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Neue Zürcher Zeitung, 7.12.2001
 
Freisprüche für Scientologen in Spanien
 
Im ersten grossen Prozess gegen Anhänger der Scientology-Organisation in Spanien sind die 15 Angeklagten freigesprochen worden. Es sei nicht erwiesen, dass die Angeklagten eine kriminelle Vereinigung gebildet hätten, entschied ein Gericht in Madrid. Auch für die anderen Anklagepunkte wie die Vorwürfe der Gehirn- wäsche oder der Steuerhinterziehung gebe es keine Beweise. Die Staatsanwaltschaft hatte für die An- geklagten Haftstrafen zwischen drei Monaten und fünf Jahren sowie eine Auflösung der Organisation verlangt.
 
In der Anklageschrift war Scientology als eine «extrem gefährliche Organisation» bezeichnet worden, die mehr einer Sekte als einer Kirche gleiche. Das Gericht entschied jedoch, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die Angeklagten sich zusammengeschlossen hätten zu dem Zweck, Straftaten zu verüben.
 
Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich auch den Führer der Organisation, Heber Jentzsch, vor Gericht stellen wollen und für ihn 56 Jahre Haft gefordert. Der Amerikaner war jedoch nicht vor Gericht erschienen, weil die Behörden in den USA die Vorladungen nicht weitergeleitet hatten.
 
 
TAZ, 7.12.2001, Adrienne Woltersdorf
 
Neue Welt braucht keine Spitzel
Die Hauptstadt lässt die Scientologen vom Verfassungsschutz beobachten. Die selbst ernannte Kirche klagt dagegen
 
Die Rechtslage sei problematisch und die Beobachtung durch den Verfassungsschutz bewege sich in einer "rechtlichen Grauzone" kritisierte Georg Stoffel, Scientology-Sprecher aus München. Gemeinsam mit Ute Koch, Scientology-Präsidentin Berlin und den Müncher Anwälten der umstrittenen Religionsgemeinschaft war er am Donnerstag vor dem Berliner Verwaltungsgericht erschienen. Dort steht nun die hauptstädtische Überwachung der Organisation auf dem Prüfstand. Seit Jahren hätten die Verfassungsschützer keine bedenklichen Erkenntnisse liefern können, so Anwalt Wilhelm Blümel.
 
Als rechtlich unbedenklich erklärte hingegen Anwalt Friedhelm Hufen die Überwachung. Er vertritt die Berliner Innenverwaltung. "Es geht um den Schutz der Grundordnung" bekräftige Hufen, der in der Ron-Hubbard- Organisation Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen sieht. Außer in Schleswig-Holstein wird Scientology in allen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet. Hufen wies darauf hin, dass dort zumeist sogar "gravierende Anhaltspunkte" anerkannt würden.
 
Hintergrund der Klage ist, dass ein früherer Stasi-Spitzel als V-Mann des Verfassungsschutzes bei Sciento- logy eingeschleust worden war. Er lieferte falsche Informationen, auf deren Grundlage ein Berliner Polizei- direktor als Scientologe verdächtigt und vom Dienst suspendiert worden war. Der Fall führte zur Auflösung des eigenständigen Landesamtes für Verfassungsschutz und zur Eingliederung der Behörde in die Innenverwaltung.
 
Die weltweit agierende Organisation erhebt zudem den Vorwurf, dass einer ihrer Mitarbeiter mit Geld als Spitzel für den Verfassungsschutz geworben werden sollte.
 
Die klagende "Scientology Kirche Berlin e.V." hat laut Berliner Verfassungsschutzbericht des Jahres 2000 rund 200 Mitglieder. Bundesweit sollen es 5.000 bis 6.000 Mitglieder sein. Das streng hierarchisch strukturierte Kommandosystem der Scientologen arbeitet nach eigenen Angaben an einer "neuen Welt". Mitglieder würden dabei keinesfalls psychologisch unter Druck gesetzt. Georg Stoffel wies darauf hin, dass seine Organisation sich zum Grundgesetz klar bekenne. Seit 30 Jahren, seit ihrem Bestehen in Deutschland, habe es kein einziges Urteil gegen Scientology-Anhänger geben. Ein Urteil soll am kommenden Donnerstag verkündet werden.
 
