Der Landbote, 2.10.2001 BILDUNGSDIREKTION ERTEILT BEWILLIGUNG
 
Zweite Scientology-Schule
 
Die Bildungsdirektion hat einer Privatlehrerin und Scientologin die Bewilligung zur Führung einer privaten Primarschule erteilt.
 
Es ist dies bereits die zweite von Scientologen betriebene Schule in Zürich. Robert Steinegger von der Bildungsdirektion bestätigte auf Anfrage eine entsprechende Mitteilung der Schulleiterin Annelise Rothen vom Montag. Die Schule soll nach den Herbstferien ihren Betrieb mit 20 Schulkindern aller sechs Primarschulstufen aufnehmen. Den Unterricht bestreiten Rothen und eine weitere Lehrerin. Die beiden Frauen unterrichten bereits seit einigen Jahren privat. Ihre Lehrertätigkeit sei mehrmals begutachtet worden und habe zu keinerlei Beanstandungen Anlass gegeben, sagte Steinegger. Im Mai 2000 hat die Bildungsdirektion bereits eine Bewilligung für eine nach den Scientology-Grundsätzen geführte Schule erteilt. Laut Steinegger hat man nach denselben, in der damaligen Grundsatzdiskussion aufgestellten Kriterien für die Bewilligung entschieden.
 

 
Wirtschafts-Woche Wirtschaft, 21.9.2001
 
Scientologe: Au-pair-Mädchen-Vermittllung verboten
 
Ein Bekenntnis zu den Lehren des Scientology-Gründers Ron Hubbard ist nicht mit einer Tätigkeit als Arbeitsvermittlerin vereinbar.
 
Das entschied der erste Senat des Landessozialgerichtes Rheinland-Pfalz in Mainz. In der Urteilsbegründung hieß es, zwar genüge die bloße Mitgliedschaft bei den Scientologen nicht für eine Aufhebung der Arbeitserlaubnis. Der Klägerin, der die Bundesanstalt für Arbeit (BfA) die Arbeitserlaubnis entzogen hatte, fehle aber wegen ihrer tiefen Durchdringung mit den Lehren Hubbards die für ihre Arbeit erforderliche Zuverlässigkeit.
 
Die BfA hatte der 45-jährigen Klägerin die zunächst erteilte Arbeitserlaubnis wieder entzogen, nachdem sie aus Presseberichten von deren Mitgliedschaft bei Scientology erfahren hatte. Die ehemalige Masseurin und Bademeisterin hatte seit 1994 meist aus Estland stammende Au-pair-Mädchen an deutsche Gastfamilien vermittelt.
 
Der Vorsitzende Richter Ralf Bartz führte in der Urteilsbegründung aus, das Gericht habe der Klägerin vor allem angelastet, dass sie zwischen sechs und zehn Prozent der Au-pair-Mädchen an Scientologen vermittelt hatte, ohne die Mädchen hierauf hinzuweisen. Die fehlende Belehrung sah das Gericht auf Grund des geringen Alters und der mangelnden Sprachkenntnisse der Au-pair-Mädchen als besonders problematisch an.
 
Die Klägerin, die unter Scientologen den Rang einer Auditorin der Klasse fünf bekleidet, bekenne sich insgesamt zu den Lehren Hubbards und sei von diesen tief durchdrungen. Im Zweifelsfall werde sie stets dem Worte Hubbards und nicht dem geltenden Recht folgen. Dies decke sich aber nicht mit den Anforderungen der von der Klägerin betriebenen Arbeitsvermittlung.
 
Bartz stützte seine Urteilsbegründung auf die umfangreiche Anhörung der Klägerin, bei der diese zu diversen Zitaten von Ron Hubbard Stellung nehmen musste. Die Anhörung war erforderlich geworden, nachdem das Bundessozialgericht den Rechtsstreit mit einem entsprechenden Auftrag an das Landessozialgericht zurückverwiesen hatte. Das oberste Sozialgericht hatte bemängelt, dass allein aus einer Mitgliedschaft bei Scientology nicht auf die Unzuverlässigkeit der Klägerin geschlossen werden dürfe, sondern die Gesamtpersönlichkeit der Klägerin zu berücksichtigen sei.
 
