ich habe nicht im Sinn, diesem Druck nachzugeben. Öffentliche Sensibilisierung ist weiterhin nötig, gerade jetzt in dieser Phase der «Multikulti»-Toleranz gegenüber extremen Heilsvorstellungen.
 
Hat sich Ihre Einschätzung der totalitären Gruppen im Laufe der Zeit verändert ?
 
Stamm : Ich sehe heute vermehrt, dass alle Mitglieder selber Opfer der Bewusst- seinskontrolle sind. Das hat mich etwas milder gestimmt. Für die Betroffenen schätze ich die Gefahr der Indoktrination nach wie vor gleich ein. Kein Pardon kenne ich jedoch gegenüber dem System, den Tätern, den Gurus, Sektenführern und Gründern.
 
Sektenkritikern wird zuweilen vorgeworfen, sie verfolgten gewisse Glaubensgemeinschaften mit demselben Fanatismus, den sie innerhalb dieser Gemeinschaften anprangern. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf ?
 
Stamm : Wenn man sich in einem extremen Feld bewegt, besteht durchaus die Gefahr einer gewissen Betriebsblindheit. Ich selbst bemühe mich seit vielen Jahren um sachliche, professionelle Distanz zum Thema, was nicht heisst, dass ich in meinen Vorträgen nicht Klartext rede. Ich könnte diese Arbeit nicht auf seriöse Art machen, wenn ich emotional verstrickt wäre. Ausserdem habe ich sämtliche Klagen und Anzeigen schadlos überstanden, was beweist, dass meine Arbeit sachlichen Kriterien standhält.
 
Was suchen die Menschen, wenn sie totalitären Gruppen beitreten ?
 
Stamm : Sie suchen in erster Linie Geborgenheit, Sicherheit, sozialen Anschluss und ein Rezept gegen Todesängste. Totalitäre Gruppierungen sind eine scheinbare Versicherung gegen sämtliche Probleme, die es in diesem und in einem allfälligen nächsten Leben geben soll. Verzweifelte Menschen sehen darin einen Rettungsanker.
 
Was machen vereinnahmende Gruppierungen mit diesen Menschen ?
 
Stamm : Es geht in erster Linie darum, die eigene Individualität und den kritischen Verstand abzugeben und die eigenen Interessen den kollektiven Bedürfnissen unterzuordnen. Ziel ist ein uniformes Denken, totale Verfügbarkeit und kritiklose Akzeptanz der Führungspersonen.
 
Wie soll man reagieren, wenn Angehörige, Freunde oder Freundinnen plötzlich in totalitären Gruppen verkehren ?
 
Stamm : Das Wichtigste ist, Ruhe zu bewahren und sie keinem moralischen Druck auszusetzen. Sonst fühlen sich diese Menschen gezwungen, die Gruppe zu verteidigen. Sie übernehmen ihre Argumente und verstärken damit ihre Autosuggestion. Es gibt nichts anderes, als sich rasch über die Gruppe zu informieren und mit Hilfe von Fachkräften eine Strategie zu entwickeln. Die Erfahrungen zeigen, dass man es meist zu spät bemerkt. Nach mehreren Wochen oder Monaten ist die Bewusstseinskontrolle bereits so weit fortgeschritten, dass man kurzfristig nichts mehr ausrichten kann. Von daher ist Aufklärung so wichtig.
 

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