 
Tagesspiegel, 7.12.200, Fatina Keilani
 
Verfassungsschützer vor Gericht
Scientology verklagte Berlin nach Beobachtung durch Geheimdienst
 
Vor dem Verwaltungsgericht ist am Donnerstag über die Überwachung der Scientology-Organisation durch den Berliner Verfassungschutz mündlich verhandelt worden. Scientology hatte das Land Berlin im Juli 1998 mit der Begründung verklagt, der Verfassungschutz habe die umstrittene Organisation, die sich selbst als Kirche versteht, in ihren Grundrechten verletzt.
 
Der Vorsitzende Richter der 27. Kammer, Neumann, schloss die mündliche Verhandlung am Nachmittag. Das Urteil wird am kommenden Donnerstag verkündet, schriftlich soll es frühestens Ende Januar vorliegen.
 
Hintergrund des Verfahrens ist der Fall des früheren Chefs des Polizei-Lagedienstes, Otto Dreksler, der 1998 in einem anonymen Brief beschuldigt wurde, Scientologe zu sein.
 
Quelle war ein V-Mann, den der Verfassungsschutz bei Scientology eingeschleust hatte und der dann selbst als früherer Stasi-Spitzel enttarnt wurde. Dreksler musste im Verlauf dieser Affäre gehen, wurde dann aber rehabilitiert. Der Verfassungsschutz war - wieder einmal - blamiert. Der Fall führte zur Auflösung des eigen- ständigen Landesamtes für Verfassungsschutz und zur Eingliederung der Behörde in die Innenverwaltung.
 
Noch größer würde diese Blamage jetzt, wenn das Gericht auch noch feststellen würde, dass die Beobachtung der Scientology-Organisation mit nachrichtendienstlichen Mitteln rechtswidrig ist. Das hängt vor allem davon ab, ob tatsächliche Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen bei Scientology vorliegen.
 
Die Kläger-Anwälte aus der Münchner Kanzlei Blümel trugen vor, Scientology sei eine Kirche, die keinerlei politische Programmatik habe, und auch eine Unterwanderung politischer Parteien oder des öffentlichen Dienstes sei nicht zu erkennen. Nicht ohne Grund habe Schleswig-Holstein darauf verzichtet, Scientology zu beobachten.
 
Der Verfahrensbevollmächtigte des Landes Berlin, Professor Friedhelm Hufen, trug dagegen vor, die Über- wachung sei rechtlich unbedenklich. Es gebe Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen bei der Organisation. Außerdem liege es in der Natur der Sache, dass die Ergebnisse erst am Ende der Beobachtung stünden - es gelte ja bei der Überwachung gerade herauszufinden, ob denn nun verfassungsfeindliche Bestrebungen existierten oder nicht.
 
Richter Neumann deutete allerdings an, die von Berlin vorgetragenen Anhaltspunkte seien auf einem alten Stand und nicht hinreichend gründlich aktualisiert worden. Für die Gerichtsentscheidung ist nämlich der Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung maßgebend - also der Zustand im Dezember 2001.
 
 
Berliner Zeitung, 6.12.2001, Julia Haak
 
Scientology klagt gegen Überwachung, Urteil am 13. Dezember
 
Mit der Überwachung der Scientology-Organisation durch den Berliner Verfassungsschutz beschäftigt sich seit Donnerstag das Verwaltungsgericht. Scientology hat das Land Berlin verklagt. Die Organisation wehrt sich gegen nachrichtendienstliche Ermittlungsmethoden. So soll dem Verfassungsschutz untersagt werden, Scientology-Mitgliedern Geld gegen Spitzeldienste zu zahlen. In einem konkreten Fall sollen Verfassungs- schützer einem Mitarbeiter der "Scientology Kirche Berlin" 5 000 Mark für Informationen angeboten haben.
 
Der Berliner Verfassungsschutz beobachtet den eingetragenen Verein seit 1997. Das geht zurück auf einen Beschluss der Bundesinnenministerkonferenz. Abgesehen von Schleswig-Holstein überwachen in allen Bundesländern Nachrichtendienste die Organisation. Der Berliner Ableger der "Scientology Kirche" hat laut Verfassungsschutzbericht etwa 200 Mitglieder, bundesweit sollen es 5'000 sein.
 
Vor Gericht ging es vor allem um die Frage, inwieweit eine Beobachtung gerechtfertigt ist. "Es gibt Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen", sagte Anwalt Friedhelm Hufen, der die Senat-
sinnenverwaltung vertritt. Als Beleg hatte die Behörde Zitate aus Schriften des Scientologygründers Ron Hubbard angeführt, die sich mit der Erschaffung einer neuen Weltordnung beschäftigen.
 