Das Gericht ließ eine Revision gegen das Urteil nicht zu, da der Rechtsstreit keine grundsätzliche Bedeutung habe. Die Klägerin kann gegen diese Entscheidung aber noch eine Beschwerde einlegen.
 

 
Tagesspiegel, 20.9.2001, Gabriele Renz
 
Heilsbringer im Trümmerfeld
Sekten-Anhänger treten in New York als Helfer auf
 
Auf dem Pressefax liest es sich wie eine Erfolgsstory: "Ehrenamtliche Geistliche (...) geben hilfsbedürftigen Personen im Katastrophenzentrum Beistände, bis es ihnen wieder gut geht. Anschließend zeigen sie ihnen, wie auch sie anderen mit Beiständen helfen können. So wird die Zahl von qualifizierten Helfern immer größer", vermeldet "Scientology". Es folgt die Schilderung einer hollywoodreifen Erweckungsszene, in der ein kraftloser Feuerwehrmann nach einem "Beistand" durch Scientology-Mitglieder die Suche nach dem vermissten Bruder fortsetzen konnte. Die "touch assists", eine Art berührungsloses Handauflegen, sind unterfüttert durch das Verteilen der Broschüre "Der Weg zum Glücklichsein", eine unaggressive, softe PR-Schrift der "Scientologen". Die Organisation rühmt sich der Erlaubnis, neben Polizei, Feuerwehr und den Mitarbeitern des Roten Kreuzes in den abgeschirmten Bereich rund um "das Katastrophenzentrum des World Trade Center" zu dürfen.
 
450 sollen laut eigener Auskunft derzeit dort aktiv sein. Der deutsche Verfassungsschutz zeigt sich wenig überrascht darüber, dass die Organisation in dieser "angespannten Situation" tätig wird. Stuttgarts Referatsleiter Klaus-Dieter Schiemann sagt, man dürfe sich wohl die Frage stellen, "ob das die Hilfe ist, die die Helfer brauchen, die permanent Leichenteile aus den Trümmerbergen herausziehen". Ganz typisch ist für Schiemann die Ausgangslage, in der "Scientology" tätig wird: "Eine Situation von Angst und Unsicherheit". Labile und verunsicherte Menschen brächte das in große Schwierigkeiten. Denn, dass die Sekte natürlich nur scientologische Erklärungsmuster biete, sei klar. Kenner der Szene sind empört. Hier werde "schamlos eine Gelegenheit ausgenutzt", sagt der Berliner Scientology-Kritiker Tilman Hausherr. Schon kurz nach den Attentaten hatte die Organisation per E-Mail Mitglieder, aber auch Nichtmitglieder zu Spenden aufgerufen. Das Gleiche, so Hausherr, habe sich bereits nach dem Bombenattentat in Oklahoma abgespielt. Dass in den USA öffentlich laut vor Betrügern gewarnt und "Scientology" ignoriert werde, findet Hausherr "unglaublich".
 
"Scientology" hält sich offenbar strategisch an die Menschen in Not - in New York an "Mitglieder der Feuerwehr, Polizei, Ärzte und Krankenschwestern" und "bildet sie aus". So vermeldet der baden-württembergische Ableger der Organisation, die "Dianetik-Hotline" sei vom US-Fernsehsender Fox eingeblendet worden. Was nicht gesagt wird: Sie hatte sich unter dem Namen "National Mental Health Assistance" dort per e-mail gemeldet. "Die Krisen-Hotline ist jetzt geschaltet", wurde kurz mitgeteilt. Ein Verweis auf Scientology fehlte. Doch wer anrief, landete eben dort. Am Telefon wurde, berichtet die "St. Petersburg Times", eine Gratis-Publikation, basierend auf dem Werk L. Ron Hubbards angeboten. Fox TV, das sich inzwischen für die unzureichende Recherche entschuldigt hat, ließ die "Scientology"-Nummer "800-FOR-TRUTH" stundenlang am unteren Bildrand laufen - während die Bilder von Präsident Bush und Gattin Laura bei einer Trauerfeier gezeigt wurden. Kurt Weiland, "Scientology"-Sprecher in Los Angeles distanzierte sich. Er wies die Verantwortung dem Sender zu, bestätigte jedoch die 450 "volunteers" im Sperrbezirk.
 