Scientology-Anwalt Wilhelm Blümel kritisierte die Zitate als "aus dem Zusammenhang gerissen". Die Kirche habe nicht das Ziel, ihr internes Rechtssystem auf den Staat zu übertragen und beachte die Gesetze des jeweiligen Landes, sagte er. Das Urteil soll am 13. Dezember gesprochen werden.
 
 
Vorarlberg Online, 29.11.2001
 
Scientology will belgischen Staat verklagen
 
Scientology will nach eigenen Angaben den belgischen Staat wegen eines parlamentarischen Berichtes verklagen, dem zufolge die Organisation als Sekte eingestuft wird.
 
Scientology, der in Belgien rund 2000 Mitglieder angehören, habe in einem Brüsseler Gericht Klage eingereicht und verlange als Schadenersatz die symbolische Summe von einem Euro, teilte die Organisation mit. Die Einstufung durch den parlamentarischen Bericht von 1997 verstoße gegen die europäische Menschenrechtskonvention, sagte Martin Weightman, zuständig für Menschrechte bei Scientology in Europa. Die erste Anhörung soll am 13. Dezember stattfinden. Die belgische Regierung äußerte sich zunächst nicht.
 
In dem Bericht hatte eine parlamentarische Kommission die Scientology-Organisation und 188 andere Organisationen als quasi-religiöse Sekten bezeichnet. Die Kommission war eingesetzt worden, nachdem im Dezember 1995 16 Anhänger des Sonnentempler-Ordens in Frankreich gestorben waren. Der Parlaments-Bericht sei dazu benutzt worden, um mehrfach Intoleranz und Diskriminierung gegen Scientologen zu entfachen, sagte Weightman. „Der Bericht...vergiftet die Gemeinschaft.“
 
Die Scientology-Kirche habe bereits vor zwei Jahren Beschwerde gegen Belgien bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) wegen angeblicher Diskriminierung gegen religiöse Minderheiten eingereicht, sagte Weightman. Die Beschwerde werde noch geprüft.
 
 
Tagblatt, 9.11.2001
 
Ökumenische Aktivwochen
 
Heute Freitag - Start ökumenische Aktivwochen, 20.00, Diskussion «Glück und Reichtum mit Scientology?», katholisches Pfarreizentrum Flawil, morgen Samstag - Chrabelfiir Special mit Mitagessen, 11.00, katholische Kirche und Pfarreizentrum Übermorgen Sonntag - Familienwanderung nach Niederglatt, 14.00, Treffpunkt Kirche Flawil Grosser ökumenischer Eröffnungsgottesdienst, 19.00, evangelische Kirche Feld.
 
Leipziger Volkszeitung, 8.11.2001
 
Infostelle zu Sekten in Leipzig droht der Ruin
Zu wenig Fördermittel
 
Leipzigs einzige Informations- und Beratungsstelle zum Thema Sekten und Kulte steht vor dem finanziellen Aus. Die Stadt hat der "Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängigkeit Sachsen e.V." (EBI) die Fördermittel um ein Drittel gekürzt. Damit kann der Verein seiner einzigen hauptamtlichen Mitarbeiterin Solveig Prass kein Gehalt mehr zahlen.
 
"Als wir im April unser zehnjähriges Bestehen feierten, haben wir schon befürchtet, dass die Grußworte zu Grabreden werden", sagt sie. Da die Fördermittel seit Jahren unter dem Mindestbedarf liegen, seien die Reserven restlos aufgebraucht. Selbst für Miete und Bürokosten reiche das Geld nicht.
 
"Dass ausgerechnet bei uns gespart wird, ist paradox", meint Solveig Prass, "schickt doch das Jugendamt alle Anfragen sofort an uns weiter, weil die Stadt selbst keine Sektenexperten hat."
 
Die Hauptarbeit der EBI liegt in der Recherche und Prävention. Solveig Prass hält Vorträge an Schulen und Universitäten, tauscht sich weltweit mit Sektenkennern aus, berät Lehrer, Firmen und nicht zuletzt die Stadt. Täglich landen etwa zwei Anfragen von besorgten Eltern und Freunden im EBI-Büro in der Lessingstraße 7.
 