Der Chef der (wirklichen) nationalen Gesundheitsvereinigung in den USA, Michael Faenza, warnte, "Scientology" sei die allerletzte Organisation, die emotional angegriffene Menschen anrufen sollten. Deren derzeitiges Vorgehen nannte er "abscheulich" und bat die Organisation, "dringend, sich aus der psychologischen Betreuung rauszuhalten". Scientology-Kritiker Hausherr findet es schlicht "ekelhaft", dass "sie es tatsächlich wieder geschafft haben". Bis heute stehen die Scientology-"Volunteers" in ihren leuchtend gelben T-Shirts in Manhattans Trümmerfeld. Und brüsten sich in anderen "mailings" damit, andere "echte" Psychologen an der Arbeit gehindert zu haben.
 

 
Tagblatt der Südtiroler Dolomiten, 30.08.2001
 
Von der Sucht in die Abhängigkeit
Psychosekte Scientology wirbt für Drogentherapie - Keine Beiträge von Sanitätsdienst
 
Bozen (rc) - Mit dem Versprechen, jeden Suchtkranken heilen zu können, werben so genannte "Therapiegemeinschaften" auch in Südtirol um Patienten für ihre Einrichtungen in Süd- und Mittelitalien. Das böse Erwachen für die Familie kommt mit der Rechnung: Fünf Millionen Lire im Monat, die nicht von den Sanitätsdiensten getragen werden. Wer nicht bezahlt, muss sofort gehen; wer bezahlt, bleibt vielleicht für immer - in den Fängen der Psychosekte Scientology.
Die fraglichen Therapiezentren befinden sich in Süd- und Mittelitalien, das bekannteste in den Marken. Mit der "Dianetics"-Methode sollen Suchtkranke mit Erfolgsgarantie von der Droge entwöhnt werden. Die Patienten werden von einem "Betreuer" der "Klinik" sogar daheim abgeholt. Keine langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz, keine bürokratischen Rennereien: Auch einige Südtiroler Familien haben sich von diesen "Vorteilen" überzeugen lassen.
 
Ohne allerdings zu wissen, worauf sie sich eingelassen haben: Monatlich fünf Millionen Lire kostet die "Therapie", die nicht von der öffentlichen Hand finanziert wird, weil die Gemeinschaft nicht im Verzeichnis der konventionierten Therapiegemeinschaften eingetragen ist. Dies hat auch zur Folge, dass ihre Methoden von keiner öffentlichen Stelle kontrolliert werden.
 
Der Sanitätsbetrieb Bozen weist in einer Aussendung darauf hin, dass diese Strukturen meistens auch keine Projekte für die Wiedereingliederung vorsehen, wie z. B. Hilfestellung bei der Arbeits- und Wohnungssuche.
 
Ganz im Gegenteil: Sobald die monatliche Rechnung für die "Therapie" nicht mehr bezahlt wird, muss der Patient seine Koffer packen.
 
Übrigens: Laut Elio Dell'Antonio, Primar der Dienstes für Abhängigkeitserkrankungen, weise die "Dianetics"-Methode dieselbe Quote an Heilungschancen auf wie die Therapiemethoden konventionierter Dienste.
 
Familien und Patienten sollten deshalb keine vorschnellen Entscheidungen treffen und sich Fachkräften anvertrauen, die mit den therapeutischen Strukturen ständig in Kontakt stehen und diese auch überwachen.
 

 
Stuttgarter Nachrichten, 21.07.2001
 
Kein Maulkorb für die Kritiker
UPS unterliegt vor Gericht
 
Berlin/Stuttgart (stn) - Im Berufungsverfahren gegen die Stuttgarter Verbraucherschutzorganisation Aktion Bildungs-Information e.V. (Abi) hat der weltweit größte Logistikkonzern United Parcel Service (UPS) vor dem Berliner Kammergericht eine Niederlage hinnehmen müssen.
 
Das Gericht folgte auch in zweiter Instanz den Ausführungen der Abi in allen Punkten. Wie bereits zuvor das Landgericht Berlin lehnte es das Kammergericht ab, der Abi zu verbieten, Verbindungen zwischen UPS und der Scientology-Organisation (SO) bekannt zu geben. Die Abi berichtete, in Pressemeldungen beweisbar, über UPS-Spenden an eine Tarnorganisation der SO, UPS- Zahlungen an Abgeordnete des amerikanischen Repräsentantenhauses und Lieferverträge zwischen Scientology und UPS. Darüber hinaus führe die Scientology-Organisation, Schulungsmaßnahmen mit UPS-Managern durch. In Folge der Auseinandersetzungen zwischen Abi, UPS und Scientology legten die Bundestagsabgeordneten Dr. Uwe Jens (SPD), Gunnar Uldall (CDU) und Rainer Funke (FDP) ihr Mandat im wissenschaftlichen Beirat von UPS nieder.
 

 
Tagesanzeiger 18.07.2001, Hugo Stamm
 
Die Scientologen ärgern am Paradeplatz
 
Seit Tagen veranstalten Dutzende von Scientologen in der Zürcher City eine Werbeaktion wie nie zuvor. Passanten und Geschäftsinhaber fühlen sich belästigt.
 
Seit die Scientologen ihr Zentrum an der Badenerstrasse aufgegeben und sich in Albisrieden eingenistet haben, ist es in Zürich um die Sekte relativ ruhig geworden. Doch seit ein paar Tagen veranstalten die Hubbard-Anhänger rund um den Paradeplatz einen PR-Wirbel wie nie zuvor. Es scheint, als hätten sie alle Kräfte gesammelt, um nun mit einer geballten Aktion auf Kundenfang zu gehen. Dutzende von Scientologen verteilen Rosen, Broschüren und Ballons, um dann die überraschten Passanten zum Besuch einer Ausstellung über Scientology in der alten Börse zu überreden. Ausserdem machen 125 grossformatige Plakate in Zürich auf die Scientology-Show aufmerksam.
 
Viele Anwohner und Geschäftsinhaber sind nicht erfreut, dass der Paradeplatz fest in der Hand der Scientologen ist. Bis spät in die Nacht bearbeiten sie die Passanten. "Es ist ätzend", sagte die Geschäftsführerin einer Boutique. "Viele Kunden fühlen sich belästigt. Mehrere riefen sogar ins Geschäft an und sagten, sie würden erst wieder in die Boutique kommen, wenn die Aktion der Scientologen vorbei sei."
 
Die Reklamationen von Anwohnern und Geschäftsinhabern trug teilweise Früchte. In den ersten Tagen seien die Scientologen sehr aggressiv gewesen, bestätigten mehrere Mitarbeiter der umliegenden Geschäfte. Die Interventionen der Betroffenen und auch der Polizei hätten aber dazu geführt, dass sich die Sektenanhänger mässigten. "Sie mussten das Plakat von der Hauswand nehmen und stellten die Musik leiser", sagte die Mitarbeiterin einer Boutique. Beobachtungen zeigen aber, dass einzelne Scientologen immer noch hart zur Sache gehen und gelegentlich Passanten am Arm packen, um sie "abschleppen" zu können. Ein Polizist, der am Dienstag auf der Bahnhofstrasse zufällig eine solche Szene beobachtete, hatte zuerst geglaubt, es handle sich um einen Trickdieb.
 