Solveig Prass schätzt, dass in Leipzig etwa 70 bis 80 Sekten- und Kultgruppen aktiv sind. Nach der Wende errichteten die meisten Bewegungen Zentren in Leipzig, unter anderem Scientology, die Mun-Bewegung und die Krishna-Sekte. Seit einiger Zeit droht noch eine neue Gefahr: "Die Sekten haben jetzt das Internet für sich entdeckt. Jeder wird damit zum Ziel ihrer Werbung", befürchtet Solveig Prass. Sie warnt außerdem vor neuen Kulten: "Unseriöse Motivationstrainer und Wunderheiler siedeln sich an, die Satanismusszene und auch die ehemals unpolitische Gruftie-Szene wird vom Rechtsradikalismus unterwandert. "
 
Das Expertenwissen von Solveig Prass wird bundesweit geschätzt. Sogar der Deutsche Bundestag lädt sie als Insiderin zu Anhörungen ein.
 
 
Badische Zeitung, 8.11.2001, Birgit Degenhardt
Das Publikum am Ende aufgebracht
Streitgespräch in Lörrach über „Scientology“ offenbarte unterschiedliche Positionen
 
LÖRRACH. Sehr aufgebracht und am Ende wütend war das Publikum eines Streitgesprächs zum Thema „Scientology: Kirche oder Wirtschaftsunternehmen?“ am Dienstag im Saal der Brauereigaststätte Lasser. Erstmals trafen in Lörrach öffentlich vor erstaunlicherweise nur etwa dreißig Zuhörern beide Seiten auf-
einander: Für Scientology aus der Schweiz der Öffentlichkeitsbeauftragte Jürg Stettler und Hans-Jürgen Schmidt, evangelischer Pfarrer und Leiter der Evangelischen Tagungsstätte Beuggen.
 
Eine Welt ohne Krieg, Kriminalität und Wahnsinn sei das Ziel von Scientology, und der Mensch sei grund- sätzlich gut, erklärte Stettler. Scientologen glaubten an die Wiedergeburt. Wahr sei für einen Scientologen nur das, was er selbst beobachte. Warum sich Scientology als Kirche bezeichne, sei schlicht auf die Übersetzung aus dem Amerikanischen zurückzuführen, wo 1954 die erste „Church of Scientology“ gegründet worden sei. „Wie jede andere Religion am Anfang wird Scientology angegriffen“, sagte Stettler und verwahrte sich gegen die Bezeichnung als Sekte.
 
Hans-Jürgen Schmidt bezeichnete die „Scientology-Kirche“ als „Etikettenschwindel“. Ihn bewege diese Frage sehr, weil seit dem 11. September Menschen ein „verstärktes religiöses Vergewisserungsbedürfnis“ hätten und ein Etikettenschwindel jetzt gar nicht zu gebrauchen sei. Darunter versteht Schmidt auch zahllose „freie christliche Gemeinden“, die von sich behaupteten, die „wahre Kirche“ zu sein. „Kirche“ sei eine Religion, die sich auf Christus berufe – und keine „Profitorganisation“.
 
Grundlage der evangelischen Kirche sei die eigene Institutionskritik, es gebe keinen „zentralen Guru“. Er stellte die These auf, Scientology sei ein „nicht-religiöses Persönlichkeitsverbesserungsprogramm, das sich mit einem religiösen Mäntelchen umhüllt“, um steuerliche Vorteile zu erzielen. Gestritten wurde über die Herkunft des Wortes Kirche, über Mitgliederzahlen von Scientology, über Gerichtsurteile gegen und auch für Scientology. Extreme Positionen standen sich gegenüber: Jürg Stettler mit der Behauptung, nirgendwo würden Scientologen „absahnen“, alles sei „purer Idealismus“ und Scientology sei nicht unternehmerisch tätig.
 
Aus dem Publikum kamen – auch von ehemaligen Scientologen – Vorwürfe, die in Worten wie „alles Lüge“, „Mafia“, oder „Gehirnwäsche“ gipfelten. Auch der Religionswissenschaftler Christoph Peter Baumann, der für den religiös ungebundenen Verein „inforel“ aus Basel das Streitgespräch moderierte, konnte nicht schlichten. Ein „Gentleman-Agreement“ habe man in Basel erreicht, wonach Scientology „niemanden belästigt“, der die Löschung seiner Adresse fordere.
 