Die Scientologen sprechen die Passanten vor allem auf das Drogenproblem an und verteilen eine Broschüre mit dem Titel "Der Weg zu einem Leben ohne Drogen". Anwohner ärgern sich darüber, dass die Scientologen die Aufmerksamkeit der Passanten mit diesem aktuellen sozialen Thema erheischen. In der Ausstellung mit den 300 Schautafeln und Fotos geht es aber nicht nur um das Drogenproblem, sondern vor allem auch um die Sekte und die Verehrung des Scientology-Gründers Ron Hubbard. Als eine der Hauptattraktionen propagieren die Scientologen in den Ausstellungsprospekten den Hubbard-Elektro-Meter, der laut Scientology seelische Ladung messen soll, in Wirklichkeit aber eine Art Lügendetektor ist. Demonstrationen mit dem umstrittenen Gerät können ahnungslose Besucher durchaus beeindrucken. Laut Pressemitteilung lassen sich täglich rund 500 Passanten von den Scientologen in die Ausstellung locken.
 
Beim TA meldeten sich viele verärgerte Zürcher. Sie können nicht begreifen, dass die Scientologen die alte Börse, die dem Kanton gehört, mieten durften und ungehindert auf der Strasse Broschüren verteilen können. Die Sekte ist dem Vernehmen nach in Untermiete eines Nachtklubs.
 
Die Polizei klärt ab
 
Auch die Stadtpolizei hat viele Anrufe von erbosten Passanten bekommen. Zur rechtlichen Situation sagte ein Sprecher, das Verteilen von Rosen sei erlaubt. Wer hingegen eine Broschüre abgebe, brauche in der Regel eine Bewilligung. "Wir klären zurzeit ab, ob die Scientologen die Grenze des Erlaubten überschreiten", sagte er. Passanten, die sich belästigt fühlen, können eine Anzeige bei der Polizei erstatten. Allerdings müssen sie die Person bezeichnen können, von der sie sich bedrängt gefühlt haben, präzisierte der Polizeisprecher.
 
Zur Ausstellung gab es auch ein reiches Rahmenprogramm. So hielten die Scientologen auf dem Bürkliplatz einen öffentlichen Gottesdienst ab, eine Jazzband spielte auf der Rathausbrücke und der Pestalozzi-Wiese. Ausserdem veranstalteten die Scientologen täglich Demonstrationen, Vorträge und Podiumsgespräche. Die Aktion dauert noch bis zum kommenden Wochenende.
 

 
Der Spiegel, 09.07.2001, Marion Kraske (Teil 1)
 
K A M P F G E G E N S C I E N T O L O G Y
Der Krake schwächelt
 
Mitgliederschwund, finanzielle Probleme und kritische Gerichtsurteile - der deutschen Sektion der Scientology-Organisation geht es schlecht. Einen großen Anteil daran hat auch die Hamburger Arbeitsgruppe Scientology, die der Gruppierung seit knapp zehn Jahren Paroli bietet.
 
Hamburg - Rosen, Handzettel und ein eingefrorenes Lächeln - mit diesen Mitteln geht Scientology in einigen Städten wieder auf Mitglieder-Fang. Sie hat es wohl nötig. Denn entgegen anderslautender Propaganda scheint der Organisation die Puste auszugehen. "In Deutschland kriegen die keinen Fuß auf den Boden", bilanziert Ursula Caberta, Hamburgs Scientologybeauftragte, ihren jahrelangen Kampf gegen die Organisation.
 
Seit 1992 ist die ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete mit der Arbeitsgruppe Scientology im Auftrag der Innenbehörde im Einsatz. Mit beachtlichem Erfolg. Zahlreiche zahlungskräftige Mitglieder hätten die Organisation verlassen und wichtige Informationen geliefert, so Caberta. Und auch Scientology räumt ein, dass es einige Mitglieder gegeben hat, die "dem vielfältigen Druck" von außen "nicht auf Dauer Stand halten konnten". Andererseits habe man jedoch "viele Mitglieder" hinzugewinnen können - wie viele sagt die Organisation indes nicht. Auch nicht, wie sich die Mitgliederzahlen in den vergangenen Jahren entwickelt haben.
 
Das Anwerben neuer Mitglieder werde für den Psychokonzern immer schwerer, berichtet Caberta. "Die Bevölkerung ist heute bestens über deren Machenschaften informiert." Entwarnung will die Scientology-Gegnerin, die aufgrund ihres unnachgiebigen Einsatzes gegen die Organisation als rotes Tuch gilt, allerdings nicht geben. "Man darf sich bei der Truppe nicht in Sicherheit wiegen", betont sie. Der Konzern wolle nach wie vor die politische und wirtschaftliche Macht an sich reißen.
 
Ein Fall für den Verfassungsschutz
 
Anders als bei der starken Mutterorganisation in Amerika, die einen steuerbefreiten Status und damit zahlreiche Vorteile genießt, ist die Mitgliederzahl in Deutschland nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz, das die Organisation seit 1997 ins Visier nimmt, seit einigen Jahren leicht rückläufig. Insgesamt zählte Scientology danach im vergangenen Jahr bundesweit rund 5000 bis 6000 Mitglieder - die Organisation selbst behauptet, sie käme auf mehr als 30.000 Mitglieder. Das Ziel der Scientologen sei es, so die Verfassungsschützer, wichtige Schaltstellen zu besetzen und eine scientologische Gesellschaftsordnung zu gründen; im Gegenzug sollen im Grundgesetz verankerte Werte beseitigt werden.
 
Eines der wichtigsten Betätigungsfelder der totalitär durchstrukturierten Organisation ist der Immobiliensektor. Doch auch hier haben die Mitglieder es zunehmend schwerer. Während in den achtziger Jahren noch ein Drittel der in Eigentum umgewandelten Wohnungen durch Scientology vermittelt worden seien, ist der Anteil seitdem nach Einschätzung der Hamburger Arbeitsgruppe stark zurückgegangen.
 
Scientology und der Psycho-Boom
Momentan profitiert die Organisation von dem "unglaublich boomenden Psycho-Markt", so Caberta. In Zeiten von "Tschaka-tschaka-du-schaffst-es"-Gurus vom Schlage eines Jürgen Höller und Selbsterfahrungstrips inklusive Insekten-Würmer-Mahlzeiten für die ausgebrannte Manager-Seele setzen viele Firmen bei der Motivation ihrer Mitarbeiter zunehmend auf Kommunikationsseminare von externen Trainern.
 
"Hier ist Scientology sehr aktiv", berichtet Caberta. Mit Aus- und Fortbildungsseminaren werde sozusagen die "Einstiegsdroge" verabreicht, die Teilnehmer werden in scientologisches Denken und Handeln eingeführt. In den vergangenen Jahren wurden nach Erkenntnissen der Hamburger Arbeitsgruppe wesentlich mehr Mitglieder auf diesem Wege rekrutiert als beim üblichen "Anbaggern" auf der Straße.
 

 
Der Spiegel, 09.07.2001, Marion Kraske (Teil 2)
 
Die Geheimwaffe gegen Scientology
 
Hamburg - Tatsächlich ist es für Unternehmen schwierig, im breiten Psycho-Angebot zwischen harmlosen Anbietern und Scientology-Mitgliedern zu unterscheiden. Aus diesem Grund arbeitet die Hamburger Anti-Scientology-Crew eng mit den Handelskammern zusammen. Ihr Ziel: Der Wirtschaft zu helfen, sich vor den Infiltrationsversuchen der Scientologen zu schützen. Ein wichtiges Hilfsmittel ist dabei die so genannte Technologieerklärung, die Caberta und ihre Mannschaft entwickelt haben.
 
Darin müssen entweder Firmen oder aber Mitarbeiter und Seminarleiter erklären, dass sie die Technologien von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard ablehnen. "Für Scientologen eine echte Todsünde", erklärt Caberta. Die Leugnung Hubbards samt der von ihm propagierten Techniken werde als Schwerverbrechen angesehen, eine Unterzeichnung der Erklärung sei damit für Mitglieder nicht möglich. "Das funktioniert", berichtet Caberta nicht ohne Stolz in der Stimme. Ein wichtiges Einfallstor der Organisation werde so erheblich verkleinert. "Wir haben die damit ein Stück weit im Griff."
 