Baumann plädierte dafür, auch Andersdenkenden freie Meinungsäußerung zuzugestehen. Die Fronten scheinen längst verhärtet: Während der Scientologe Stettler den evangelischen Pfarrer Schmidt als „Vertreter der größten Sekte Deutschlands“ bezeichnete, fragte Schmidt provokativ, ob er aufgrund seiner Äußerungen von Scientology angezeigt würde.
 
 
Badische Zeitung, 31.10.2001
 
Streitgespräch zum Thema „Scientology“
 
LÖRRACH (BZ). Ein Streitgespräch zum Thema „Scientology: Kirche oder Wirtschaftsunternehmen?“ führen Jürg Stettler, Öffentlichkeitsbeauftragter von Scientology in der Schweiz, und der evangelische Pfarrer Hans-Jürgen Schmidt, Leiter der evangelischen Tagungs- und Begegnungsstätte Beuggen. Das Gespräch unter der Moderation von Christoph Peter Baumann, Religionswissenschaftler und Leiter der Informations- und Beratungsstelle Inforel in Basel, findet am Dienstag, 6. November, 19.30 Uhr, im Restaurant Lasser statt.
 
 
Freie Presse, 21.10.2001, Torsten Kohlschein
 
Zwickau: Wer wegen „Herrn F.“ da war, wurde enttäuscht
 
Scientology-Aussteiger Norbert Potthoff aus Krefeld spricht im Alten Gasometer - Wenig Neues zu lokalen Aktivitäten des Psycho-Konzerns
 
So voll wie am vergangenen Freitagabend ist der Alte Gasometer noch selten gewesen: Zwischen 250 und 300 Interessierte waren der Einladung des DGB-Kreisverbandes zum Zwickauer Gewerkschaftsgespräch gefolgt, zum, wie DGB-Kreischef Werner Schuh es eingangs formulierte, „Lieblingsthema“ in der Schumann- stadt: Scientology.
 
Zu Gast war der Scientology-Aussteiger Norbert Potthoff aus Krefeld, der zunächst den Versuch unternahm, das Weltbild derScientology-Organisation zu umreißen. Dieses, so Potthoff, gehe von den sozialdarwini- stischen Thesen des britischen Entwicklungstheoretikers Herbert Spencer (1820 - 1903) aus, der es als das Vorrecht des Stärkeren gesehen hatte, den Schwachen auszubeuten und mithin ein asoziales Menschenbild formuliert habe. Spencer sei damit nicht nur ein Vordenker des Nationalsozialismus gewesen, sondern habe so zugleich das Fundament von Scientology-Gründer L. Ron Hubbards Dianetik-Lehre gelegt. Danach sei der Mensch als programmierbare Maschine zu betrachten.
 
Anschließend beschrieb Potthoff seinen Weg durch die Mühlen des Psycho-Konzerns. Der hatte für den Besitzer einer Werbeagentur um 1981 mit dem Problem mangelndem Selbstbewusstseins und daraus resultierendem geringen Verhandlungsgeschick begonnen. Ein Bekannter, der es augenscheinlich „geschafft“ hatte, erzählte ihm erstmals von der „angewandten Philosophie, mit der man Probleme des Lebens und Denkens lösen kann“. Ermutigt von Erfolgen bei ersten Kursen, dominiert vor allem von stressorientierten Übungen, „Programmierung“ eben, geriet Potthoff nach eigener Erzählung immer tiefer in das Beziehungs- und Abhängigkeitsdickicht von Scientology. Ein Grund dafür: Die zunehmende Selbstüberschätzung, die Übungen nach Hubbards Technologie mit sich bringen. Kunden zogen sich von Potthoff zurück, als er auch ihre Unternehmen scientologisch beeinflussen wollte. Schließlich war er es leid mit all den „armen Irren“ zu tun zu haben, als die Scientologen Nicht-Scientologen betrachten: Er gab seine Agentur auf und arbeitete für den Konzern. Dort verpflichtete er sich 1984, ihm „für Milliarden Jahre“ zu dienen. Es wurden dann doch nur vier daraus: Nach zwei zerrütteten Ehen, einem angewachsenen Schuldenberg und der schließlich obsiegenden Erkenntnis, in einem System gelandet zu sein, das nur vorgibt, den Menschen zu helfen, stieg er aus.
 