Und auch im Öffentlichen Dienst hat man inzwischen die Gefahr erkannt, die bei der Aus- und Weiterbildung lauert. Mit einer Schutzerklärung, die jeder Seminarleiter seit März dieses Jahres bundesweit für Schulungen im Staatsdienst unterschreiben muss, sollen Beamte vor der Ideologie der Scientologen geschützt werden - und mit ihnen der gesamte Öffentliche Dienst.
 
Scientologys Geheimdienst
 
Dass der Kampf gegen Scientology nicht ohne Folgen ist, hat Ursula Caberta am eigenen Leib erfahren. Seit Jahren werde sie vom Geheimdienst der Organisation bespitzelt. Anrufe bei Freunden und Bekannten oder gezielte Fragen bei Nachbarn seien jahrelang an der Tagesordnung gewesen, berichtet die Scientology-Gegnerin fast gelangweilt. "Für meinen Job muss man starke Nerven haben."
 
Vor dem Verwaltungsgericht des Saarlandes, das sich mit der Klage Scientologys gegen die Überwachung durch den saarländischen Verfassungsschutz befassen musste, hat ein Vertreter der Organisation die Verantwortung für eine "operative Maßnahme" gegen die Leiterin der Arbeitsgruppe abgelehnt. In ihrem Urteil vom 29. März 2001, mit dem die Klage abgewiesen wurde, stellte die Kammer jedoch fest, Scientology habe die Methoden zum Vorgehen gegenüber der Leiterin der Hamburger Arbeitsgruppe gerechtfertigt. Das Landesamt für Verfassungsschutz des Saarlandes formulierte deutlicher, was unter diesen Methoden zu verstehen ist, nämlich der "Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel".
 
Rücksichtloser Umgang mit Kritikern
 
Die "operative Maßnahme" gegenüber Caberta lässt Rückschlüsse auf die generelle Vorgehensweise der Organisation zu, die sich selbst gerne als Kirche oder Religionsgemeinschaft bezeichnet. Nach dem Urteil der saarländischen Richter, gegen das Scientology inzwischen Rechtsmittel eingelegt hat, kommt der Absolutheitsanspruch der Scientologen vor allem darin zum Ausdruck, dass gegenläufige oder andersartige Auffassungen eliminiert und totale Disziplin gefordert wird, vor allem aber auch im rücksichtlosen Umgang mit Kritikern.
 
Auch ein von der nordrhein-westfälischen Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten des Frankfurter Politikwissenschaftlers Hans-Gerd Jaschke kommt zu dem Schluss, dass Scientology "alle Merkmale einer totalitären Organisation und Weltanschauungsgemeinschaft" aufweist.
 
Aus ihren zahlreichen Gesprächen mit Aussteigern weiß Caberta, was damit gemeint ist. Es wird gedroht, Druck ausgeübt, eingeschüchtert. Genau mit diesem Mittel versucht die Organisation zurzeit ihre profilierteste Widersacherin in Deutschland mundtot zu machen. Der Vorwurf gegen Caberta lautet auf Bestechlichkeit und Vorteilsnahme, der Psycho-Konzern stellte deshalb Strafanzeige. Inzwischen ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft in dieser Angelegenheit. Scientology behauptet, bei einem Besuch in den USA habe die Leiterin der Hamburger Arbeitsgruppe von dem amerikanischen Geschäftsmann und bekannten Scientology-Gegner Bob Minton Geld angenommen. Caberta, die sich bis zum Abschluss der Ermittlungen nicht näher zu den Vorwürfen äußern will, sieht diese neuen Angriffe gegen sie als Teil der Gesamtstrategie Scientologys, unliebsame Kritiker zu torpedieren. Dazu gehöre auch eine Scientology-Petition bei der Hamburger Bürgerschaft mit dem Ziel, sie aus dem Amt zu entfernen.
 
Auch davon zeigt sich Caberta unbeeindruckt. Um gegen die Maßnahmen der Organisation vorgehen zu können, fordert sie für Deutschland gesetzliche Regelungen - ähnlich dem im Juni in Frankreich verabschiedeten so genannten Anti-Sektengesetz. "Psychische Körperverletzung muss auch bei uns strafrechtlich geahndet werden können", verlangt Caberta. Und: "Verantwortliche übergeordnete Organisationen sollen endlich für die Taten ihrer Mitglieder zur Verantwortung gezogen werden können."
 

 
Tagesanzeiger, 28.06.2001
 
Breitseite gegen Scientology
 
Der Berner Künstler Housi Knecht und Scientology haben von der Staatsanwaltschaft Basel eine Abfuhr erlitten.
 
Für die Staatsanwaltschaft Basel ist Scientology ein vertrauensunwürdiger, destruktiver, also zerstörerischer Kult. Ausserdem sprach der zuständige Strafverfolger der Sekte den Religionsstatus weit gehend ab. All dies und einiges mehr ist die Antwort auf eine Strafanzeige, die der bekannte Berner Künstler und Scientologe Housi Knecht gegen die Basler Grossrätin Susanne Haller eingereicht hatte.
Doch schön der Reihe nach. Knecht fühlte sich wegen seiner Mitgliedschaft bei Scientology diskriminiert. Er hatte für das Welt-Kinderfestival im letzten Jahr eine Skulptur geschaffen. Nachdem die Scientology-Kritikerin Susanne Haller dem Veranstalter signalisiert hatte, dass Knecht Scientologe ist, wurde er aber wieder ausgeladen. Dies wertete der Künstler als Verletzung der Rassismusnorm, weshalb er Haller anzeigte. Die Staatsanwaltschaft Basel schmetterte den Antrag nun aber ab. Scientologen fehle es an einer Beziehung zu Gott, was aber nötig sei, um im gesetzlichen Sinn als religiöse Gruppe zu gelten. Es gebe in der Lehre auch kein Dogma über die Existenz Gottes.
 
Weiter wirft die Staatsanwaltschaft die Frage auf, ob Scientology nicht "unter dem Deckmantel der Religionsgemeinschaft rein wirtschaftliche Interessen" verfolge. Sie bezieht sich dabei auf die aggressiven Werbe- und Verkaufsmethoden und die teuren Preise der Kurse.
 
"Scientology entbehrt ausserdem des Freiheitlichen", schreibt die Staatsanwaltschaft weiter. Intensive Beeinflussung und strikte Kontrollen prägten die Tätigkeit der Organisation. Wer die Anordnungen der Kaderleute versäume, begehe nach scientologischer Lehre ein Verbrechen. Wer sich öffentlich von Scientology abkehre, sogar ein Schwerverbrechen. Vieles in der Organisation deute auf Zwänge und psychische Abhängigkeiten hin.
 
Die Staatsanwaltschaft kritisiert auch den Umgang von Scientology mit Kritikern. Im Scientology-Buch "Ethik" heisse es, diese müssten sich achten, dass sie nicht in der Dunkelheit dumpf aufs Strassenpflaster klatschten oder "das ganze feindliche Lager als Geburtstagsüberraschung in riesigen Flammen" aufgehe.
 
Der Strafverfolger stützt sich weiter auf verschiedene Gerichtsurteile in der Schweiz und in Deutschland, in denen Scientology kritisch beurteilt würden. Die Organisation zeige eine "verfassungsfeindliche Bestrebung", sei gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet und ein "menschenverachtendes Kartell der Unterdrückung", urteilten die Gerichte.
 
In Basel bläst den Scientologen ohnehin ein steifer Wind ins Gesicht: Ein europaweit einzigartiges Gesetz verbietet den Kultanhängern, auf öffentlichem Grund aggressiv neue Mitglieder zu werben.

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