Wer indes von Potthoff Näheres zu den lokalen Aktivitäten von Scientology und namentlich des „Herrn F.“ hatte erfahren wollen, sah sich enttäuscht. Bis auf gewagte Vergleiche, so zog Norbert Potthoff eine Parallele von Kurt Fliegerbauers sanierten Häusern zu Hitlers Autobahnen, erschöpfte er sich in allgemeinen Aussagen zu Verhaltensweisen in scientologisch geführten Unternehmen. Und selbst die, die er nannte, konnte man bei näherem Hinschauen ebenso gut als Methoden deuten, die im Zeitalter der Globalisierung in der Wirtschaft gang und gäbe sind.
 
Aufschlussreich immerhin seine Antwort auf eine der zahlreich gestellten Fragen: Wird Scientology Flieger- bauer beim Prozess wegen ausstehender Gebührenzahlungen unterstützen? Potthoff: „Eigentlich nein. Aber wenn es dem guten Image dient, könnte ich mir denken, dass die was lockermachen, damit der Laden nicht zusammenbricht.“ Mal sehen.
 
 
Freie Presse, 15.10.2001
 
Zwickau : Scientology-Aussteiger packt nächste Woche aus „Scientology - aus dem Innenleben einer Sekte. Ein Aussteiger erzählt“, heißt eine Veranstaltung, zu der der Zwickauer Kreisverband des Deutschen Gewerk- schaftsbundes (DGB) die Bevölkerung für Freitag nächster Woche um 19 Uhr in den Gasometer, Kleine Biergasse 3, einlädt. Der Eintritt ist frei. Nach dem Vortrag soll sich eine Diskussion anschließen.
 
Als Scientology-Aussteiger wird Norbert Potthoff aus dem Nähkästchen plaudern sowie Einblicke in die Methoden der Sekte und deren Umgang mit Mitgliedern und Kritikern geben. „Wir sind froh, dass wir Potthoff für den Vortrag nach Zwickau holen konnten“, sagt DGB-Kreisvorsitzender Werner Schuh. „Denn bisher ist in der Stadt vor allem über Scientology geredet worden.“ Durch Potthoffs Vortrag erhofft sich der SPD- Stadtratsfraktionsvize nun Aufschlüsse und Erkenntnisse über interne Strukturen und Machenschaften der Sekte. Er geht davon aus, dass der Gasometer nächsten Freitag bis auf den letzten Platz besetzt ist.
 
Dass Scientology noch immer ein brennend-aktuelles Thema in Zwickau ist, weiß der DGB-Chef nur zu gut. Zumal der bekennende Scientologe und Chef der Schloss Osterstein Verwaltungs GmbH, Kurt Fliegerbauer, nach wie vor in der Stadt weilt und Gebäude sanieren lässt. Nachdem zuletzt das von ihm erneuerte Kräutergewölbe eingeweiht worden ist, führt er derzeit Regie bei der Sanierung der ehemaligen Milchbar am Hauptmarkt sowie beim Neubau eines Wohn- und Geschäftskomplexes in der Magazinstraße.
 
Auch das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz geht in seinem 2000er Bericht auf Scientology ein. Auf fünf Seiten befassen sich die Verfassungsschützer mit der Lehre, den Werbestrategien und dem Treiben der Organisation. Scientology, 1954 von L. Ron Hubbard in den USA gegründet, eröffnete 1970 die erste Niederlassung in Deutschland, wo es derzeit rund 6000 Mitglieder gibt. „Mehrere Dutzend“ seien es in Sachsen, hat das Landesamt festgestellt und kommt zu dem Schluss: Die Sekte sei zwar „verhalten, aber dennoch permanent im Freistaat tätig“.
 
Politische und wirtschaftliche Ziele seien bei Scientology eng miteinander verknüpft, sagen die Verfassungs- schützer. Durch Vermarktung von Kursen und Publikationen sowie Gewinnabschöpfung von Firmen, die nach Hubbards Vorgaben geführt werden, schaffe sich die Organisation die Basis für ihre wirtschaftliche Expansion. Scientologische Unternehmen finden sich in Sachsen laut Landesamt insbesondere in der Immobilien- und Baubranche. Über Fliegerbauer heißt es: „In Zwickau ist seit 1994 eine Immobilienfirma mit einem hoch-
rangigen Scientologen als Geschäftsführer tätig. Er verstand es, ein Firmengeflecht aufzubauen, das in erheblichem Maße Einfluss auf den Zwickauer Immobilienmarkt ausübt.“
 

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